Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

– ein Update zu meinem „Scham“-Projekt

Mit meiner heutigen Klientin, die sich für mein Schamprojekt bereiterklärte, ging es um Scham vor den eigenen Grenzen.

Grenzen ziehen, seinen eigenen Raum abstecken und diesen wahren, auf ihn Acht geben.

Wirklicher Kontakt entsteht nur an der Grenze. Stell dir vor, du hättest keine Haut, da wäre nichts, einfach nur Luft. Könntest du Kontakt erfahren? Eine andere Person ganz konkret physisch spüren? Könntest du dich selbst als eigenständiges Wesen spüren?

Nein.

So sind also Grenzen eine überlebenswichtige Instanz.

Wenn wir uns für unsere Grenzen schämen, wenn wir uns dafür schämen, ein „Stopp“ zu kommunizieren, laufen wir also Gefahr, kontaktlos zu bleiben. Demnach laufen wir Gefahr, zu verhungern. Denn wo kein Kontakt, da kein Nähren.

Welten, die sich sehr symbiotisch anfühlen, die sich dem Genuss des Ineinander Verschwimmens und Verschlingens hingeben, eine starke Sehnsucht zum Einssein, sind letztlich auch Welten der Kontaktlosigkeit. Wir verlieren uns darin.

Nun erfahre ich Scham auch immer mehr als Teil des Grenzgefühls. Dieser Satz „Ich möchte am liebsten im Boden versinken“ stellt sich für mich paradoxerweise lediglich als Symptom unterdrückter Scham dar.
Wenn ich Scham bewusst spüre, sagt mir mein Körper, dass sich entweder etwas noch nicht ganz sicher anfühlt und ich lieber noch ein bisschen beobachten soll, oder – und das ist letztendlich nur eine andere Sichtweise dafür – er zeigt mir durch die Signalisierung von Scham ganz deutlich, welche Sache in mir lebendig sein möchte, sich gerade anbahnt, geboren werden möchte – und einfach sicherstellen möchte, dass ich (und auch mein Umfeld) auch respektvoll mit ihr umgehe. So verhilft mir Scham, das richtige Tempo zu finden, im Ausdruck meiner Selbst, im Kontakt mit anderen.

Der Drang nach den Spiegeln, die die eigene Unsicherheit verspiegeln

Der Drang nach den Spiegeln, die die eigene Unsicherheit verspiegeln

– ein Update zu meinem „Scham“-Projekt


Foto © Sabrina Lieb
Manchmal hat man so Stimmen im Kopf, die einem über Monate hinweg sagen, dass man was Bestimmtes tun soll. „Vision“, sagen viele gern dazu. Und man weiß gar nicht so recht wieso man das tun soll. Das sagen die Stimmen einem nicht. Bei mir war es mit dem „Scham“-Projekt so. Ich kann mich nicht mal mehr an den Moment erinnern, an dem diese Stimme zum ersten mal anklopfte. Nur noch verschwommen kommen mir diverse Szenen in den Sinn, wo diese Vision durch mein Köpfchen schwirrt, beispielsweise auf dem Fahrrad sitzend – und immer wieder dieses Bild: „Tauche ein, in die Scham, gehe raus, mit der Kamera und entdecke die Scham fotografisch.“. Nun haben wir uns immer wieder heimlich getroffen, an versteckten Orten, ich und die Scham. Mal hier, mal da, hab ich mich gezeigt mit ihr. Mit einer befreundeten Fotografin mal im Studio getroffen, mal erste Fotos gemacht. Doch Klarheit, wie dieses Projekt nun konkret aussehen soll, die wollte irgendwie nicht so richtig kommen.

Und dennoch drückte es weiter in mir, diesem Projekt nachzugehen.

Also fahre ich ins Elsaß, zu der Person, die mir eigentlich zu aller erst in den Sinn kam, für eine Zusammenarbeit. Ganz zufällig – und eben doch in heimlicher monatelanger Vorbereitung, ergibt sich diese Reise. Vieles heimlich zu machen, das ist ein Symptom meiner Scham. Auch als ich schon da bin, ist es ein sehr vorsichtiges Begegnen mit Sabrina. Auch ein vorsichtiges Begegnen zwischen mir und meiner Unsicherheit. Es drückt immer mehr in mir, diese Heimlichtuerei, sie soll aufhören. Heimlich Schokolade essen, heimlich weinen, mich heimlich hässlich fühlen, heimlich Ideen spinnen. Und auch heimlich diese Crowdfunding-Campagne starten.

Und dann, von jetzt auf gleich, nicht einmal von heute auf morgen, ist dieses Projekt so präsent im Internet. Klar, nur weil es sich für mich nun so präsent anfühlt, schwappt diese Präsenz noch lange nicht zu anderen Menschen über. Das dachte ich eigentlich. Im Übereifer teilte ich also die Seite der Crowdfunding-Campagne in mühevoller Kleinstarbeit mit einer Reihe von Menschen. Die Reaktionen sind gewohnt wertschätzend, manche möchten mich unterstützen, möchten daran teilhaben. Doch wenige spenden Geld. Als ich das immer mehr merke, schleicht sich eine Mauer zwischen mir und das Projekt ein. Ich verliere den Mut und auch die Lust, weiterzumachen. Und ich frage mich, wieso denn auf einmal diese großartige, nährende, tatendrängerische Lust weg ist, nur weil mir nicht gleich hunderte Menschen ihr Geld in die Tasche schieben, für etwas, das noch nicht mal existiert. „Aber ihr müsst doch diesen unsagbaren Wert dieses Projektes sehen!“. „Und ihr müsst mir durch euer Geld Wertschätzung entgegenbringen, dass ich mich vor aller Welt so nackt mache und mich diesem großen Thema Scham widme!“.

