Nähe und Angst

Wie oft fühlst du dich einem Menschen wirklich nahe, wirklich verbunden? Wie oft fühlst du dich dir selbst wirklich nahe, wirklich verbunden?
Als ich erlebte, wie sich echte Nähe und Verbundenheit anfühlt, ist mir bewusst geworden wie lange ich doch im Schneewitchenschlaf gefangen war und es nicht merkte. Zumindest nicht bewusst. Mein Unterbewusstsein schrie die ganze Zeit lauthals, dass es Nähe braucht. Doch wie oft hören wir das eigentliche Bedürfnis gar nicht und missinterpretieren das Schreien. Doch wenn wir unserer Sensibilität nur ein klitzekleines mehr Achtung, mehr Würde und mehr Wertschätzung geben, sie zu Wort kommen lassen, wird ganz schnell klar, was gebraucht wird.
Stattdessen schämte ich mich dafür, einfach nur Nähe zu brauchen. Einfach nur eine Umarmung und eine Kuscheleinheit zu brauchen. Einfach nur ein warmes Stück Haut auf meiner eigenen zu spüren. Was verursacht weniger Scham und stillt den Durst nach Nähe zumindest oberflächlich? Sex. Und so benutzte ich Männer – und sie benutzten mich – um einander Nähe zu geben. Dass aber Sex, eine der tiefsten Verbindungen die zwei Wesen miteinander eingehen können, etwas derart heiliges ist – denn es schafft neues Leben – und demnach mit großer Würde und Achtung behandelt werden sollte, ist in der heutigen Gesellschaft vollkommen in Vergessenheit geraten. Ich benutzte ein derartiges Heiligtum um meinen Durst nach Nähe und Zuneigung nicht zeigen zu müssen. So entfernte ich mich Stück für Stück von meiner Ursprünglichkeit und Reinheit und schuf ein sexuelles Wesen, das in kauf nahm, all die Ekstase, die es durch Sexualität erfahren hätte können, aufzugeben, nur um oberflächliche Nähe zu produzieren. Und all das, weil Scham und Verletzlichkeit im Vordergrund stand. Meine Maske zu verlieren, mich völlig entblößt und ohne jeglichen Schutz zeigen zu müssen, ja fast meine komplette, mühsam aufgebaute, Pseudoidentität stand auf dem Spiel. Mein schauspielerisches Talent beim Sex war grandios. Locker hätte ich als Pornodarstellerin durchgehen können. Grazil bewegte ich meine Hüften, aphrodisierend stöhnte ich ihm ins Ohr, von devoter Stärke durchtrieben  schrie ich, dass er mich schlagen soll, über meinen Rücken kratzen soll, mich benutzen soll. Auch darin war, im Innersten, die reine, leuchtende Lust erstrahlt. Doch primär war es die Unsicherheit, die ich damit zu überdecken versuchte.

Wir betrauern oft den „Verlust von Nähe“ in unserer Gesellschaft. Wir sind schnell dabei, mit Fremden ins Bett zu gehen, haben aber eine Abneigung dagegen, emotional berührt zu werden. Als wir die Sitte der Berührung als Weg, mit Gott in Kontakt zu kommen, verloren haben, fingen wir an, uns für unsere natürlichen Triebe zu schämen und uns noch für unsere Phantasien schuldig zu fühlen.
Wir fürchten uns vielleicht deshalb so sehr davor, uns in Ekstase zu verlieren, weil damit ein Kontrollverlust einhergeht. Hingabe ist etwas, das unsere Kultur nicht fördert, noch nicht einmal die Hingabe an das Göttliche. Hingabe an das Göttliche bedeutet, uns aus unseren wohldefinierten Rollen und Welten in das Reich der Götter zu begeben, wo alles möglich ist und nichts erklärt wird. Wir haben keinerlei Vorstellung ,was uns erwartet, und deswegen fürchten wir uns. Wie der Dichter T.S. Eliot in Mord im Dom sagte, fürchten wir „die Hand am Fenstergriff und das Feuer im Dachstuhl…weniger als die Liebe Gottes“. Würden wir Ekstase, die Liebe Gottes, wirklich erfahren, hieße das, dass wir uns für tiefgreifende Veränderungen öffnen, und dazu sind wir nicht bereit. Wir rennen dem Sex hinterher, wieder auf der Jagd nach Gott, machen aber häufig unmenschliche, minderwertige dionysische Erfahrungen. Ein minderwertiger Dionysos, der in der Sexualität seinen Ausdruck findet, ist schrecklich anzuschauen. Statt des Liebesspiels erleben wir eine Vergewaltigung oder einen völlig seelenlosen sexuellen Akt. So wie wir versuchen, unseren Kopf vom Rest unseres Körpers abzutrennen, haben wir versucht, die Sexualität aus unseren Leben zu verbannen. Wir haben Sexualität ein eigenes Ghetto errichtet. Hier glitzert und spielt in dunklen Stunden das seine Musik, was im 20. Jahrhundert als sexuelle Hemmungslosigkeit gilt. Unsere sexuelle Sprache ist sehr energiegeladen, aber diese Energie strebt nicht aufwärts. Wir sagen, „kommen wir zur Sache“, „bringen wir es hinter uns“, „besorg’s mir“. Diese Ekstase auf unterster Ebene hält uns gerade so am Laufen, aber sie führt uns nicht zur Transzendenz.

