Jetzt ist ganz sicher auf jeden Fall zu hundert Prozent alles zu spät

Ein Text über? Das Sterben? Die eigene Unzulänglichkeit zu etwas Höherem in mir? Die Dramaturgie meiner Opfer-Anteile? Such’s dir aus! Darüber hinaus stelle ich euch das Phasenmodell ganzheitlicher Veränderung nach Staemmler/Bock vor. Das habe ich beschlossen, bevor ich wusste, dass ich durch das bloße Schreiben dieses Textes nochmal selbst durch jede Phase gespült werde.
Also, lasst uns die Pferde satteln:

Diesen Text hatte ich zwei Tage vor meinem ersten Aufstellungsabend geschrieben und ihn knapp eine Woche danach fertiggestellt. Ich habe beschlossen, jeden Absatz einfach so zu belassen und ihn nicht auf meinen Jetzt-Zustand upzudaten. Es ist spannend, dass ich ihn jetzt erst veröffentliche. Denn gerade fühlt es sich so an, als hätte sich eine Gestalt geschlossen. Und damit entlasse ich auch diesen Text in die Freiheit:

Kurz vor unserem ersten Aufstellungsabend, den ich mit meiner Kollegin Antje Planer organisiere, ist die Luft bei mir buchstäblich raus. Das Eis wird dünner, die Schichten dunkler, die Wellen größer. Und ich bin überzeugt davon, dass jetzt auf jeden Fall der Moment gekommen ist, an dem alles zu spät ist und nichts mehr hilft. Ich zwinge mich am Abend einzuschlafen um mich dann am nächsten Morgen wieder zu zwingen, aufzuwachen. Und die Türen des Zwingers scheinen so verschlossen wie nie zuvor. Und wenn ich in diesen Zeiten irgendetwas Liebe schenken kann, dann ist es die Selbstgeiselung.

Und ja ich weiß, dass ich mich in einer krassen Opfer-Haltung befinde, dass ich dramatisiere, dass ich doch mal einen Realitäts-Check machen solle, dass auch diese Phase wieder vorbei geht, dass ich nicht den Teufel an die Wand malen solle.

Und ich sage dazu: IS MIR DOCH SCHEIß EGAL!

Und gleich neben das Scheiß Egal gesellt sich freudig meine Scham dazu und schaut mich traurig an. Scham über meine eigene Entwicklungsunfähigkeit. Scham über meine Schwäche. Es darf kein Nein geben, ich kann meine Grenzen nicht einfach so aufziehen. Damit würde ich mein Umfeld verletzen und mich automatisch abgrenzen, so dass ich noch einsamer bin.

Und ich merke langsam, wie oft ich in diesem Scham-Kostüm verschwinde und mir das absolut nicht eingestehe. Denn Scham ist schlecht und böse und verboten und du brauchst dich doch nicht zu schämen, mein Kind! Und wütend brauchst du auch nicht sein, es ist doch alles gut!

Ja, ich muss es einfach nur auflösen. Einfach nur dahinter schauen. Ist es Trauma, ist es ein übernommener Anteil, ist es Wut auf Mama und Papa, ist es generationsübergreifende unterdrückte Scham? Hat es zu tun mit meinem abgegangenen Zwilling, meiner Oma, meinem Vater, meinem Schattenanteil, meiner Geburt, meinem Diabetes? Habe ich zu wenig meditiert, reflektiert, transformiert?

Und ich muss es mir jetzt endlich eingestehen, dass ich immer nur Umwege gegangen bin, vor meinen Ängsten zurückgeschreckt bin und absolut nicht kompetent bin, irgendjemandem mit meinem stümperhaftem Handwerkszeug helfen zu können. Es ist ein für alle mal ausgeschlossen eindeutig, dass ich versagt habe.
Wenn ich noch eine Einladung mehr zu irgendeinem Healing-Workshop bekomme, explodiere ich. Menschen, versteht doch endlich, dass das alles nichts bringt. Es gibt keine Lösung mehr. Die Welt wird untergehen.

Techno und Therapie

Neben pechschwarzem Kaffee, tinitusproduzierenden Techno-Bässen und gürtellienienunterschreitendem Sarkasmus gibt es da diese eine Sache, die mich inmitten all der Hoffnungslosigkeit entspannen lässt: Ein Phasenmodell, dass den Prozess ganzheitlicher Veränderung in der Gestalttherapie beschreibt.
Und ja, es ist ein weiteres Modell, womit wir unseren Verstand füttern können. Letzte Woche allerdings, habe ich es zum ersten mal in einer Butoh Klasse zusammen mit meinen Teilnehmern quasi „durchgetanzt“. Es erlebbar gemacht.
Danach habe ich mich so merkwürdig entspannt und verbunden mit mir und meiner Umwelt gefühlt. Und diese 6 so simplen Kreise mit irgendwelchen Punkten und Pfeilen darin haben mir in vielen Momenten der scheinbaren Ausweglosigkeit krasse Momente der Entspannung und Neu-Fokussierung ermöglicht. Deshalb möchte ich es euch hier gerne vorstellen.


Ich weiß, im ersten Moment kann diese Graphik kompliziert wirken und den Anschein haben, dass sie unseren Gefühlshaushalt überfordert statt unterstützt.

Möchtest du dich ihr dennoch widmen, was ich dir sehr ans Herz lege, empfehle ich dir folgende Herangehensweise:
– Nimm dir für jede Phase genügend Zeit, um sie auf dich wirken zu lassen
– Lasse jeden Kreis für eine Weile einfach auf dich wirken. Lass ihn durch deine Augen in deinen Körper projizieren und beobachte, wie sich deine Wahrnehmung und dein Körperbefinden verändert
– wenn du willst, schreibe zu jedem Kreis eine kleine Ansammlung von Adjektiven auf, die in dir aufploppen, während du den Kreis auf dich wirken lässt
– für mich persönlich sind die Erklärungen, die ich in der Grafik grün markiert habe, am ausschlaggebendsten.

Ich möchte im Folgenden mein eigenes Empfinden in jeder einzelnen Phase schildern und dir darüber hinaus ein paar meiner Tools verraten, wie du von der einen Phase in die nächste „hüpfen“ kannst. Was ich dir aus meiner eigenen Erfahrung vorab mit auf den Weg geben möchte: Sei nicht enttäuscht, wenn du das Gefühl hast, dass du immer wieder in einer Phase steckenbleibst. Dass sich gefühlt nichts vorwärts bewegt, du dich eher wieder zurückgeworfen fühlst. Auch wenn wir am liebsten einfach jede „Baustelle“ in unserem Leben nach einem festen Plan abarbeiten möchten, sind die ultrafeinen Bewegungen in unserem emotionalen und seelischen Körper manchmal für unser Bewusstsein nicht verständlich. Manchmal scheint es, als hätten sie einen ganz anderen Plan, eine ganz andere Landkarte in der Hand. Doch hab Vertrauen, dass dein System ganz genau weiß, was es tut, und das es immer auf Fülle und Wachstum ausgerichtet ist. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als würde sich alles gegen dich stellen.