Diese Gedanken erkannt, durchfühlt, durchdacht, merke ich, puh, da kommt jetzt irgendwie auch Scham darüber auf. Und vor allem kommt auch Wut mir selbst gegenüber auf, dass ich mir meine Lust so schnell verderbe. Und so darf ich in den unverhofftesten Alltagsmomenten die Scham erforschen.

Gebe ich mir durch den Erhalt von Geld die Erlaubnis, etwas tun zu dürfen?

Und auch wenn der Impuls, es einfach wieder sein zu lassen (weil jetzt halt die Lust nicht mehr da ist) immer noch da ist, so ist die Neugier stärker, dem Ursprung dieses Lustbruchs nachzugehen.

Also mache ich weiter. Schreibe Notizen, lese Texte, antworte auf die Reaktionen der Menschen, denen ich den Crowdfunding-Link geschickt habe. Es fühlt sich nun alles sehr hastig an, sehr gezwungen, alle mit ins Boot holen zu wollen, mit dem heimlichen Bedürfnis, dass dann irgendwie Geld bei rausspringt. Meine Antworten verpacke ich in Worte, die Engagement, Tatendrang und Vernetzertum symbolisieren. Und zwischen den Zeilen huscht immer wieder diese Unlust übers Papier. Wortgewandt wie ich bin, lasse ich mir das nicht anlesen. Schließlich möchte ich gesehen werden und dann bitteschön auch bezahlt werden dafür!

Dann ist da der Tag, ein Sonntag, wo es einfach dann endlich passiert: Sabrina und ich machen Fotos.

Im elsäßischen Wald. Sie in ihrer fotografischen Klarheit und Direktheit, der Wald in seiner gewohnten Kraft und Mütterlichkeit – und ich….ich fühlte mich irgendwie leer und gleichzeitig ganz klar da. Einfach da. Hier, in diesem wunderschönen Wald, nackt, mal auf dem Boden liegend, mal zwischen Bäumen stehend, mal zusammengekrümmt wie ein Embryo.

In keinem Moment verspüre ich Scham – und doch ist sie da. Irgendwie ganz zart, ganz unterstützend. Mich innerlich tragend.

Wir, die zwei Frauen, die sonst so uferlos umherschwimmen, mal halb ertrinkend, mal sich einfach treiben lassend, nach Identität suchend und dann wieder alles wie eine heiße Kartoffel fallen lassen wollend, sind auf einmal so sehr in unserer Klarheit. Es ist ein Erlebnis großer Zufriedenheit, Schönheit und Zeitlosigkeit. Und diese Zufriedenheit setzt sich seitdem fort. Was sich verändern muss, ist mein Umgang mit meiner Rolle in der Gesellschaft. Wie ich mich zeige und vor allem, WIESO ich mich zeige. Der Drang, Bestätigung zu erhalten, indem ich Texte poste, Bilder teile, Gechichten erzähle, er wird kleiner. Fast schmerzlich und doch großartig befreiend schwindet er dahin. Also, wie – und ob überhaupt – soll ich diese Kanäle der sozialen Medien hier nutzen?

Und es eilen die Muster voran

Bildquelle: playfestival.de

Danke an diese heutige grandiose Gestalt-runde, die so ungeplant, unstrukturiert und ungeschliffen war. Ich fühle mich inspiriert, intensioniert und neu geschliffen.

Es stand auch die Frage im Raum: „Für was stehst du mit deiner Arbeit?“

Und diese Frage brachte ebenso grandiose Prozesse bei uns allen in Gang. Prozesse, die schnell abstrakter und emotionaler wurden, als es diese simple Frage beabsichtigte.

Was ich schon zu Beginn unserer Zusammenkunft merkte, obwohl wir uns so lange nicht gesehen hatten, war, dass jedem wichtig war, möglichst passgenau das Eigene und hier speziell das gegenwärtig Eigene zu zeigen und zu erläutern. Keinem Konzept zu folgen. Keinen Worten zu folgen, die möglichst rund und ästhetisch klingen, aber womöglich nicht die eigene Ästhetik beinhalten. Der Faulheit wegen (?) übernehmen wir ja oft Konzepte. Und folgen der Illusion, dass sie uns bis an unser Lebensende glücklich machen werden.

„Tu dies und das und du wirst für immer dieses und jenes Problem lösen.“

Und das Trickreiche daran ist, dass selbst unsere eigenen Konzepte nicht für immer passen. Manchmal passen sie für ein Jahr, manchmal nur für einen Tag, manchmal sogar nur für eine Stunde oder einen flüchtigen Moment.

Wann Konzepte zum Verhängnis werden

Ein Konzept rückt ja grundsätzlich die Zukunft in den Vordergrund. Denn ein Konzept setzt voraus, dass wir einen Plan haben. Dass wir uns eine bestimmte Schrittfolge, eine Choreografie ausgedacht haben. Das ist jetzt nicht grundsätzlich schlecht, aber auch nicht grundsätzlich gut. Für mich ist es spannend mit Konzepten zu arbeiten. Sie geben uns Struktur, eine bestimmte Ausrichtung. Doch wenn ich in ihnen einen „Retter“ sehe, mache ich mich von ihnen abhängig. Dann können sie auch schnell zum Täter werden. Zum Beispiel dann, wenn sie uns nicht da hinbringen, wo wir mit ihnen hinwollten. Dann sind wir zum Beispiel wütend auf dieses Konzept. Schließlich hatte es etwas anderes versprochen. Verdammt nochmal, du doofes Konzept!