Um unsere Schuldgefühle zu ertränken und die Stimmen zu übertönen, betäuben wir uns mit Alkohol und Drogen, und die Ironie dabei ist, dass diese Mittel in anderen Zeiten göttliche Sakramente waren, die eingesetzt wurden, um uns zu göttlichen Visionen zu verhelfen. Ohne die heiligen Rituale, unser Bedürfnis nach Dionysos auszudrücken, können wir es nur symptomatisch zeigen: in Form von Drogenmissbrauch, Belästigung von Kindern und häuslicher Gewalt, Raubüberfällen, Kriegen, Terrorismus und Wahnsinn.

Auf dem Weg zur Frau

In spiritueller Selbstentwicklung wird viel vom inneren Kind geredet. Wir sollen unser inneres Kind kennenlernen um die ungestillten Bedürfnisse aufzudecken und zu lernen, wie wir sie ihm – dem inneren Kind – nachträglich schenken können. Doch auch unser innerer Teenager steckt noch in uns, mit großem Durst nach Aufmerksamkeit und nichtausgelebten Gefühlen. Mit diesem Text möchte ich dich einladen, auch dieser Lebensphase wieder öfter zu begegnen – dem trotzigen, verunsicherten Teenie in dir. Um durch mehr Würde und Achtung gegenüber diesem Anteil die Lust des Erwachsenseins zu erfahren.
Als Bonus gibts noch eine Portion metaphysikalischen Weitblickkram 😉

Bildquelle: instagram/artbillylikes, Artist unbekannt

 

Taub. Alles war taub. Berührungen ließen mich unberührt. Rührend war lediglich meine Selbstdarstellung. Hatte ich überhaupt jemals meine Sexualität erforscht? War ich jemals ein Teenager, ein Mädchen, auf dem Weg zur Frau, nicht so recht wissend wie es sich beim Sex, oder allgemein in der Gegenwart von Männern, Jungs, verhalten soll? Das unsicher war, ob es das richtige tat, das erst ganz viel Vertrauen brauchte bis der Mann mit ihr schlafen durfte? Oder habe ich schon von Anfang an eine Rolle gespielt? Wohl eher letzteres. Ich suchte mir die der halb-devoten, halb-masochistischen Frau aus, die auch mal auf Schmerzen steht und gerne experimentiert. Auch mal was Verrücktes und Verruchtes macht. Auch mal gerne über ihre Grenzen geht. Weiß, wie sie die Männer um den Finger wickelt. Weiß, wie erotisierend sie sein kann. Doch eigentlich war hinter dieser Rolle ganz viel Unsicherheit. Selbstbewusstes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit. Nicht nur eine Devise, die uns im Berufsalltag beigebracht wird.

Dein Körper vergisst nicht

Wenn es da nicht noch diesen Funken an Erinnerung meiner kindlichen Ekstase in meinem Körpergedächtnis gäbe, wäre ich wohl tatsächlich so naiv gewesen und hätte geglaubt, dass das alles war, was man an sexueller Lust hätte erfahren können. Doch irgendwas in mir schrie immer lauter „Hey, Stopp! Hör auf dich selbst zu verarschen! Das ist nicht Fantasia Land! Das ist ne Sackgasse! Du bist nicht die, die du spielst. Es gehört noch so viel mehr zu dir!“.

Aber…wo ist denn nun der prinz, der mich WACHKÜSSt?