Nun aber zu den Phasen:

Phase 1 – Stagnation
In der ersten Phase, der Stagnation, fühle ich mich einfach nur starr und unbeweglich. Ich bin überzeugt davon, dass ich nichts an der Situation ändern kann beziehungsweise jeder Änderungsversuch noch anstrengender als der Ist-Zustand wäre. Ich bin der Situation erlegen. Das Universum hat eben so entschieden. Ich fühle mich taub und passiv. Es scheint nur diesen einen Weg zu geben. Ich kann mich zwar erinnern, dass es auch mal anders war, dass ich mich auch mal anders fühlte, aber in diesem Moment bin ich überzeugt davon, dass ich mich nicht anders entscheiden kann. Ich nehme mein Umfeld kaum war und wenn, dann wirkt es eher abweisend und kühl. Ich möchte mich gern einigeln und im Nichts-tun verweilen.
Der Ausweg aus dieser oder eigentlich jeder Phase ist, sich darüber bewusst zu werden, dass man sie in diesem Moment gerade selbst produziert. Man ist ihr nicht erlegen sondern man entscheidet sich dazu, sich von ihr erlegen zu lassen. Wie es im grün markierten Kasten heißt: Befreie dich von der Illusion deiner
Ver-antwortungs-losigkeit! Hier gibt es eine Situation, die von DIR eine Antwort möchte! Höre ihr zu, welche Frage sie dir stellt! Was möchte hier gerade erfahren werden?
Du kannst in jedem Stadium auch sehr gut mit den Kreisen auf der Abbildung oben arbeiten, indem du dich auf einen Kreis fokussierst und BEWUSST in den Zustand (z.B. der Starre) gehst und diesen noch verstärkst. Fühle ganz bewusst, wie sich deine Starre anfühlt. Wie ist dein Atem? Wie fühlen sich deine Muskeln an? Wie fühlt sich der Boden unter deinen Füßen an? Wie nimmst du deine Umwelt wahr?
Das gegenwärtige Gefühl zu verstärken, kann mehr Klarheit schaffen und dich dem gegenwärtigen Moment mehr öffnen und in die Annahme bringen.

Phase 2 – Polarisation
In der zweiten Phase, der Polarisation, fühle ich mich wortwörtlich zweigeteilt. Ich erfahre vieles gegenteilig. Kaum habe ich mich für eine Seite entschieden, wirft es mich schon wieder auf die andere Seite. Mein Leben kommt mir vor wie auf einer Schiffsschaukel, die im großen Bogen ständig von der einen zur anderen Seite pendelt. Es sind die Polaritäten, die uns überhaupt am Leben halten. Egal wo wir hinschauen entdecken wir Polaritäten unserer Existenz. Einatmen – Ausatmen, Hell – Dunkel, Warm – Kalt, Öffnen – Schließen. Tatsächlich können wir uns die Bewegung unserer Psyche im Zustand der Polarisation wie unser Ein- und Ausatmen vorstellen. Beim Einatmen werden wir größer, unsere Lunge und unser Bauch dehnen sich aus, wir verschaffen uns mehr Raum. Wir expandieren. Beim Ausatmen ziehen wir uns wieder zusammen. Wir werden kleiner, der Raum wird enger. Wir kontrahieren (= ziehen uns zusammen). (Spannend für die Sprachennerds: Vertrag ist abgeleitet vom Wort „Kontrakt“, das Subjekt von kontrahieren.) Ich habe in dieser Phase meist das Bedürfnis, mich für eine Seite zu entscheiden und bin gleichzeitig frustriert, weil die Kräfte in beide Richtungen gleich stark wirken. So sehe ich als möglichen Ausweg, in meiner Außenwelt nach jemandem oder etwas zu suchen, der/die/das mir die Entscheidung abnimmt. Ich scanne meine Umgebung nach Hinweisen ab, die mir sagen, für was ich mich entscheiden soll. Worüber wir uns hier bewusst werden können ist, dass wir dadurch die Verantwortung ebenso abgeben und uns von der Illusion befreien müssen, dass es eine inhaltliche Lösungsmöglichkeit für unser Gefühl gibt. Bei mir kann dieser Zustand ganz schön lange dauern und wechselt sich häufig mit dem dritten Zustand ab, der Diffusion.

Phase 3 – Diffusion
In der Diffusion finde ich mich im totalen Chaos wieder. Nichts scheint mehr logisch, nichts scheint mehr wirklich greifbar. Der Zugang zu meinen Gefühlen erscheint mir immer schwerer, alles scheint sich zu vermischen. Ich möchte immer noch Antworten aus meinem Umfeld, aber nun scheint jeder eine andere Sprache zu sprechen. Manchmal merke ich in dieser Phase auch, dass sich Menschen von mir abgrenzen und ich verstehe nicht wieso. Der Boden droht immer mehr unter meinen Füßen wegzugleiten und ich halte mich an dem fest, was es noch zu greifen gibt. Ich packe immer ausgeklügeltere Spielchen aus, um nicht enttarnt zu werden. Das letzte was ich aufgebe, ist die Kontrolle. Doch genau darum geht es in diesem Stadium. Um die Befreiung der Illusion der Kontrolle. In diesem Stadium hilft mir vor allem Bewegung, vor allem das freie Tanzen. Meinen Körper komplett dem Chaos hinzugeben erleichtert auch meinem Geist, den Zustand des Kontrollverlustes zu akzeptieren. Natürlich können wir im Tanzen immer noch viele Kontrollmechanismen am Start haben. Was mir hilft, im Tanzen loszulassen ist eine Weile wie ein Betrunkener zu tanzen, also in abstruse Bewegungen zu gehen, meinen Körper baumeln zu lassen, mich völlig von meinen ästhetischen Vorstellungen, von meinem Idealbild, zu befreien.