Außerdem erschweren sie es uns, im Moment zu bleiben, intuitiv zu bleiben. Das Neue, Unbekannte zuzulassen und sich im Vertrauen zu schulen. Wir laufen Gefahr, uns am Roten Faden entlangzuhangeln, ohne unsere Umgebung wirklich wahrzunehmen und für andere Möglichkeiten offen zu bleiben. Ich selbst merke immer mehr, dass ich durch ein festes Konzept schneller Grenzen aufziehe, aus Angst, meinen Kurs zu verlieren, damit auch schneller aus dem Kontakt gehe mit mir und meiner Umwelt.

Ein Beispiel…

Und wie subtil Konzepte sein können (im psychologischen Bereich werden sie auch gern „Muster“ genannt), merkte ich auch in genau eben dieser offenen Gestaltrunde. Ich möchte hier meinen eigenen Erkenntnisgang ganz kurz umreißen: Wenn ich mich schäme (der Grund dafür ist hier nebensächlich) mache ich mich größer (sowohl psychisch wie auch körperlich), gehe damit auch in eine herablassende Haltung und begebe mich in eine Kampfposition. Der Kontakt wird komisch, bricht irgendwie ab, ist nicht mehr beim neutralen „Ich“ und „Du“.
Das war für mich nicht gänzlich neu, aber doch war es sehr spannend und aufschlussreich, das in so klarer, komprimierter und undramatischer Form zu erleben.

Wann ist etwas eine spontane Reaktion,
wann ein unterbewusstes Konzept,
das gerade ins Bewusstsein kommt?

Da ist dann also dieses Konzept, dass ich aus Scham vor der Scham automatisch den Weg wähle, in die Anmaßung zu gehen. Nun stelle ich mir die Frage, ob es wirklich ein Konzept, ein in mir fest etabliertes Muster ist, das wirklich geplant war. Oder ob es doch eine spontane Reaktion war. Schließlich habe ich mich nicht bewusst für die Anmaßung entschieden, sondern habe sie erkannt, als sie schon da war.

Hier wird es also knifflig. Hier befrage ich meine Intuition. Die Gestalt in mir, die irgendwie ziemlich viele Antworten parat hat, ohne eine inhaltliche Erklärung dafür zu haben.

Und diese sagt ganz klar, dass die Abfolge Scham → Anmaßung → Rückzug ein schon sehr altes Konzept von mir ist. Zu spüren, wie ich mich für diese Abfolge entscheide und das dann auch auszusprechen, ist für mich ein entscheidender Schritt, dieses Konzept zu verlassen.

Die Frage nach dem „Wieso“

Oft fragen wir uns dann nach dem „Wieso“. Wieso mache ich das so und so? Wieso verdammt nochmal? Was ist die Ursache? Wer ist der Übeltäter, der mich dazu gebracht hat, so zu handeln? Sind es meine Eltern, die mir immerzu gesagt haben, dass ich mich nicht schämen brauche? Ist es die Gesellschaft, die mich erst dazu gebracht hat, mich für mich zu schämen? Oder ist es gar ein Ahne, von dem ich diesen Mechanismus übernommen habe?

Manchmal kann es sehr erlösend sein, den „Übeltäter“ zu finden. Der Quelle zu folgen und den Ursprung zu erkennen.

Und manchmal bringt es mich davon ab, etwas zu verändern. Denn der Ursprung liegt nun mal in der Vergangenheit. Der Ursprung selbst kann nicht verändert werden. Was wir allerdings verändern können ist, wie der Ursprung in unsere Gegenwart wirkt.

Die Frage nach dem „Wie“

Also, nach dem „Wieso“ könnte das „Wie“ folgen. Wie mache ich das, dass ich mich schäme? Und wie mache ich das, dass ich von der Scham in die Anmaßung und dann in den Rückzug gehe? Ich persönlich merke im „Wie“ eine stärkere Neugier. Die Gier, etwas Neu zu erfahren, etwas zu verändern, ist stärker. Ich spüre eine stärkere Verbindung zu mir selbst, als beim „Wieso“. Es ist kein Hinterfragen, sondern ein Erfragen. Erforschen.

So wie meine Mutter mir immer schon sagte: „Sei mal wie ein Detektiv“, wenn ich wieder mal wegen meinen hohen Blutzuckerwerten durchgedreht bin.

Ach wie schön uns doch chronische „Krankheiten“ unsere chronischen Konzepte aufzeigen

Und so schließt sich in mir erneut ein Kreis, der mir zeigt, dass es auch beim Heilen einer Krankheit nur sekundär um das Aufspüren der Ursache geht. Dass sie ein so wahnsinnig wertvoller Begleiter sein kann, immer wieder Neu zu schauen. Immer wieder Neu zu sein.

Wie oft in meiner Karriere als Diabetespatientin war ich schon an dem Punkt, dass ich innerhalb eines bahnbrechenden Erkenntnisprozesses überzeugt davon war, dass dies nun DER Grund für meine Krankheit ist. Und tatsächlich habe ich mich eine Weile nach diesen Prozessen auch gesünder gefühlt. Doch dann ging es wieder in gewohnte Schleifen (gewohnte Konzepte?). Ich suchte danach sogar teilweise die Menschen auf, die mich innerhalb dieses Prozesses begleiteten oder Mitauslöser dafür waren. In der Hoffnung, dass sie doch bitteschön nochmal das Gleiche tun würden. Wenn dies nicht geschah, war ich heimlich wütend auf sie.

