Die Woche der mutigen Sinnsucher

Foto by Ed Binkley
Und jeden Tag aufs Neue, stelle ich mir die Frage: Lohnt es sich? Lohnt es sich, aufzustehen? Lohnt es sich, rauszugehen? Ein Tagebuch.

Inmitten meiner Wegbereitung in die Selbstständigkeit werde ich – mal wieder – mit meinen existenziellen Fragen konfrontiert. In einer neueren Tiefe, die mich zur Zeit immer wieder an Verzweiflungspunkte bringt.
Ich war schon immer eine Expressionistin. Die Gefühle, die Worte, alles muss raus. Schreiben hilft. Tanzen hilft. Singen hilft. Noch mehr hilft es, das Geschriebene zu veröffentlichen. Das Tanzende vor Zuschauern zu tanzen. Das Singende vor Zuhörern zu singen. Wenn ich es nur für mich tue, fühlt es sich an, als wäre es immer noch bei mir. Und genau hier beginnt die Aufgabe: Wieso kann ich es nicht NUR für mich tun? Wieso brauche ich Zeugen? Wieso brauche ich die Bestätigung?

Mo., 17.2.2020


Seit 3 Wochen nehme ich Gesangsunterricht. Und diese eine Stunde in der Woche ist ein unglaublich klarer Spiegel zu dem, wie ich mit mir selbst umgehe. Immer wieder konfrontiert sie mich damit, dass ich für mich selbst singen solle. Das fängt schon beim Atem an. Ich atme zu viel Luft nach außen. Erst letzte Stunde habe ich bewusst erfahren, wie es ist, während dem Singen einzuatmen. Also während ich aktiv einen Ton erklingen lasse, also einen Ton nach außen gebe, trotzdem einzuatmen. Und mir stiegen leicht die Tränen ins Gesicht.
In meiner Arbeit als Körpertherapeutin arbeite ich sehr viel mit dem Atem. Und auch dort darf ich immer wieder zum Simplen zurückkehren, darf erfahren, wie es ist einzuatmen. Für mich.
Die große Sinnfrage jedoch, sie bleibt. Jeden Tag bin ich gefordert, ihr zu antworten. Tagtäglich schaut sie mich an, mit großen Augen und pochendem Herzen, ob es sich lohnt, hierzubleiben. Wie oft habe ich schon mit „Nein“ geantwortet?
Ich möchte hier jeden Tag darüber schreiben. Für eine Woche. Ja, es darf weitergehen. Ja, ich bleibe da. Ja, ich darf einatmen.

Di., 18.2.2020

Immer wieder frage ich mich, ob es gut ist, mich so transparent in der Öffentlichkeit, oder sagen wir, der Pseudo-Öffentlichkeit hier im Internet, zu zeigen. Und immer wieder komme ich zur selben Antwort: Ich weiß es nicht, aber irgendwas in mir drängt mich dazu, es zu tun. Und ich bin bereit mehr und mehr zu erfahren, wieso.
Heute war ein wundervoller Tag. Tausende Erkenntnisse. Und dann wiederum nix Neues. Alles war eigentlich schon da. Das ganze Wissen. Es kam nur noch stärker, noch betonender, noch selbstbewusster zum Vorschein. Heute habe ich zum ersten mal mit psychoaktiver Microdosierung gearbeitet. Ich hatte wundervolle Begleiter für dieses „erste mal“. Es war konfrontativ, liebevoll, provokativ, beängstigend, erleuchtend, langweilig, extatisch, mysteriös, befremdlich, freundschaftlich, melodramatisch, zerstreuend, zusammenbringend, vereinend, urkomisch, klärend und verwirrend. Jetzt, ein paar Stunden danach, bin ich in einer wohligen Glückseligkeit da, in freudiger bis beängstigender Neugier, was da noch alles auf mich wartet in den nächsten Monaten. Das JA zu Heilung, mit all seinen Konsequenzen, ist noch stärker.
Und ich spüre, wie es mich manchmal wegspült. Wie schnell Wahrheiten sich ändern können. Schon letzte Woche hatte ich die Erkenntnis, dass jede Lüge auch mal Wahrheit war. Und jede Wahrheit so so so schnell vergehen kann. Wenn wir Angst haben, Lügen zuzugeben, haben wir keinen Respekt vor unserer eigenen Wahrheit. Und vor unserer eigenen Veränderung. Das Festhalten an einer Wahrheit bedeutet, dass wir kein Vertrauen haben, in Mutter Erde. Dass wir dennoch von ihr gehalten werden. Und mehr sogar: Dass wir den Halt umso stärker spüren, umso mehr wir uns selbst zumuten, zu unseren Lügen zu stehen. Und damit der unberechenbaren Wahrheit Raum zu geben.
Wow. Diese Worte habe ich nicht kommen sehen 😀 Bähm. Freude. Schönheit. Fügt sich stimmig an. Bis morgen 🙂