Phase 4 – Kontraktion
Jetzt geht es wirklich ans Eingemachte. Die Abschlussprüfung steht an. Das Leben möchte von dir nun wirklich wissen, ob du es ernst mit ihm meinst. Hier sind keine Spielchen mehr erlaubt. Und das schreibt die Spielkönigin schlecht hin 😀 Damit ist nicht gemeint, dass du nun wie ein verbissener Hund durch den Tunnel der Höllenfeuer musst. Nein. Du darfst empfangen. Du darfst leben wollen. Das Leben ist dazu da, um gelebt zu werden. Und genau dieser Prüfung unterzieht dich jetzt das Leben. Schließlich möchte es nicht ungenutzt seine Zeit bei dir absitzen, denn das Leben ist ein echter Workaholic! Es lechzt nach Lebendigkeit, nach Bewegung, nach Wachstum. Und alles was nicht gefühlt wird, was unterdrückt wird, wird in seiner Lebendigkeit erwürgt. Dazu gehört auch Schmerz und Traurigkeit und Scham und all das ganze Zeug, wovor wir halt so oft wegrennen.
Der Satz in der Graphik „Überwindung der alten Struktur“, erklärt sich hier wohl von selbst.
Also, jetzt geht’s ab durch den Geburtskanal. Ich zumindest schaffe das noch selten alleine. Ich brauche eine „Mutter“, die zusammen mit mir dableibt und mich immer wieder auffordert, dazubleiben. Die „Mutter“ kann in unterschiedlichen Formen daherkommen. Mal sind es gute Freunde, mit denen ich schon durch Dick&Dünn gegangen bin. Manchmal ist es ein Therapeut, manchmal der Sprung in den kalten See. Manchmal auch eine Person, deren Charakter ich eigentlich eher mit Wiederstand gegenüberstehe. You never know who is kicking your ass out of the box 😉

Phase 5 – Expansion
Wir haben uns durch den Engpass durchgequetscht. Im vollkommenen Unwissen, ob das, was da auf uns wartet, wirklich so viel besser ist, wie der muggelige Schoßraum unserer Mutter. Fernab der Geburtsmetaphern geht es hier darum, in etwas Neuem anzukommen. Wir expandieren, dehnen uns aus, unser Herzraum, unser ganzes System wird weiter. Wir spüren ein Gefühl der Unendlichkeit in uns. Eine starke Anbindung an Himmel und Erde. Eine Faszination gegenüber allem. Die Gier nach Neuem hat über die Angst vor Neuem gesiegt. Wir erfahren ein Gefühl der Vollkommenheit und schöpfen Kraft aus uns selbst heraus. Wenn ich merke, welchen Shift gebraucht hat, um meine neue Gestalt anzunehmen, kommt manchmal der Satz in mir hoch: „Wieso hat mir das keiner schon früher gesagt?“ Denn manchmal scheint die Lösung, nachdem wir sie gegangen sind, so lächerlich einfach. Doch es ist wichtig, diesen Schritt, den du gegangen bist, und mag er noch so klein wirken, wertzuschätzen als dein eigenes Werk. Fritz Perls sagte öfter zu seinen Klienten: „Ich schätze dich so sehr, dass ich dir deinen Prozess nicht wegnehmen möchte.“
Es ist das liebevollste, seinem Gegenüber sein Schicksal und seinen ganz individuellen Prozess zuzumuten.

Das Leuchten der Finsternis

Zwischen Erstarrung und Exzess. Wie traumatisiert sind wir wirklich?

Über die hippe Traumaszene, Traumata aus systemischer Sicht und Trauma in der Körperarbeit

Butoh geht tief. Es ist der „Tanz der Finsternis“. Es geht tief in die Finsternis unseres Daseins. Und genau in dieser Finsternis liegen so große Kräfte, die, wenn sie ein höheres Bewusstsein erlangt haben, solch großartige und von Liebe durchtränkte Motoren sein können. „Der Weg in die Dunkelheit war ein Weg in den liebenden, vitalen, dunklen Schoß der Mutter.“ schreibt Jeanne Ruland in einem ihrer Rauhnächte-Bücher. Und vor genau dieser Dunkelheit fürchten sich so viele Menschen. Die Geburt ist unser erstes Trauma (von Traumata im Mutterleib abgesehen). Wir werden herausgerissen, aus diesem wohlig finsteren Stübchen und reingeschmissen in einen rießigen, kalten Raum – bestenfalls mit krankenhaustypischem Neonröhrenlicht.

Und gleichzeitig wissen wir schon im Mutterleib: Diese Reise kann nicht ewig so weitergehen – wir wollen das Licht entdecken. Unsere Neugier, die Gier nach Neuem, treibt uns an. Manchmal glaube ich, sind Ängste nur dazu da, um sie zu überwinden – und dieses exstatische Gefühl der persönlichen Grenzüberschreitung zu erleben.

So auch soll wohl der Umgang mit Trauma eines der großen Rätsel unserer zivilisierten Menschheit sein, dem es sich zu stellen gilt. Wir sollen wohl genau diese Erfahrung machen, das primitive „Abschütteln und Auszittern“ der Traumaenergie zu verlernen und zu erfahren, wie es ist, dies über das VERSTANDene Bewusstsein wieder zu erlangen.

Das Geschäft mit dem Trauma

Auch im Bereich Trauma gibt es ein „Geschäft“. Menschen verdienen Geld damit. Das Wort „Trauma“ ist zu einem Modewort in der spirituellen Szene geworden. Wir treffen uns in geselliger Runde, um unsere Traumata aufzulösen. Wir gehen zu Schamanen, um uns unser Trauma raustrommeln zu lassen. The show must go on. Und das Trauma, dieser Schlawiner, ist ein herrlicher Antreiber, um uns und unsere Umgebung bei Laune zu halten. Wer schon mal am eigenen Laibe erfahren hat, wie es sich anfühlt, diese starre Traumaenergie rauszuschütteln, wenn der ganze Körper zittert, Tränen einfach nur so fließen, Schreie einfach nur so schreien, und das gesamte System bebt, wie ein Vulkan, von dem alle Welt glaubte, dass er erloschen sei, der weiß wie geil und befreiend sich das anfühlt. Ekstase in ihrer reinsten Form. Da kann man schon mal süchtig danach werden. So übernehmen wir auch gerne mal Traumata von unseren Ahnen – da gibts dann noch mehr auszuschütteln. Und das immer wieder. Und wieder. Und wieder. Wie sehr füttern wir durch unser Trauma unser exzessives Konsumverhalten? Sind wir immer noch gefangen im schüchternen Kind, das sich nicht traut zu kommunizieren, welche Art von Berührung es will und legen uns deshalb auf die Massagebank eines Körpertherapeuten, um uns an unserer Ausweglosigkeit zu ergötzen? Letztenendes ist ein feststeckendes Trauma, auch „nur“ feststeckende Energie. Eine Bewegung, die nicht zu Ende geführt wurde. Eine noch offene Gestalt, die geschlossen werden möchte.