Bis ich tatsächlich auch an diesem Punkt erkannte und immer wieder erkenne, dass es auch hier diese sagenumwobene Eigenverantwortung braucht. Es sind immer Menschen da, die einem einen kleinen Anschubser geben, manchmal auch einen starken Tritt in den Hintern, manchmal eine reichende Hand, die den wackligen Körper führt. Die auch mal ganz direkt die Wunde schließen, die da gerade klafft. Und das liebevollste, was dann passieren kann ist, alleine losgeschickt zu werden. Die Schritte alleine zu tun. Schritt für Schritt für Schritt.

Für was stehe ich also nun in meiner Arbeit?


Um also den Kreis zu schließen, diesem Konzept, einen Text aus meiner Erfahrung zu schreiben, ein nachvollziehbares Ende zu geben, so möchte ich die Frage „für was stehst du mit deiner Arbeit“ hier ganz offiziell beantworten: Ich möchte mehr Freude für das Wagnis im Moment in die Welt bringen, mehr Begeisterung für das „Wie“ statt für das „Wieso“. Mehr Mut, sich zu verstricken statt einem festen Strickmuster zu folgen.

Wir schnüren uns zu – Von Oben bis Unten

Wie unsere Lunge und unser Darm zusammenhängen

Anfang letzter Woche hat sie mich auf einmal überrascht – eine dicke Mandelentzündung. Ich war von Schmerzen geplagt, beim Schlucken wie auch beim Sprechen. Mein Körper zwang mich diesmal zu fasten. Enthaltsamkeit beim Essen, wie auch beim Sprechen. Diese Schmerzen stießen neue Prozesse in mir los. Ich erfuhr von vielen, dass sie in den letzten Tagen auch immer wieder ihr Hals verstärkt meldet. Ist das wohl der Covid-19-Virus? Sind viel mehr Menschen infiziert als gedacht? Es wird in diesem Artikel nicht darum gehen, diese Fragen zu beantworten. Vielmehr verstärkte es meine Frage, was denn da derzeit kollektiv zu lösen ist. Mein Körper möchte nicht mehr so viel sprechen, nicht mehr so viel essen. Die Worte wie auch die Nahrungsmittel möchten sehr bedacht ausgewählt werden. Denn jedes Wort, jeder Schluck ist mit Schmerz verbunden. Da die Schmerzen eine Woche nach dem Fasten auftraten, fragte ich mich, ob das vielleicht noch nachträgliche Entgiftungserscheinungen des Fastens waren. Ganz klar sagen kann ich es natürlich nicht. Aber es liegt nahe. Denn die Lungen sind in der Traditionell Chinesischen Medizin das Ying Organ zum Dickdarm, der beim Fasten eine sehr starke Reinigung erfährt. Darauf gehe ich weiter unten im Text noch ein.

Was uns unsere Lungen zeigen

Die Lungen stehen in der Organsprache für eine positive Lebenseinstellung, Offenheit gegenüber Neuem und Veränderungen, emotionaler Stabilität, Enthusiasmus, Anpassungsfähigkeit und ein intuitives Verständnis für Nähe und Distanz. Vor allem letzteres finde ich bezogen auf den Covid-19 Virus, der sich primär auf den Hals und die Lungen auswirkt, äußerst spannend. Derzeit wird uns ja von Außen, also vom Staat, vorgeschrieben, welchen Abstand wir zu anderen Personen einhalten sollen. Die meisten Menschen halten das auch brav ein. Manche sind vielleicht sogar froh darüber, dass sie nun nicht mehr selbst entscheiden müssen, wie nahe sie einem Menschen kommen. So müssen sie niemanden mehr umarmen, den sie eigentlich gar nicht mögen und sie können sich viel leichter aus Gesprächen ziehen, mit der Begründung, dass sie den anderen bei diesem großen Abstand nicht verstünden. Wieder einmal wird hier erfolgreiche Symptombekämpfung betrieben, anstatt in die Eigenverantwortung zu gehen. Die Verantwortung, dass wir uns selbst zuhören, uns selbst wahrnehmen und ein Verständnis für unsere eigenen Grenzen haben UND diese dann auch noch kommunizieren.

Die Lungen sind das wichtigste Ausscheidungsorgan

Die Lungen versorgen uns unentwegt mit neuem Sauerstoff und tragen verbrauchte Luft ab. Somit sind sie auch ein wichtiges Ausscheidungsorgan. Tatsächlich geschieht diese Ausscheidung zum größten Teil (ca. 70%) über das Ausatmen (Haut: ca 20%, der Rest über Nieren und Darm).

So ist die Lunge eng mit der Haut und dem Dickdarm verbunden. Auch in der Traditionell Chinesischen Medizin ist der Dickdarm das Yang Organ zur Lunge.

So sind Krankheiten, deren Symptome sich primär in der Lunge zeigen, meist auch im Darm verursacht und anders herum genau so.

Was also bedeutet dieses Ein- und Ausatmen für uns, für unsere Emotionen? Wir kommunizieren. Und zwar sowohl mit unserer Außenwelt als auch mit unserer Innenwelt. Doch die Lungen dienen hier nur als Sprachrohr, sie transportieren lediglich das, was wir empfinden. Wenn wir aber keinen guten Kontakt zu unserem Sprachrohr haben, wenn sich unsere Worte unverbunden anfühlen, dann fühlen wir uns sowohl von uns selbst abgeschnitten als auch von der Welt. Wir verlieren an Lebensenergie, fühlen uns depressiv, demotiviert und vereinsamt.