Mi., 19.2.2020

Der Tag nach der ersten Microdosing Erfahrung ist das komplette Gegenteil – mal wieder. Ich weiß nicht, wie oft ich mich noch in dieses Schwarz-Weiß Verhalten reinstürzen will. Borderline. Immer an der Grenze entlang. Oder so.
Was für mich immer weniger Sinn macht ist, nach solch einer Erfahrung in so einer sinnüberfluteten Umgebung zu sein. Als ich letzten Sommer von einem zwei wöchigen Butoh-Camp im serbischen Niemandsland zurückkam, hatte ich ordentlich mit der Wiedereinzivilisierung zu tun. Als ich durch die Straßen lief, viel mir auf, dass viele Menschen mit leicht hängendem Kopf oder dauerhaft gerunzelter Stirn durch die Gegend liefen. Ein Zeichen für Überstimulierung? In der Dokumentation „Heal“ (Keine Schleichwerbung –>https://www.netflix.com/de/title/80220013) wird immer wieder betont, das die Hauptursache für Krankheiten Stress ist. Irgendetwas im System ist so stark überstimuliert, dass es nach einer Pause schreit. Wichtige Funktionen setzen aus. Organe gehen in Zwangsurlaub oder greifen sich selbst an.

Diesen Montag durfte ich eine Klientin begleiten, bei der sehr starke traumatische Symptome auftraten, als ich die Stelle zwischen Nacken und Kopf behandelte. Mir kam nach der Behandlung eine These: Sind wir deswegen so kopflastig in unserer Interaktion, weil sich viel traumatische Energie im Kopf sammelt? „Mein Kopf funkt mir immer wieder dazwischen.“, „Mein Kopf will Erklärungen für das, was mein Körper macht.“, „ich denke zu viel“, „Mein Kopf macht mir immer wieder einen Strich durch die Rechnung.“. Diese Mechanismen, die viele Menschen – inklusive mir – als einfach nur nervig und hinderlich empfinden – können sehr wichtige Warnsignale sein. Es sind Grenzen, die dein Körper dir aufzeigt. Auch wenn sie vermeintlich „nur“ vom Kopf ausgesendet werden. Aber der gehört schließlich auch zum Körper. Nun, jedenfalls sagt mir mein System immer immer stärker, dass ich da raus muss. Was „da“ ist, das weiß ich nicht. Ich kann es nur erahnen. Derzeit fühlt es sich weitestgehend wie ein toxischer Cocktail aus zu vielen nicht gelebten Erlebnissen an. Und wenn ich das so schreibe, werde ich wieder traurig und frustriert, weil ich so viel, wonach ich mich sehne, noch nicht gemacht habe. Zu oft „Ja“ gesagt habe, wo ich kein „Ja“fühlte.
Eine Hausaufgabe, die mir meine Therapeutin bei unserer letzten Sitzung mit auf den Weg gegeben hat war, zu allem „Ja“ zu sagen. Erstmal war ich erschrocken. Dann fügte sie hinzu: „Das bedeutet auch, ein „Ja“ zu jedem „Nein“ zu haben.“ Also zu jedem Nein auch zu stehen.
Die ersten Tage klappte es ganz gut. Aber ich merkte auch, wie ich eher leisere Neins nicht gleich kommunizierte, oder mir Überlegungszeit warm hielt, obwohl ich die Antwort schon klar hatte. Umso länger der Abstand zur letzten Sitzung war, umso mehr fiel ich wieder in mein altes Muster des oft unentschlossenen kleinen Mädchens zurück, das nicht so recht weiß, was es will. Doch allein diese paar Tage der neuen Ehrlichkeit machten so einiges in mir. Ich merke, wie mein Körper erschöpfter ist, wenn ich zu viele „Neins“ nicht kommuniziert habe. Ich merke, dass Freunde mich auf Dinge ansprechen und mir ihre Hilfe anbieten, in dem Moment, wo ich noch in mir ringe, ob ich es aussprechen und sie um etwas bitten soll. Meine inneren Bewegungen werden also klarer nach außen kommuniziert, auch wenn ich noch nicht voll und ganz die Verantwortung dafür übernehme. Na wenigstens etwas!
Und ich sage JA zu meiner Müdigkeit, die entsteht, wenn ich nach sehr öffnenden und erkenntnisreichen Erfahrungen wieder ein Stück in meine Muster zurückfalle. Es ist ok, müde zu sein und nicht gleich alles integriert zu haben. Es geht darum, zu vertrauen. Und zu spüren, dass ich JETZT schon vollkommen bin. Ich bin ok. Du bist ok.
Over and out.