Nun hörte ich diese Stimme schon sehr lange. Wusste aber nicht welchen Weg ich stattdessen gehen soll. Ja, verdammt nochmal, was soll ich denn sonst tun?  Ich will doch einfach nur Lust spüren, ist das denn zu viel verlangt? Kann das denn so schwer sein? Ich meine, ich bin doch schon total locker und offen und lasse mich fallen und so. Und wieso ist denn da kein Mann, der einfach nur spürt – SPÜRT – was ich brauche, der mich von meinem Leid erlöst, der meine sexuellen Blockaden heilt, der nicht nur auf seine eigene Geilheit bedacht ist, der mich nicht verdutzt und erschrocken ansieht, wenn ich nach oder während dem Sex weine. Wieso erklärt mir denn niemand, was ich anders machen soll?
Diese Gedanken hatte ich natürlich mit keinem Menschen geteilt. Schließlich war ich ja diese Frau, die so selbstsicher und ungezwungen ihre Sexualität lebt. —– Bullshit.

Ja. Du kannst noch ewig so weitermachen mit deiner Opferhaltung. So wirst du dich irgendwann suhlen in deinem Meer aus Trotz, Selbstmitleid und Männerhass. Doch wenigstens spürst du dann halt IRGENDWAS! Ja, geh so richtig tief rein in deine Verbitterung, lass dich fallen, weine dir ein Meer aus Tränen der Verzweiflung und bade dich darin. Dort wirst du dich wohl fühlen. Zumindest wohlER fühlen. Und dann hole dir ab und zu ein Portiönchen Bestätigung von einem Mann, der dich attraktiv findet. Der dich so richtig geil findet. Oder es sich zumindest einredet, damit er selbst wenigstens einen Hauch von Lust erfährt. Und dann badet gemeinsam, jedoch jeder einsam in seinem eigenen Meer.

Mensch. Oh Mensch. Wie hast du nur die Lust missbraucht. Wie konntest du nur dieses heilige Werkzeug für deine eigene Selbstzerstörung benutzen? Und all das nur, weil du dir selbst nicht mit Achtung begegnest. Deine eigene Empfindsamkeit nicht wertschätzt. 

Den Weg der Frau zu gehen, bedeutet auch Selbstverantwortung zu übernehmen

Der Schmerz, welcher durch die nicht gelebte Lust entstand, wollte gefühlt werden. Tränen wollten vergossen werden. Wut wollte erlöst werden. Verzweiflung wollte sich breitmachen dürfen. Das, was sich da über dieser Ur-Lust ausgebreitet hat über all die Jahre, muss erstmal radikal entfernt werden. Das ist kein kleiner Frühjahrsputz, das ist Restauration. „Die fachgerechte Wiederherstellung von Kunstwerken.“, erzählt mir Google wenn ich Restauration eingebe. Ha. Wie passend. Vielleicht sollten wir uns alle wieder mehr als Kunstwerk betrachten. Wie die Frau auf dem Bild da oben. Aber was Restauration auch beinhaltet ist Zeit. Ja, es braucht Zeit bis das Kunstwerk wieder in seinem vollen Glanze erstrahlt. Also erwarte keine Quantensprünge. Gut Ding will Weile haben. Sei vor allem sehr achtsam beim Erneuern des Grundgerüstes. Ein stabiler Kern ist das wichtigste.

Deshalb möchte ich dir im Folgenden auch von keinen mega abenteuerlichen, zu tiefst tantrischen Erlebnissen erzählen, die ich in der letzten Zeit erfahren durfte und über die ich sehr dankbar bin. Ich möchte dir aber heute von einer kurzen Momentaufnahme aus meinem kleinen Mikro-Kosmos erzählen, die für mich aber große Veränderung brachte und das bloße Erinnern daran mich immer noch nährt.