Übernommenes Trauma

Lautes Getöse entspringt aus den schattigen Errungenschaften unserer Vorfahren. Es ist so laut, dass wir es nicht mehr hören. Es schallt nur so durch uns durch, schneller als es unser Bewusstsein erlaubt. Doch es vibriert stets in uns – hört nicht auf nach Aufmerksamkeit zu schreien. Unverständlich rauscht es durch unsere Gedärme. Und wir ziehen uns zusammen. Erschrecken vor seiner Gewalt-igkeit. Doch wir wollen antworten auf diese Gewalt – wollen nicht Opfer bleiben – und schlagen um uns und in uns herum. Und wir treffen. Uns. Doch wollten wir es eigentlich aus uns herausprügeln. Es klappt nicht, doch wir schlagen weiter. Schlagfertig verteidigen wir unseren eigenen Täter. Die Schläge sind fertig, schon bis zur Perfektion vorbereitet, auf dem goldenen Teller serviert. Und lassen wir den Teller fallen, zerbricht alles in tausend Teile – und mit ihm auch wir. Unsere aufgeschlagene Identität.

Diese Ausweglosigkeit ist oft ein Zeichen für Traumaenergie, die du von einem deiner Ahnen übernommen hast. Wenn du schon mehrere Traumatherapien hinter dir hast und das gleiche Gefühl dennoch immer wieder aufploppt, dann kann es durchaus der Fall sein, dass du diese bestimmte Energie von einem deiner Eltern, Großeltern oder nocht weiter zurückliegend, übernommen hast. Aus (Bindungs)liebe zu deinen Eltern, aber auch aus ganz simplen egoistischen Gründen (weil du dafür sorgen wolltest, dass deine Eltern voll und ganz für dich da sind), hast du versucht, ihnen dieses „Problem“ abzunehmen. Du warst ja noch so voller kindlicher bedingungsloser Liebe und warst überzeugt, dass du es besser tragen kannst, als deine Mama oder dein Papa.

Leider jedoch, kann niemand das eigene Schicksal so gut tragen, wie der, bei dem es entstand. „Das eigene ist leicht, nur das fremde überfordert.“, heißt ein Grundsatz im Systemischen. So also musst du lernen, was es bedeutet, etwas Fremdes zurückzugeben und damit einen (großen) Teil deiner Identität aufzugeben. Fremdtraumata können so weit gehen, dass eine ganze Gesellschaft sich in diese Traumaenergie einschwingt, obwohl niemand oder nur wenige etwas Traumatisches erlebt hat/haben.

Wiedererlebtes Trauma aus Bindungsliebe

Neben dem „übernommenen Trauma“, also ein Trauma, von dem wir denken, dass wir es erlebt haben, aber tatsächlich nur die Energie dieses Erlebnisses in uns tragen, gibt es aus systemischer Sicht die Dynamik, dass wir tatsächlich etwas Traumatisches erleben. Oft begeben wir uns aber in so eine Situation ebenso aus BIndungsliebe. Nämlich weil einer unserer Elternteile schon vor uns ein ganz ähnliches Trauma erlebt hat und wir uns durch das gleiche Erleben besser mit ihm verbinden können. „Schau Mama, ich habe das gleiche erlebt wie du. Wir sitzen im selben Boot.“ Es ist also auch eine Dynamik, die aus Bindungsliebe entsteht.

Doch ganz egal, ob es ein fremdes oder unser eigenes Trauma ist, der Körper trägt es in sich und ist in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Wenn sich der Körper in einer Starre befindet, so kann auch die Emotionalität und die Seele sich nicht mehr frei bewegen – schließlich ist der Körper unser primärer Übersetzer für unsere seelischen und emotionalen Bedürfnisse. Es kann weder etwas nach außen gebracht werden, noch kann etwas nach innen dringen. Vielleicht erlebst du sogar, dass du dich trotz regelmäßiger körperlicher Berührung, zum Beispiel kuschlen, Sex oder Massage, ausgehungert fühlst. Dass sich dein Körper trotzdem vereinsamt einfühlt. Dass er innerlich die ganze Zeit schreit.

Der Hunger nach Berührung – und die Verzweiflung nichts zu Fühlen

Wenn sich das System im Schock befindet, kann Berührung nicht oder nur in sehr geringem Maße stattfinden. Das System befindet sich immer noch mittendrin im Trauma-Prozess. Das befreiende Abschütteln und Auszittern hat nicht stattgefunden. So ist der Körper einfach nicht bereit für Kontakt von außen. Ganz im Gegenteil – das System ist immer noch in Habacht-Stellung, weil es denkt, dass es noch in Gefahr ist.

So ausgehungert sind wir, dass wir uns nach jedem Kontakt ergötzen, notfalls auch der Schlag auf den Po. Oh, ist es nicht schön, sich zumindest in diesem Moment des Schmerzes lebendig zu fühlen?

Wie sehr manche Menschen aus ihrem Körper (oder an bestimmten Körperstellen) herausgetreten sind, erfahre ich vor allem in meinen Abdominal-Massagen. Bei vielen ist der Bauch die intimste Stelle. So viel Scham, so viel Rückzug ist dort abgespeichert. Kein Wunder, befinden sich dort auf engstem Raum all unsere Organe, die unser Überleben sichern. Viele Klienten verkriechen sich schon beim reinen Handauflegen auf den Bauch in ihren gewohnten, wohlig nebligen Traumaraum. Darin dann da zu bleiben und sich nicht in dieses weiche Wolkengebilde aus traumatischer Dissoziation mitreinzubegeben ist für mich ein gleichwohl fordernder und tief berührender Prozess. Auch für die Klienten ist es gleichermaßen befremdlich und bewegend zugleich. Was dann geschieht, sind meist sehr kraftvolle Prozesse des wieder-lebendig-werdens.

Auch ich sehe rückblickend, wie wenig ich früher bei einer „normalen“ Massage, oder auch bei intimen sexuellen Berührungen, empfangen konnte. Mein Körper war einfach in dieser Starre gefangen. „Je stärker die Berührung, desto besser“, war meine Devise. „Dieser Körper muss doch verdammt nochmal was spüren!“
Bis ich in einem Seminar meine erste Trauma-Ausschüttung erfuhr. Mein Gegenüber berührte meinen Rücken mit seiner Hand. Diese hatte nichtmal kompletten Körperkontakt mit meinem Rücken. Sie schwebte lediglich ein paar Millimeter darüber. Es war eine unheimlich achtsame Berührung. Erst fühlte es sich an, als würden Ping-Pong Bälle in meinem Körper hin- und her fliegen. Dann fing ich immer mehr an zu zittern, später kamen Tränen dazu. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Null Plan von Körperarbeit, geschweige denn von gestalttherapeutischer oder systemischer Arbeit. Ich habe mich wie ein rohes Ei in dieses Seminar begeben. Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen. Seitdem gibt es kein zurück mehr. Kein zurück mehr in den Nebel der Kontaktlosigkeit. Mal schnell, mal langsam, doch immer mit der Willenskraft zur Lebendigkeit. Und diese Lebendigkeit kann überall stattfinden. Sowohl im Traumaseminar als auch im Wartezimmer.