Wo schneidest du dir die Luft ab
– wo schneidest du dich vom Leben ab?

Wieso passiert das überhaupt, dass wir uns so von uns und der Umwelt abtrennen? Nun, das kann verschiedene Gründe haben. Ein Grund ist, dass wir unsere Grenzen nicht in einem gesunden Maße wahren können und unser System deshalb zu radikaleren Methoden greift, um sich zu schützen. Und da wir vor allem durch das Ein- und Ausatmen ständig Dinge in uns aufnehmen oder aus uns herausgeben, ist hier ein besonders gutes Gefühl für Grenzen wichtig.

Sind wir gut im Kontakt mit uns, sind mit uns zufrieden und haben ein gesundes Selbstbewusstsein, dann können wir gut wahrnehmen, was wir reinlassen wollen und was nicht. Und es sollte uns leicht fallen, dies auch zu kommunizieren. Haben wir allerdings oft mit Gefühlen von Schuld und Scham zu kämpfen, so befinden wir uns meist im Dauerstress, unsere Grenzen einzuhalten. Unsere Bedürfnisse auszusprechen bereitet uns Stress – und das kann sich eben auch auf körperlicher Ebene zeigen, zum Beispiel in Form einer Haut-, Lungen-, oder Darmstörung. Stehen wir zu uns, zu unserer Meinung, unseren Bedürfnissen, unseren Gefühlen, unserem Ausdruck, stehen wir zu unserem Handeln und Sein, so erfahren wir Balance. Es geht hier darum, unseren Lebensraum, unser Territorium zu schützen. Und die Fähigkeit diesen einzunehmen und auszufüllen.

Auch hier ist die Nähe zum Darm erkennbar: Beide Organe nehmen auf und scheiden aus. Die Lunge nimmt das Flüchtige auf, jene subtilen Mikroorganismen und energetischen Schwingungen, der Darm kümmert sich um das Feste. Es geht hier also auch um LOSLASSEN bzw. FREIGEBEN.

Was deine Lunge über deine Beziehungen verrät

Die Lunge ist ein paariges Organ, wir besitzen zwei Lungenflügel. So spielen hier auch Themen eine Rolle, die mit Partnerschaft im weitesten Sinne zu tun haben. Es kann hier nicht nur um die Partnerschaft zu deinem Lebenspartner gehen, sondern um alle Menschen, mit denen du in Beziehung trittst. Als Systemikerin zähle ich auch hier das Zwillingsthema, also die frühe Trennung von einem Zwilling im Mutterleib, mit dazu.

Und natürlich geht es hier auch um die Beziehung zu dir selbst. Was musst du mit dir selbst klären? Wo belügst du dich selbst? Wo gehst du mit dir selbst ins Gericht?

Erleuchtungsmomente auf der Toilette

Ich möchte hier noch zwei Erlebnisse von mir teilen: In der ersten Nacht während meiner Mandelentzündung hatte ich sehr intensive Träume. In jedem Traum klärte ich Themen mit gewissen Personen. Nach dem letzten Traum, indem ich mit jemandem heftig stritt, wachte ich auf und wurde von großer Traurigkeit durchgespült.

Am zweiten Tag nach meinem Fastenbrechen fühlte ich mich sehr depressiv, sehr lust- und energielos. Ich hatte nicht mal Energie zu schlafen. Es fühlte sich sinnlos an. Ich kenne diese Gefühlslage von mir sehr gut. Als ich dann irgendwann auf die Toilette ging und seit dem Fasten meinen ersten richtigen Stuhlgang hatte, änderte sich mein ganzes Empfinden schlagartig. Ich musste sogar weinen vor Freude. Es war so ein unbeschreiblich schneller Wandel von tiefer Sinnlosigkeit zu absoluter Lebensfreude, die mich sehr berührte. Diesen Erleuchtungsmoment auf der Toilette werde ich so schnell nicht vergessen. Ein Durchbruch im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich hoffe, dass du dich durch meinen Text inspiriert fühlst, dich selbst immer wieder zu fragen, wo deine Grenzen sind. Und auch, wo du vielleicht Grenzen öffnen magst. Wo verbindest du dich, wo schneidest du dich ab? Was oder wer raubt dir die Luft zum Atmen? Wen oder was möchtest du dir mal so richtig zur Brust nehmen? Wen oder was möchtest du nicht loslassen? Fällt es dir leichter ein- oder auszuatmen? Fällt es dir leichter zu geben oder zu nehmen?

Die Woche der mutigen Sinnsucher

Foto by Ed Binkley
Und jeden Tag aufs Neue, stelle ich mir die Frage: Lohnt es sich? Lohnt es sich, aufzustehen? Lohnt es sich, rauszugehen? Ein Tagebuch.

Inmitten meiner Wegbereitung in die Selbstständigkeit werde ich – mal wieder – mit meinen existenziellen Fragen konfrontiert. In einer neueren Tiefe, die mich zur Zeit immer wieder an Verzweiflungspunkte bringt.
Ich war schon immer eine Expressionistin. Die Gefühle, die Worte, alles muss raus. Schreiben hilft. Tanzen hilft. Singen hilft. Noch mehr hilft es, das Geschriebene zu veröffentlichen. Das Tanzende vor Zuschauern zu tanzen. Das Singende vor Zuhörern zu singen. Wenn ich es nur für mich tue, fühlt es sich an, als wäre es immer noch bei mir. Und genau hier beginnt die Aufgabe: Wieso kann ich es nicht NUR für mich tun? Wieso brauche ich Zeugen? Wieso brauche ich die Bestätigung?