Du bist ganz – und gleichzeitig teil eines anderen ganzen

Als ich eines Abends Anfang Januar mir einer Gruppe lieber Menschen tanzte, in einer Kapelle irgendwo im tiefsten Unterfranken, und die Freude am Tanz meinen Körper durchdrang und ich mich so wahnsinnig schön, erotisch, weiblich, fühlte – da ertappte ich mich schon wieder dabei, wie ich skeptisch in die Menschenmenge spähte, nach Blicken suchend, die mich beobachteten und sich an meinem wollüstigen Tanz ergötzten. Stattdessen war jeder so in sich gekehrt, ihre Bewegungen waren absichtslos, ruhig und klar ihre Ausstrahlung – und doch versprühten sie Anmut und Feuer.
Doch ich wollte so gern MIT jemandem tanzen, nicht immer alleine tanzen, wollte meine Freude teilen, wollte verschmelzen mit einem anderen Körper. Als ich merkte, dass da absolut niemand war, der sich ebenso nach einer Verschmelzung sehnte, spürte ich wie ich mich immer mehr von meinem Glücksgefühl entfernte und sich Stress und Unzufriedenheit in mir breit machten, so wie ich es leider nur all zu gut kannte. Doch an diesem Abend war ich es leid, schon wieder an diesem Punkt zu brechen. Was also, wenn ich mit mir selbst verschmelze, oder – noch radikaler – wenn ich gar nichts weiter tue als einfach nur DA zu sein? Nicht den Drang zu haben mein Gefühl teilen zu müssen, nach Außen bringen zu müssen? Denn ist es nicht so, dass wir ja eigentlich, rein physikalisch betrachtet, alle schon verschmolzen sind? Wir sind atomare Teilchen, die im Kollektiv eine bestimmte Form ergeben, einen geschlossenen Organismus, ein Mensch zum Beispiel. Gleichzeitig ist dieser Organismus offen, ständig mit seiner Umgebung verbunden. Verschmolzen also. So sind wir ununterbrochen geschlossen und gleichzeitig offen. (wen diese These noch weiter interessiert, der google gern den Begriff „Holon“ oder Arthur Koestler.)

Von dieser Tatsache überzeugt beschloss ich, noch einmal den Raum wahrzunehmen, wie geschützt und gleichzeitig offen er war, wie viel Kraft wir als Gruppe erzeugten und wie viel Kraft ich gleichzeitig als Individuum in mir kultivierte. Und dann war da noch ein weiterer neuer Gedanke: Wie falsch und ungesund ist es doch, sich selbst nicht mindestens genau so attraktiv und schön zu finden, wie die Person, die man im Raum am attraktivsten findet? Wenn ich in mir selbst nicht das Leuchten sehe, ist es doch klar, dass es mich ständig nach Bestätigung dürstet. (eigentlich sollten wir eh jeder Person mit der Intention begegnen ihr Leuchten zu unterstützen, aber das ist ein anderes Thema).

Mit dieser Erkenntnis wich auch die Verstreutheit in mir. Ruhe und Geborgenheit machten sich breit.

Schönheit liegt in der Einfachheit – keep it simple!

Immer öfter stelle ich fest, dass so viele Stressfaktoren um ein vielfaches minimiert wenn nicht gar aufgelöst werden können, wenn wir die Situation aus einem größeren, nicht-ich bezogenen und
nicht-emotionalen Blick betrachten. Eine rationale, vom Verstand dominierte Sichtweise ist also paradoxerweise dann hilfreich, wenn unsere Gefühle durch tief verborgene ungestillte Bedürfnisse oder einfach nur aus völlig menschlicher Unsicherheit verwirrt sind und nicht in ihre volle Kraft kommen können. Dann guck doch einfach mal, was da so für ungesunde Gedankengeister in deinem Organismus herumspuken. Und dann lass sie einfach frei. Dafür brauchst du nicht mal einen Schamanen, Therapeuten oder Coach. Und auch keine Ayuaska-Zeremonie oder ein Selbstheilungs-Retreat in Indien 😉

Ich wünsche dir viel Freude beim Forschen, deine Doris.

Wie ich meine Sensibilität wieder entdeckte

Bildquelle: Instagram/cigarettesandkale

 

Ich wusste nicht, wie verletzlich ich eigentlich bin. Da war diese Hülle, dieser Panzer, der den Kern schützte. So sehr schützte, dass er fast keine Luft mehr bekam. Und langsam verkümmerte, runzlig und ausgezehrt wirkte.

Wer will schon sowas sehen? So etwas Verkümmertes und Verrunzeltes. Niemand. Vor allem nicht ich selbst.

Wenn der Panzer bricht

Nun, ganz tot war dieser Kern dann doch noch nicht. Und so hegte er den Wunsch, dass er mal wieder ein bisschen Tageslicht abbekommt. Und neben meines eigenen Willens waren es auch Menschen, die in mein Leben kamen und mir dabei halfen, meinen Panzer Stück für Stück zu durchbrechen. Dies aus komplett eigener Kraft zu versuchen, ist weitaus energieraubender und langwieriger als es im Team zu tun. Und seinen verkümmerten Kern anderen Menschen zu zeigen, ist nunmal auch Teil des Prozesses, um den man nicht drumrum kommt.
Stück für Stück bekam mein Kern wieder Sauerstoff und Licht. Und mit ihm auch all die Schichten, die ihn noch umgaben und ebenso von dem Panzer geschützt waren.