Vernebelte Weiten

Vernebelte Weiten

Foto by www.nicolaodemann.com
Oft sehen wir die Spitze des Berges nicht, den wir gerade besteigen. Manchmal sehen wir nicht mal mehr den Weg, der hinter uns liegt. Wir erfahren uns nur auf diesem ganz kleinen Teil, auf dem wir jetzt im Moment stehen. Ein winzig kleiner Ausschnitt, der für uns in diesem Moment die ganze Welt bedeutet. Wir erfahren uns im nebligen Dickicht aus Schichten feinster Projektionen und Glaubenssätzen. Manchmal ist der Nebel so dicht, dass selbst unsere eigene Hand darin versinkt. So drehen wir uns um unser selbst, in der Überzeugung, dass der Nebel eine unüberwindbare Mauer darstellt.

Und wenn auch nur ein winzig kleiner Sonnenstrahl erkennen lässt, dass der Nebel nur eine Masse aus transparenten verdampften Wassermolekülen ist, sind wir erstaunt, wie leicht es ist, durch ihn hindurchzuschreiten. Und sind überwältigt von der Weite, die uns aufeinmal entgegenblickt. Und inmitten der Weite türmt sich auf einmal der Berg auf, auf dem wir stehen – und blickt uns entgegen, in seinem majestätischen Antlitz.

Beide Momente können wir gleichermaßen in Angst und Starre als auch in vollkommener Annahme und Zufriedenheit erfahren. Wir können den Nebel als sicheres Nest erfahren, in den wir uns wonnig eingebettet fühlen. Wir können uns von ihm tragen lassen und uns von seinen Streicheleinheiten verwöhnen lassen. Uns darüber freuen, dass wir nicht das komplette Feld überblicken müssen und ihm Vertrauen schenken, dass er immer das Richtige im richtigen Moment für uns lichtet.

Oder wir können in Panik verfallen, dass wir nicht alles überblicken, was vor und hinter uns liegt. Wir können uns in der Angst schwelgen im eigenen nebligen Sumpf zu ertrinken. Wir können panisch nach Schlupflöchern suchen. Und schockiert feststellen, dass der Nebel niemals still ist, dass er stets weiterzieht, immer wieder eine andere Stelle verdeckt und aufdeckt.

Genauso können wir den Blick der unendlichen Weite genießen. Kein Wölkchen weit und breit. Unerschöpfliche Weiten. Unerschöpfliche Freiheit. Kein Hindernis wohin das Auge reicht. Wir ergötzen uns an der Unendlichkeit. Und genießen die Erfurcht vor diesem machtvollen Gebirge, welches sich da vor uns auftürmt. Genießen unser eigenes unbedeutsames Kleinsein. Und genießen, dass die Natur diese Unbedeutsamkeit einfach so hinnimmt. Dass sie nicht wertet, wer seiner Existenz mehr Individualität und Einzigartigkeit eingetrichtert hat. Dies können wir voll und ganz genießen.

Oder wir können erschrecken, vor dieser unüberwindbaren Macht, die der Berg und das ganze Universum ausstrahlt. Wir können Angst haben im Gedanken daran, wie hart und leidvoll die Bergbesteigung sein wird. Wir können in der Angst verfallen, dass das Universum unvorhersagbar ist und wir dessen Launen verfallen sind und feststellen müssen, dass wir keine Kontrolle darüber haben. Wir können panisch nach (Nebel)höhlen suchen, in denen wir uns verkriechen können um die unerschöpflichen Weiten, und die Gefahren, die sie bergen, nicht sehen zu müssen.

Ich befinde mich derzeit immer wieder im Wechsel dieser Perspektiven. Es ist unglaublich spannend mich darin zu beobachten. Und auch zu beobachten, dass es mir manchmal unmöglich erscheint, meine Perspektive zu ändern. Dass ich manchmal irgendwelchen höheren Mächten ausgesetzt zu sein scheine – oder schlichtweg irgendetwas in mir es gerade für wichtig empfindet, in genau dieser Perspektive zu verharren. Manchmal ist es anstrengend. Manchmal ist es schön. Und immer wieder faszinierend, wie schnell sich die Perspektive wandeln kann. Ein einziges Wort, eine einzige Umarmung, ein guter Kaffee, ein Bild, ein Tautropfen auf einer verwelkten Blüte, ein Schrei, ein Moment des Fallens, eine Änderung der Körperhaltung.

Entscheidungen werden immer kollektiv gefällt. Denn wir sind nie unabhängig.

Vom Sinn und Unsinn des Humors

Spätestens seit meinem Kinobesuch im neuen Joker ist mir dieser Text ein großes Anliegen. Gleichzeitig sind da Wiederstände. Wiederstände, die aus der Angst produziert sind, dass das Ausformulieren dieser Gedanken noch einige neue Schattenseiten meines eigenen Humors aufzeigen wird. Na dann mal ran an den Speck.

Humor ist ein großartiges Werkzeug. Wir können durch Humor sehr schnell Verbundenheit zu anderen Menschen herstellen. Lachen verbindet. Wir können uns aus unserem eigenen alltäglichen Drama rausholen, indem wir über uns selbst lachen. Über unsere Schusseligkeit, unsere übertriebene Ängstlichkeit, die uns daran hindert neue bereichernde Erfahrungen zu machen.
Humor kann oft ein Schlüssel zu unserer Kreativität sein, denn er „zwingt“ uns, aus unserem starren Leidwesen herauszutreten und wieder beweglich zu werden. Die neugewonnene Beweglichkeit ist nicht zuletzt der besonderen Atmung geschuldet, die wir während des Lachens einnehmen.
Beim Ausatmen werden mehrere kleine Stöße ausgeführt, die zügig hintereinander folgen. Eingeatmet wird in einem tiefen und etwas schnelleren Zug, diese Bewegung ist meist kontinuierlich. (Quelle: www.paradisi.de).
Wenn wir davor, wie es die meisten zivilisierten Menschen im Alltag tun, sehr flach geatmet haben, versorgt uns diese Atmung mit neuem Sauerstoff und macht uns wacher.
Diese positive Beeinflussung der Atmung ist laut…….gesundheitsfördernd. Viele verbreitete Beschwerden können dabei günstig beeinflusst werden. Die oberen Luftwege werden, ähnlich wie beim Husten, von störenden Sekreten befreit. Der Gasaustausch wird erhöht, so dass unter anderem die Ausscheidung von Cholesterin gefördert wird. (Quelle: www.tamala-center.de).