Mo., 17.2.2020


Seit 3 Wochen nehme ich Gesangsunterricht. Und diese eine Stunde in der Woche ist ein unglaublich klarer Spiegel zu dem, wie ich mit mir selbst umgehe. Immer wieder konfrontiert sie mich damit, dass ich für mich selbst singen solle. Das fängt schon beim Atem an. Ich atme zu viel Luft nach außen. Erst letzte Stunde habe ich bewusst erfahren, wie es ist, während dem Singen einzuatmen. Also während ich aktiv einen Ton erklingen lasse, also einen Ton nach außen gebe, trotzdem einzuatmen. Und mir stiegen leicht die Tränen ins Gesicht.
In meiner Arbeit als Körpertherapeutin arbeite ich sehr viel mit dem Atem. Und auch dort darf ich immer wieder zum Simplen zurückkehren, darf erfahren, wie es ist einzuatmen. Für mich.
Die große Sinnfrage jedoch, sie bleibt. Jeden Tag bin ich gefordert, ihr zu antworten. Tagtäglich schaut sie mich an, mit großen Augen und pochendem Herzen, ob es sich lohnt, hierzubleiben. Wie oft habe ich schon mit „Nein“ geantwortet?
Ich möchte hier jeden Tag darüber schreiben. Für eine Woche. Ja, es darf weitergehen. Ja, ich bleibe da. Ja, ich darf einatmen.

Di., 18.2.2020

Immer wieder frage ich mich, ob es gut ist, mich so transparent in der Öffentlichkeit, oder sagen wir, der Pseudo-Öffentlichkeit hier im Internet, zu zeigen. Und immer wieder komme ich zur selben Antwort: Ich weiß es nicht, aber irgendwas in mir drängt mich dazu, es zu tun. Und ich bin bereit mehr und mehr zu erfahren, wieso.
Heute war ein wundervoller Tag. Tausende Erkenntnisse. Und dann wiederum nix Neues. Alles war eigentlich schon da. Das ganze Wissen. Es kam nur noch stärker, noch betonender, noch selbstbewusster zum Vorschein. Heute habe ich zum ersten mal mit psychoaktiver Microdosierung gearbeitet. Ich hatte wundervolle Begleiter für dieses „erste mal“. Es war konfrontativ, liebevoll, provokativ, beängstigend, erleuchtend, langweilig, extatisch, mysteriös, befremdlich, freundschaftlich, melodramatisch, zerstreuend, zusammenbringend, vereinend, urkomisch, klärend und verwirrend. Jetzt, ein paar Stunden danach, bin ich in einer wohligen Glückseligkeit da, in freudiger bis beängstigender Neugier, was da noch alles auf mich wartet in den nächsten Monaten. Das JA zu Heilung, mit all seinen Konsequenzen, ist noch stärker.
Und ich spüre, wie es mich manchmal wegspült. Wie schnell Wahrheiten sich ändern können. Schon letzte Woche hatte ich die Erkenntnis, dass jede Lüge auch mal Wahrheit war. Und jede Wahrheit so so so schnell vergehen kann. Wenn wir Angst haben, Lügen zuzugeben, haben wir keinen Respekt vor unserer eigenen Wahrheit. Und vor unserer eigenen Veränderung. Das Festhalten an einer Wahrheit bedeutet, dass wir kein Vertrauen haben, in Mutter Erde. Dass wir dennoch von ihr gehalten werden. Und mehr sogar: Dass wir den Halt umso stärker spüren, umso mehr wir uns selbst zumuten, zu unseren Lügen zu stehen. Und damit der unberechenbaren Wahrheit Raum zu geben.
Wow. Diese Worte habe ich nicht kommen sehen 😀 Bähm. Freude. Schönheit. Fügt sich stimmig an. Bis morgen 🙂

Mi., 19.2.2020

Der Tag nach der ersten Microdosing Erfahrung ist das komplette Gegenteil – mal wieder. Ich weiß nicht, wie oft ich mich noch in dieses Schwarz-Weiß Verhalten reinstürzen will. Borderline. Immer an der Grenze entlang. Oder so.
Was für mich immer weniger Sinn macht ist, nach solch einer Erfahrung in so einer sinnüberfluteten Umgebung zu sein. Als ich letzten Sommer von einem zwei wöchigen Butoh-Camp im serbischen Niemandsland zurückkam, hatte ich ordentlich mit der Wiedereinzivilisierung zu tun. Als ich durch die Straßen lief, viel mir auf, dass viele Menschen mit leicht hängendem Kopf oder dauerhaft gerunzelter Stirn durch die Gegend liefen. Ein Zeichen für Überstimulierung? In der Dokumentation „Heal“ (Keine Schleichwerbung –>https://www.netflix.com/de/title/80220013) wird immer wieder betont, das die Hauptursache für Krankheiten Stress ist. Irgendetwas im System ist so stark überstimuliert, dass es nach einer Pause schreit. Wichtige Funktionen setzen aus. Organe gehen in Zwangsurlaub oder greifen sich selbst an.