Do., 20.2.2020

Gestern Abend hatte ich tatsächlich vergessen, einen Eintrag hier zu schreiben. Und nun funktioniert das Internet nicht. Und es könnte so schön sein, ohne Internet. Keine Sinnüberflutung und sinnloses Seriengucken. Doch ich stresse mich, da ich nun wichtige Dinge nicht erledigen kann. Doch wie wichtig sind diese Dinge überhaupt? Ja, wie wichtig ist das alles? Ich spüre immer stärker, wie ich das Leben herausfordern möchte. Stimmt es wirklich, dass immer für mich gesorgt ist, dass die Fülle unendlich ist und dass ich loslassen darf? Umso mehr ich durch Prozesse – durch sehr schöne Prozesse gehe – umso lauter werden diese Fragen, die es zu beantworten gilt. Was möchte ich wirklich der Welt schenken? Sind es Aufstellungen? Sind es Butoh-Kurse? Sind es Massagen? Wie schenken wir? Wie werden wir beschenkt? Schenken wir aus dem simplen Grund, einfach schenken zu wollen, oder spielen da noch weitere Gedanken mit rein? Wo fängt Sinn überhaupt an? Darf es sinnvoll sein, einfach nur aus einer Freude heraus etwas zu tun?
Auch merke ich, dass es total ok ist, nach einer so mit Wahrheit überfluteten Erfahrung, wie am Dienstag durch die Microdosing, wieder zurückzupendeln. Das System weiß ganz genau, wie weit es gehen kann. Es weiß ganz genau, welche Geschwindigkeit im Wachstum gesund ist. Wir sind es ja gewohnt, Pflanzen und Tiere zu essen, die mit Wachstumsmitteln gedopt wurden, um schneller zu wachsen. Und deswegen denken wir, dass wir das mit uns auch machen können und vielleicht sogar müssen. Weil man eben mithalten muss, in dieser Welt. Doch mal ganz genau zu beobachten, wie du selbst wächst, dich wie eine wilde Pflanze zu betrachten, dir zuzuschauen, wie du gedeihst, wie du im Herbst und Winter eher schrumplig wirst, dich zurückziehst, dir einen Schutzpanzer für die Kälte zulegst und dich genau in jedem Wachstums- und Schrumplungsprozess zu genießen, zu feiern. Das wäre doch mal was. Ich denke, wenn wir uns unserer naturgegebenen Prozessen, unseren inneren Jahreszeiten, nicht hingeben, können wir unser Wachstum genauso wenig genießen. Dann ist der Frühling auch nur halb so entzückend, nur halb so sprießend und leuchtend, weil du dir davor nicht genügend Ruhe und Schrumpligkeit gegönnt hast. Und der Sommer mit seiner Hitze und Feurigkeit wird dann erst recht anstrengend. Fühl dich hiermit eingeladen, deine eigenen Jahreszeiten zu entdecken. Jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag. Jedes Leben.