Kann Humor krank sein?

Arthur, alias Joker, leidet unter einer Lachkrankheit, was im Medizinischen auch als pathologisches Lachen oder Affektinkontinenz bezeichnet wird. Das bedeutet, dass er buchstäblich Lachen MUSS, also sein Lachen nicht unter Kontrolle hat. Besonders in Situationen, in denen das Lachen – zumindest gesellschaftlich gesehen – nicht angemessen ist, tritt dieses zwanghafte Lachen ein. Für einen Außenstehenden kann dieses Lachen dann auch schnell psychopathisch wirken. Im Film war für mich kennzeichnend, dass er immer in Situationen in dieses zwanghafte Lachen kam, in denen in meiner Wahrnehmung eine große unterschwellige Panik in ihm auftrat.
Diese Panik war für mich deshalb so offensichtlich, da unter diesem hönischen Lachen sehr deutlich etwas anderes durchschien, das ich als Panik bezeichnen würde.
Wieso aber konnte der Protagonist nicht anders mit seiner Panik umgehen, als in dieses krankhafte Lachen zu gehen? Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es nicht, jedoch einige interessante Thesen, darunter auch eine rein medizinische These:

Lachen ist Medizin

Lacht man in stressigen Situationen (worunter auch Panik gehört), verlangsamt man den Ausstoß von Adrenalin. Die Muskeln entspannen sich – man sagt, dass eine Minute Lachen einem 45-minütigen Entspannungstraining gleicht. (Quelle: www.paradisi.de).
Der Neurologe Fry (1989,1993) stellte in kontrollierten Untersuchungen fest, dass nach einem ausgiebigen Lachen die körpereigene Hormonproduktion zum einen gesteigert wird und zum anderen die Zirkulation gewisser Immunsubstanzen für Stunden erhöht ist. Herzhaftes Lachen übt auf das neurovegetative System eine Schockwirkung aus, die das gesamte Herz-Kreislauf-System aktiviert. Zunächst kommt es zu einer Beschleunigung des Herzschlages. Daran schließt sich eine längere Phase der Entspannung an, die unter der Dominanz des Parasympathicus steht: Der Herzrhythmus verlangsamt sich und der Blutdruck wird gesenkt. Walsh hatte schon im Jahre 1928 angenommen, dass die Widerstandskraft des Organismus gegen Krankheit sich erhöht, wenn ein Mensch häufig und regelmäßig lacht. (Quelle: www.tamala-center.de). Im späteren Verlauf des Films erfahren wir, dass Arthur schon als kleines Kind großer Gewalt ausgesetzt war. Sein Organismus sah das Lachen und seine damit verbundenen beruhigenden Effekte wohl als den besten Überlebensmechanismus. Arthurs Körper benutzte also das Lachen nicht nur (oder eben nie) für den eigentlichen Zweck, also um Freude und Belustigung auszudrücken, sondern um Stress abzubauen.  

Die These aus einer eher systemischen Sicht wäre diese:
Wie bereits oben erwähnt, war das Lachen für Arthur eine Überlebensstrategie. Nicht zuletzt übte seine Mutter, die stark psychopathisch war, großen Einfluss auf die Entwicklung dieser Strategie aus. Sie nannte ihren Sohn nie „Arthur“, sondern „Happy“ und sagte ihm seit seiner Kindheit: „Du wurdest geboren um Freude und Glück in die Welt zu bringen.“  Sie, die hoch manipulativ war, sprach damit unterschwellig also ein Verbot für alle anderen Gefühlslagen aus. So versuchte Arthur seinen Schmerz, dem er vor allem durch seine Mutter ausgesetzt war, stets zu unterdrücken und ihn durch Lachen zu ersetzen – aus Liebe zur Mutter – und auch der Angst, sie zu verlieren, wenn er ihr nicht gehorsam ist. Diese Mischung aus Liebe und Verlustangst nennt man im Systemischen „Bindungsliebe“. Ein systemischer Satz könnte lauten: „Liebe Mama, damit es dir nicht schlecht geht (und du für mich da sein kannst), lache ich für dich statt zu weinen.“

Die Mutter übt durch ihre psychische Krankheit sehr große Dominanz aus und – soweit meine Vermutung – Arthur hat als Kind fast keine Chance, SICH SELBT im Spiegel der Mutter zu erfahren. Er erhält keinen Raum, seine eigene Identität zu entfalten, sondern ist dauernd darum bemüht, dass es der Mutter gut geht. Mit der Zeit lernt er, welche Rollen er spielen muss, damit die Mutter zufrieden ist.

Schau-spiel als Leugnung der Unsicherheit

Im Kartenspiel wird der Joker meist als „wilde Karte“ eingesetzt, also als Ersatz für eine beliebige Karte. So mimt auch Arthur im Film den Joker bis zur Perfektion. Er ist ein Wandlungskünstler, dabei besitzt er selbst keine klare Identität. Dieser Verzweiflung obliegt er ununterbrochen und versucht ihr zu entfliehen, indem er sich immer wieder andere Rolle so sehr zu eigen macht, dass er denkt, diese Rolle wäre er selbst. Als letzten Ausweg aus dieser Verzweiflung nimmt er den Weg der Gewalt und Mordlust.

Ich denke, dass wir alle die Gestalt des Jokers in uns kennen. Dass jeder von uns viele Rollen im Petto hat. Hat eine Rolle mal versagt, sind wir Meister darin, uns eine neue Rolle auszudenken, dann von der neu errungenen Pseudo-Stabilität kurz ergriffen sind, doch darunter immer einen Boden der Einsamkeit und Unsicherheit spüren. Jede Rolle ist eben flüchtig, da jeder Moment flüchtig ist. Sicherheit ist eine Illusion. Wir möchten das nicht akzeptieren, möchten der Fata Morgana der Sicherheit hinterherrennen, erschaffen immer wieder neue Sicherheitsformate. So geht mit diesem Teufelskreis auch ein Drang zur Rebellion einher, der sowohl autoaggressiv, als auch nach außen wirken kann. Da wir durch das Ausüben von Gewalt unsere eigene Pseudo-Macht besonders gut spüren, unterliegen wir dieser Gewalt oftmals als letzte verzweifelte Instanz, die ständige Unsicherheit zu verheimlichen. So obliegt auch Arthur im Film sehr stark dieser Verzweiflung, bis zuletzt. Egal ob er am Anfang von allen als Opfer gesehen wird, oder am Ende von der Menge gefeiert wird, der einsame Kampf um eine Identität besteht bis zuletzt.
Doch so sehr die rebellierende Verzweiflung bei Arthur Bestand hat – so sehr drückt seine „I don’t give a fuck“ Mentalität und sein höhnisches Lachen auch seine Belustigung über die Absurditäten der Gesellschaft aus. Es scheint, als würde er erkennen, dass viele gesellschaftliche Werte einfach schlichtweg heuchlerisch und psychisch gewaltvoll sind.