Diesen Montag durfte ich eine Klientin begleiten, bei der sehr starke traumatische Symptome auftraten, als ich die Stelle zwischen Nacken und Kopf behandelte. Mir kam nach der Behandlung eine These: Sind wir deswegen so kopflastig in unserer Interaktion, weil sich viel traumatische Energie im Kopf sammelt? „Mein Kopf funkt mir immer wieder dazwischen.“, „Mein Kopf will Erklärungen für das, was mein Körper macht.“, „ich denke zu viel“, „Mein Kopf macht mir immer wieder einen Strich durch die Rechnung.“. Diese Mechanismen, die viele Menschen – inklusive mir – als einfach nur nervig und hinderlich empfinden – können sehr wichtige Warnsignale sein. Es sind Grenzen, die dein Körper dir aufzeigt. Auch wenn sie vermeintlich „nur“ vom Kopf ausgesendet werden. Aber der gehört schließlich auch zum Körper. Nun, jedenfalls sagt mir mein System immer immer stärker, dass ich da raus muss. Was „da“ ist, das weiß ich nicht. Ich kann es nur erahnen. Derzeit fühlt es sich weitestgehend wie ein toxischer Cocktail aus zu vielen nicht gelebten Erlebnissen an. Und wenn ich das so schreibe, werde ich wieder traurig und frustriert, weil ich so viel, wonach ich mich sehne, noch nicht gemacht habe. Zu oft „Ja“ gesagt habe, wo ich kein „Ja“fühlte.
Eine Hausaufgabe, die mir meine Therapeutin bei unserer letzten Sitzung mit auf den Weg gegeben hat war, zu allem „Ja“ zu sagen. Erstmal war ich erschrocken. Dann fügte sie hinzu: „Das bedeutet auch, ein „Ja“ zu jedem „Nein“ zu haben.“ Also zu jedem Nein auch zu stehen.
Die ersten Tage klappte es ganz gut. Aber ich merkte auch, wie ich eher leisere Neins nicht gleich kommunizierte, oder mir Überlegungszeit warm hielt, obwohl ich die Antwort schon klar hatte. Umso länger der Abstand zur letzten Sitzung war, umso mehr fiel ich wieder in mein altes Muster des oft unentschlossenen kleinen Mädchens zurück, das nicht so recht weiß, was es will. Doch allein diese paar Tage der neuen Ehrlichkeit machten so einiges in mir. Ich merke, wie mein Körper erschöpfter ist, wenn ich zu viele „Neins“ nicht kommuniziert habe. Ich merke, dass Freunde mich auf Dinge ansprechen und mir ihre Hilfe anbieten, in dem Moment, wo ich noch in mir ringe, ob ich es aussprechen und sie um etwas bitten soll. Meine inneren Bewegungen werden also klarer nach außen kommuniziert, auch wenn ich noch nicht voll und ganz die Verantwortung dafür übernehme. Na wenigstens etwas!
Und ich sage JA zu meiner Müdigkeit, die entsteht, wenn ich nach sehr öffnenden und erkenntnisreichen Erfahrungen wieder ein Stück in meine Muster zurückfalle. Es ist ok, müde zu sein und nicht gleich alles integriert zu haben. Es geht darum, zu vertrauen. Und zu spüren, dass ich JETZT schon vollkommen bin. Ich bin ok. Du bist ok.
Over and out.

Do., 20.2.2020

Gestern Abend hatte ich tatsächlich vergessen, einen Eintrag hier zu schreiben. Und nun funktioniert das Internet nicht. Und es könnte so schön sein, ohne Internet. Keine Sinnüberflutung und sinnloses Seriengucken. Doch ich stresse mich, da ich nun wichtige Dinge nicht erledigen kann. Doch wie wichtig sind diese Dinge überhaupt? Ja, wie wichtig ist das alles? Ich spüre immer stärker, wie ich das Leben herausfordern möchte. Stimmt es wirklich, dass immer für mich gesorgt ist, dass die Fülle unendlich ist und dass ich loslassen darf? Umso mehr ich durch Prozesse – durch sehr schöne Prozesse gehe – umso lauter werden diese Fragen, die es zu beantworten gilt. Was möchte ich wirklich der Welt schenken? Sind es Aufstellungen? Sind es Butoh-Kurse? Sind es Massagen? Wie schenken wir? Wie werden wir beschenkt? Schenken wir aus dem simplen Grund, einfach schenken zu wollen, oder spielen da noch weitere Gedanken mit rein? Wo fängt Sinn überhaupt an? Darf es sinnvoll sein, einfach nur aus einer Freude heraus etwas zu tun?
Auch merke ich, dass es total ok ist, nach einer so mit Wahrheit überfluteten Erfahrung, wie am Dienstag durch die Microdosing, wieder zurückzupendeln. Das System weiß ganz genau, wie weit es gehen kann. Es weiß ganz genau, welche Geschwindigkeit im Wachstum gesund ist. Wir sind es ja gewohnt, Pflanzen und Tiere zu essen, die mit Wachstumsmitteln gedopt wurden, um schneller zu wachsen. Und deswegen denken wir, dass wir das mit uns auch machen können und vielleicht sogar müssen. Weil man eben mithalten muss, in dieser Welt. Doch mal ganz genau zu beobachten, wie du selbst wächst, dich wie eine wilde Pflanze zu betrachten, dir zuzuschauen, wie du gedeihst, wie du im Herbst und Winter eher schrumplig wirst, dich zurückziehst, dir einen Schutzpanzer für die Kälte zulegst und dich genau in jedem Wachstums- und Schrumplungsprozess zu genießen, zu feiern. Das wäre doch mal was. Ich denke, wenn wir uns unserer naturgegebenen Prozessen, unseren inneren Jahreszeiten, nicht hingeben, können wir unser Wachstum genauso wenig genießen. Dann ist der Frühling auch nur halb so entzückend, nur halb so sprießend und leuchtend, weil du dir davor nicht genügend Ruhe und Schrumpligkeit gegönnt hast. Und der Sommer mit seiner Hitze und Feurigkeit wird dann erst recht anstrengend. Fühl dich hiermit eingeladen, deine eigenen Jahreszeiten zu entdecken. Jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag. Jedes Leben.