Fr., 21.02.2020

Eigentlich ist es jetzt schon Samstag. Auch uneigentlich. Ich wollte gerade so tun, als könnte ich von Freitag erzählen, als wäre es Freitag. Aber es ging nicht. Also erzähle ich von Freitag aus der Perspektive von jetzt, von Samstag. Ich bin schon den dritten Tag in Folge ohne morgentliche Depression aufgestanden. Ich bin einfach aufgewacht, noch vor dem Wecker, und war wach. Ihr glaubt gar nicht, welch unglaubliche Bereicherung das für meinen kompletten Tagesverlauf ist. Sonst wache ich nicht mal wirklich auf und muss mich unglaublich zwingen, aufzuwachen. Selbst wenn ich mir gönne, auszuschlafen.
Soweit, so gut. Ich bin gespannt wie lange es diesmal anhält. Das letzte mal, im Oktober, hielt es zweieinhalb Wochen an. Durchweg. Dann schlich sich langsam wieder mein altes Muster rein, wo ich damals noch nicht mutig genug war, wirklich hinzuschauen. Wenn ich diesen „Unmut“ merke, dann geht es meistens in die Selbstbestrafung, dass ich irgendetwas schon wieder nicht geschafft habe. Ich merke, wie ich das langsam mehr annehmen kann und eine freudige Neugier in mir hochkommt, mich auch an diesen Stellen zu ergründen und kennenzulernen. Wenn wir mit dem Glauben leben, dass alles da sein darf, dann müssen wir auch mit den Konsequenzen leben. Und die sind manchmal wunderschön, manchmal auch schmerzhaft und konfrontativ. Dann auch damit da zu sein, das ist die Kunst. 🙂

Montag, 24.02.2020

Heute ist schon Montag, genau. Ich habs also mal wieder nicht ganz durchgezogen. Ok ich war erkältet. Ist das eine Ausrede, die ich akzeptieren kann? Nein, ich brauche keine Ausrede. Es war einfach so. Und ich bin stolz auf mich, dass ich überhaupt 5 Tage geschafft habe UND nicht in einem Zwangsgefühl und „oh mein Gott, ich muss das jetzt machen, aber eigentlich habe ich keine Lust“, sondern immer wieder habe ich mich ausgerichtet und geschaut, was ich gerade wirklich erzählen möchte. Was ich gerade wirklich FÜR MICH machen möchte. Und immer wieder diese Entscheidung zu treffen, etwas nicht fürs Außen zu machen, etwas einfach zu machen, weil ich es möchte und gern mache, das ich zur Zeit meine Dauerübung. Gestern war es auch wieder so. Ich hatte sei sehr langer Zeit eine eigene Aufstellung bei meinen Dozenten. Und die größte Herausforderung war erstmal, wirklich zu schauen, was ich denn eigentlich möchte. Ob ich einfach nur irgendwelche systemischen Sachen anschauen möchte, weil sie irgendwie auf der Hand liegen und mir doch dazu geraten wurde, dieses oder jenes anzuschauen. Oder ob ich wirklich einen Wunsch habe, ein Anliegen habe. Eine tiefe Sehnsucht in mir. Und so kam ich schließlich zu meinem Partnerwunsch. Klassiker. Nix besonderes. Doch. Für mich schon. Ich bin seit über 3 Jahren Single. Und es klickt einfach nicht. Es ist wie verhext. Ich lerne nicht mal jemanden kennen, wo es ansatzweise in Richtung Partnerschaft laufen könnte. Geschweige denn Affäre. Also quasi nur rein freundschaftliche Beziehungen. Und gestern in der Aufstellung war es für mich teilweise erschreckend zu sehen, wovon mein Idealpartner wegläuft. Dass es da teilweise stark um mein systemisches Paket geht, dass ich da so mit mir rumtrage. Dass ich, durch all das, was durch mich wirkt, gar nicht zur Verfügung stehe. Doch es durfte sich viel auflösen. Und was mich am meisten berührte war, dass ich meiner Mutter auf einer Art und Weise begegnet bin, auf die ich nicht vorbereitet war: Nämlich in einer total weichen, leisen, wertschätzenden Art und Weise. Und in mir kam ein wenig Scham hoch, dass ich diese Seite in ihr sonst nur selten wahrnehme. Und ihr da überhaupt die Chance zu geben, sie so zu sehen. Ihr etwas zu gönnen. Ihr zu verzeihen. Einfach im gegenwärtigen Augenblick den tiefen Frieden zu spüren. Doch wenn die Stellvertreterin ohne große Prozessarbeit so da ist, hat sich in mir wohl unterbewusst schon viel getan. Also danke, liebes System <3
Ich habe nun wieder stärker ein JA zu dieser Arbeit. Zum Aufstellen. Und es darf auch einfach weich und ruhig und undramatisch sein.
Hiermit beende ich die Woche der mutigen Sinnsucher. Vielleicht konntest du ja hier und da ein paar Inspirationen mitnehmen. Ich werde auf jeden Fall öfter solche Themenwochen machen. Das hat gut getan. Aho.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.