Gibt es eine Identität?

Als Arthur erfährt, dass durch die Kürzung der staatlichen Sozialhilfeleistungen seine Psychotherapie nicht weitergeführt werden kann, sagt er zu seiner Therapeutin: „For my whole life, I didn‘t know if I even existed“, also „Mein ganzes Leben lang wusste ich nicht, ob ich überhaupt existierte.“ Auch wenn in diesem Satz die Trauer über die hoffnungslose Suche seiner eigenen Identität steckt, drückt sie eine große Erkenntnis aus, nämlich, dass so etwas wie eine feste Identität eigentlich gar nicht existiert. Der Psychologe Heik Portele schreibt in einem Text über die Gestalttherapie: „Da ist nicht ein Etwas, das sich verändert, ein Kern-Selbst oder was immer, das Selbst ist Veränderung, das Selbst hat keine Substanz, nichts, woran man sich halten kann, es ist ein Nicht-Selbst. Das ist sehr unangenehm. Wir hätten so gern ein Selbst, etwas, dass das Vergehen übersteht. Deshalb bilden wir einen Charakter aus, das sind unsere Gewohnheiten. Diese Gewohnheiten beherrschen uns dann, üben Zwang aus, lassen uns erstarren. Wir verarmen dann uns und die Welt, in dem wir auf das immer wieder Neue und den Reichtum jeder Situation starr und stereotyp mit einer Gewohnheit antworten.“
Ich möchte mit diesem Text das blutrünstige Handeln von Joker keineswegs glorifizieren. Nein, es ist für mich nichts anderes als ein weiterer verzweifelter Weg, sich selbst eine bedeutungsvolle Identität zu geben. Und gerade aus dieser Überzeugung kann ich meinem derzeitigen Glaubenssatz nicht entfliehen, dass die Zumutung unserer eigenen Absurdität uns aus vielen krankhaften Zuständen herausholen kann – und damit auch viele zwanghafte Übergriffshandlungen vermeiden kann.

Wir frieren

Denn da ist die Furcht vor der Abnormalität, vor der Krankheit. Nein, wir fürchten uns nicht nur davor, wir sind eigentlich der Überzeugung, dass wir krank sind – und wollen es gleichzeitig nicht sein. Deshalb rennen wir zu Ärzten, Psychologen, Kurse alternativer Heilmethoden gibt es wie Sand am Meer. Wir meditieren, wir prokrastinieren, wir konsumieren, wir masturbieren durch den Konsum unseres kranken Ichs. Und wir frieren. Wir frieren ununterbrochen. Wir versuchen uns am Trunk der schnellen Exstase zu wärmen, statt uns zu entspannen, zusammen mit unserer Furcht. Die is‘ halt einfach da, genauso wie dein linker Arm und dein rechtes Ohr.

Humor ist die Befreiung aus unserem starren Körper

Über diesen melancholisch-dramatischen Teufelskreis zu lachen, ist für mich derzeit das Genügsamste, was ich tun kann. Darunter ist halt auch die Verzweiflung über den Zustand, meinen Zustand, der sich immer wieder der Illusion der Krankheit hingibt. Dem Spiegel meiner eigenen Krankheit Grimassen zu schneiden, aus ihm heraus höhnisch zu lachen, wölfisch zu jaulen und grunzend zu schreien ist für mich ein Entkommen aus meinem starren Körper.
Wenn ich an manchen Abenden in meiner depressiven Gestalt zu versumpfen drohe, dann äffe ich mich manchmal nach. „Ach, sind wir heute wieder depressiv!“, „Jaaaa, oh jaaaah, es ist so schön, soooo genüsslich, diese Depression. Sich einfach gehen lassen, alles stehen zu lassen, komplett der Illusion verfallen sein, dass man nicht (mehr) kann. Hmmmm herrlich. Und dieses bodenlose Leiden. Jahrelang einstudiert, bis zur Perfektion.“
So oder so ähnlich sehen dann meine Selbstgespräche aus. Schnell werde ich dann wieder beweglicher, flüssiger, erhalte wieder einen klareren Blick auf die Dinge.
De-pression bedeutet nichts anderes als Runterdrücken. Wir drücken etwas, das eigentlich erlebt werden möchte, wieder runter. Aus welchen Gründen auch immer. Die sind sehr variabel.

Diese Gewohnheit des depressiven Aktes zu durchbrechen ist nicht leicht. Es fühlt sich halt auch so gemütlich da drin an. Humor ist da ein echtes Wunderwerk. Ein Teufelszeug im wahrsten Sinne. So ertappe ich mich manchmal, dass ich richtig Schiss hab, über mich selbst zu lachen – weil dann ganz schön viel Drama auffliegen würde und ich mich nicht mehr in meiner depressiven Ekstase wälzen könnte.

Was also ist dann der Unsinn von Humor?

Wo wird Humor hinderlich? Nämlich dann, wenn wir ihn dazu benutzen, etwas runterzudrücken. Dann wird er zum Werkzeug für die Depression. Faszinierend, nicht?
Arthur benutzte ihn ja auch irgendwann, um seinen Schmerz nicht fühlen zu müssen.

Wenn ich nämlich an genau diesen depressiven Abenden meine Selbstironie bis zum Äußersten treibe, dann kommt auch ganz schnell der Schmerz, der darunter liegt. Schmerz, der sich alt und verklebt anfühlt. Der wahrscheinlich ein kindlicher Schmerz ist. Wenn ich dies dann wieder belache, meinen Schmerz in Sarkasmus packe, dann beschäme ich mich selbst. So zumindest fühlt es sich an.
Und Joker, der lacht und lacht und lacht und lacht – und darunter weint und weint und weint und weint. Er ist ein hilfloser misshandelter kleiner Junge gefangen im Körper eines 40-jährigen Mannes.