Fr., 21.02.2020

Eigentlich ist es jetzt schon Samstag. Auch uneigentlich. Ich wollte gerade so tun, als könnte ich von Freitag erzählen, als wäre es Freitag. Aber es ging nicht. Also erzähle ich von Freitag aus der Perspektive von jetzt, von Samstag. Ich bin schon den dritten Tag in Folge ohne morgentliche Depression aufgestanden. Ich bin einfach aufgewacht, noch vor dem Wecker, und war wach. Ihr glaubt gar nicht, welch unglaubliche Bereicherung das für meinen kompletten Tagesverlauf ist. Sonst wache ich nicht mal wirklich auf und muss mich unglaublich zwingen, aufzuwachen. Selbst wenn ich mir gönne, auszuschlafen.
Soweit, so gut. Ich bin gespannt wie lange es diesmal anhält. Das letzte mal, im Oktober, hielt es zweieinhalb Wochen an. Durchweg. Dann schlich sich langsam wieder mein altes Muster rein, wo ich damals noch nicht mutig genug war, wirklich hinzuschauen. Wenn ich diesen „Unmut“ merke, dann geht es meistens in die Selbstbestrafung, dass ich irgendetwas schon wieder nicht geschafft habe. Ich merke, wie ich das langsam mehr annehmen kann und eine freudige Neugier in mir hochkommt, mich auch an diesen Stellen zu ergründen und kennenzulernen. Wenn wir mit dem Glauben leben, dass alles da sein darf, dann müssen wir auch mit den Konsequenzen leben. Und die sind manchmal wunderschön, manchmal auch schmerzhaft und konfrontativ. Dann auch damit da zu sein, das ist die Kunst. 🙂

Montag, 24.02.2020

Heute ist schon Montag, genau. Ich habs also mal wieder nicht ganz durchgezogen. Ok ich war erkältet. Ist das eine Ausrede, die ich akzeptieren kann? Nein, ich brauche keine Ausrede. Es war einfach so. Und ich bin stolz auf mich, dass ich überhaupt 5 Tage geschafft habe UND nicht in einem Zwangsgefühl und „oh mein Gott, ich muss das jetzt machen, aber eigentlich habe ich keine Lust“, sondern immer wieder habe ich mich ausgerichtet und geschaut, was ich gerade wirklich erzählen möchte. Was ich gerade wirklich FÜR MICH machen möchte. Und immer wieder diese Entscheidung zu treffen, etwas nicht fürs Außen zu machen, etwas einfach zu machen, weil ich es möchte und gern mache, das ich zur Zeit meine Dauerübung. Gestern war es auch wieder so. Ich hatte sei sehr langer Zeit eine eigene Aufstellung bei meinen Dozenten. Und die größte Herausforderung war erstmal, wirklich zu schauen, was ich denn eigentlich möchte. Ob ich einfach nur irgendwelche systemischen Sachen anschauen möchte, weil sie irgendwie auf der Hand liegen und mir doch dazu geraten wurde, dieses oder jenes anzuschauen. Oder ob ich wirklich einen Wunsch habe, ein Anliegen habe. Eine tiefe Sehnsucht in mir. Und so kam ich schließlich zu meinem Partnerwunsch. Klassiker. Nix besonderes. Doch. Für mich schon. Ich bin seit über 3 Jahren Single. Und es klickt einfach nicht. Es ist wie verhext. Ich lerne nicht mal jemanden kennen, wo es ansatzweise in Richtung Partnerschaft laufen könnte. Geschweige denn Affäre. Also quasi nur rein freundschaftliche Beziehungen. Und gestern in der Aufstellung war es für mich teilweise erschreckend zu sehen, wovon mein Idealpartner wegläuft. Dass es da teilweise stark um mein systemisches Paket geht, dass ich da so mit mir rumtrage. Dass ich, durch all das, was durch mich wirkt, gar nicht zur Verfügung stehe. Doch es durfte sich viel auflösen. Und was mich am meisten berührte war, dass ich meiner Mutter auf einer Art und Weise begegnet bin, auf die ich nicht vorbereitet war: Nämlich in einer total weichen, leisen, wertschätzenden Art und Weise. Und in mir kam ein wenig Scham hoch, dass ich diese Seite in ihr sonst nur selten wahrnehme. Und ihr da überhaupt die Chance zu geben, sie so zu sehen. Ihr etwas zu gönnen. Ihr zu verzeihen. Einfach im gegenwärtigen Augenblick den tiefen Frieden zu spüren. Doch wenn die Stellvertreterin ohne große Prozessarbeit so da ist, hat sich in mir wohl unterbewusst schon viel getan. Also danke, liebes System <3
Ich habe nun wieder stärker ein JA zu dieser Arbeit. Zum Aufstellen. Und es darf auch einfach weich und ruhig und undramatisch sein.
Hiermit beende ich die Woche der mutigen Sinnsucher. Vielleicht konntest du ja hier und da ein paar Inspirationen mitnehmen. Ich werde auf jeden Fall öfter solche Themenwochen machen. Das hat gut getan. Aho.