Humor neu lernen

Gott hat uns Humor, wie alle anderen Emotionen auch, als Verbindungsinstrument zu unserem höheren Selbst geschenkt. Es ist oft traurig zu sehen, wie Humor in der Gesellschaft verschwendet und zweckentfremdet wird. Indem wir nur der Etikette wegen lachen, obwohl wir etwas eigentlich gerade langweilig finden. Indem wir lachen um unsere eigene Unsicherheit zu verdecken. Indem wir lachen um Aufmerksamkeit zu erregen. Indem wir Menschen (auch uns selbst) auslachen und beschämen. Und indem wir Humor schließlich nicht mehr in seiner Reinheit wahrnehmen und verlernen, dieses herrliche Instrument zu spielen.

Nähe und Angst

Wie oft fühlst du dich einem Menschen wirklich nahe, wirklich verbunden? Wie oft fühlst du dich dir selbst wirklich nahe, wirklich verbunden?
Als ich erlebte, wie sich echte Nähe und Verbundenheit anfühlt, ist mir bewusst geworden wie lange ich doch im Schneewitchenschlaf gefangen war und es nicht merkte. Zumindest nicht bewusst. Mein Unterbewusstsein schrie die ganze Zeit lauthals, dass es Nähe braucht. Doch wie oft hören wir das eigentliche Bedürfnis gar nicht und missinterpretieren das Schreien. Doch wenn wir unserer Sensibilität nur ein klitzekleines mehr Achtung, mehr Würde und mehr Wertschätzung geben, sie zu Wort kommen lassen, wird ganz schnell klar, was gebraucht wird.
Stattdessen schämte ich mich dafür, einfach nur Nähe zu brauchen. Einfach nur eine Umarmung und eine Kuscheleinheit zu brauchen. Einfach nur ein warmes Stück Haut auf meiner eigenen zu spüren. Was verursacht weniger Scham und stillt den Durst nach Nähe zumindest oberflächlich? Sex. Und so benutzte ich Männer – und sie benutzten mich – um einander Nähe zu geben. Dass aber Sex, eine der tiefsten Verbindungen die zwei Wesen miteinander eingehen können, etwas derart heiliges ist – denn es schafft neues Leben – und demnach mit großer Würde und Achtung behandelt werden sollte, ist in der heutigen Gesellschaft vollkommen in Vergessenheit geraten. Ich benutzte ein derartiges Heiligtum um meinen Durst nach Nähe und Zuneigung nicht zeigen zu müssen. So entfernte ich mich Stück für Stück von meiner Ursprünglichkeit und Reinheit und schuf ein sexuelles Wesen, das in kauf nahm, all die Ekstase, die es durch Sexualität erfahren hätte können, aufzugeben, nur um oberflächliche Nähe zu produzieren. Und all das, weil Scham und Verletzlichkeit im Vordergrund stand. Meine Maske zu verlieren, mich völlig entblößt und ohne jeglichen Schutz zeigen zu müssen, ja fast meine komplette, mühsam aufgebaute, Pseudoidentität stand auf dem Spiel. Mein schauspielerisches Talent beim Sex war grandios. Locker hätte ich als Pornodarstellerin durchgehen können. Grazil bewegte ich meine Hüften, aphrodisierend stöhnte ich ihm ins Ohr, von devoter Stärke durchtrieben  schrie ich, dass er mich schlagen soll, über meinen Rücken kratzen soll, mich benutzen soll. Auch darin war, im Innersten, die reine, leuchtende Lust erstrahlt. Doch primär war es die Unsicherheit, die ich damit zu überdecken versuchte.

Wir betrauern oft den „Verlust von Nähe“ in unserer Gesellschaft. Wir sind schnell dabei, mit Fremden ins Bett zu gehen, haben aber eine Abneigung dagegen, emotional berührt zu werden. Als wir die Sitte der Berührung als Weg, mit Gott in Kontakt zu kommen, verloren haben, fingen wir an, uns für unsere natürlichen Triebe zu schämen und uns noch für unsere Phantasien schuldig zu fühlen.
Wir fürchten uns vielleicht deshalb so sehr davor, uns in Ekstase zu verlieren, weil damit ein Kontrollverlust einhergeht. Hingabe ist etwas, das unsere Kultur nicht fördert, noch nicht einmal die Hingabe an das Göttliche. Hingabe an das Göttliche bedeutet, uns aus unseren wohldefinierten Rollen und Welten in das Reich der Götter zu begeben, wo alles möglich ist und nichts erklärt wird. Wir haben keinerlei Vorstellung ,was uns erwartet, und deswegen fürchten wir uns. Wie der Dichter T.S. Eliot in Mord im Dom sagte, fürchten wir „die Hand am Fenstergriff und das Feuer im Dachstuhl…weniger als die Liebe Gottes“. Würden wir Ekstase, die Liebe Gottes, wirklich erfahren, hieße das, dass wir uns für tiefgreifende Veränderungen öffnen, und dazu sind wir nicht bereit. Wir rennen dem Sex hinterher, wieder auf der Jagd nach Gott, machen aber häufig unmenschliche, minderwertige dionysische Erfahrungen. Ein minderwertiger Dionysos, der in der Sexualität seinen Ausdruck findet, ist schrecklich anzuschauen. Statt des Liebesspiels erleben wir eine Vergewaltigung oder einen völlig seelenlosen sexuellen Akt. So wie wir versuchen, unseren Kopf vom Rest unseres Körpers abzutrennen, haben wir versucht, die Sexualität aus unseren Leben zu verbannen. Wir haben Sexualität ein eigenes Ghetto errichtet. Hier glitzert und spielt in dunklen Stunden das seine Musik, was im 20. Jahrhundert als sexuelle Hemmungslosigkeit gilt. Unsere sexuelle Sprache ist sehr energiegeladen, aber diese Energie strebt nicht aufwärts. Wir sagen, „kommen wir zur Sache“, „bringen wir es hinter uns“, „besorg’s mir“. Diese Ekstase auf unterster Ebene hält uns gerade so am Laufen, aber sie führt uns nicht zur Transzendenz.

Um unsere Schuldgefühle zu ertränken und die Stimmen zu übertönen, betäuben wir uns mit Alkohol und Drogen, und die Ironie dabei ist, dass diese Mittel in anderen Zeiten göttliche Sakramente waren, die eingesetzt wurden, um uns zu göttlichen Visionen zu verhelfen. Ohne die heiligen Rituale, unser Bedürfnis nach Dionysos auszudrücken, können wir es nur symptomatisch zeigen: in Form von Drogenmissbrauch, Belästigung von Kindern und häuslicher Gewalt, Raubüberfällen, Kriegen, Terrorismus und Wahnsinn.