Erst war es befremdlich. Beängstigend. Beschämend. Doch mein Gegenüber schreckte davor nicht zurück –  vor meiner Scham und dem Anblick meines verkümmerten Kerns. Sich in seiner vollen Scham zu zeigen und ihr komplett, unkontrolliert hinzugeben war für mich ein großer Sprung über meinen eigenen Schatten. Doch dadurch konnte ich dieser Schattenseite – der Scham – wieder mit Würde und Freundschaftlichkeit begegnen.  In diesen intensiven Phasen einen Menschen an seiner Seite zu haben, der dich begleitet, bestärkt und dich liebevoll mit deinen Ängsten konfrontiert, war und ist für mich eine sehr, sehr große Hilfe und schafft natürlich auch unglaublich schöne Kontakte.

„Zerstöre niemandes Empfindsamkeit,
seine/ihre Sensibilität ist sein/ihr Talent.“

(Verfasser unbekannt)

Ja, Sensibilität ist ein Talent. Eines unserer ursprünglichsten Charaktereigenschaften, die jeder von uns in die Wiege gelegt bekommt. Wieso wir dieses Talent nicht mehr genügend achten, ja sogar eher schlecht reden und als etwas betrachten, was nicht gerade von Selbstbewusstsein zeugt, weiß ich nicht.
Aber das zivilisierte Bild eines selbstbewussten Menschen sollte man eh überdenken. Jedenfalls sollte eine gesunde Sensibilität, was ein klares Erkennen und Formulieren von Grenzen sowie das Zulassen von Gefühlen, die mit dem Betreten dieser Grenzen einhergehen, viel ungehemmter gelebt werden können. Wird es aber leider nicht. Ganz und gar nicht. Das macht mich unheimlich traurig. Nein – eher wütend.

Scham, wie schön du doch sein kannst

Auch ich muss und möchte meine Sensibilität noch viel mehr fördern. Lange Zeit wusste ich wie gesagt gar nicht wie sensibel ich tatsächlich war. Ich wollte doch diese starke, mutige, selbstständige, reflektierte Frau sein. Maskuline Weiblichkeit. Weiblichkeit, die vergessen hatte, dass zu ihrer Ganzheitlichkeit neben dem Ausleben der sexuellen Verführerin und der kühnen, modernen Frau des 21. Jahrhunderts auch kindliche Verletzlichkeit und Unsicherheit dazugehören. Diese Seite wieder zuentdecken war – und ist immer noch – für mich eine Erfahrung die mit viel Scham behaftet ist, aber andererseits auch mit einer unglaublichen Erfüllung, Güte und nicht zu vergessen: Genuss. Wahrer Genuss und pure Freude am Leben. Einfach, weil diese Seite von mir endlich da sein darf und genau so wertgeschätzt wird wie die selbstbewusste, reflektierte, erotische Frau die ich bin.

Und am Ende ist Ekstase

Dieses Zulassen – Loslassen – der freie Fall – hat mir in letzter Zeit unglaublich ekstatische Momente beschert. Und den Wunsch in mir eröffnet, dass jeder Mensch, jedes Wesen in den Genuss dieser Ekstase kommen sollte. Eigentlich ist es so unglaublich simpel. Wer, ja verdammt nochmal wer hat eigentlich damit angefangen, Gefühle einzukategorisieren und zu be- und vor allem verurteilen?

 

 

In den nächsten Artikeln möchte ich mit euch einige Momente teilen, in denen ich diese Ekstase erlebt hatte um euch zu inspirieren und euch vielleicht auch einige Werkzeuge und Methoden vorzustellen, die euch dabei helfen können, in eure eigene Ekstase zu kommen.

#youtoo ?

Ich würde mich auch sehr darüber freuen, wenn der eine oder andere den Mut hat seine eigenen Erlebnisse oder Gedanken zu diesem Thema zu teilen.

 

Der Zauberer

Bildquelle: Instagram / @unskilledworker

All das, meine stete Transformation, also meine ununterbrochene Veränderung meiner Gestalt, war unter anderem eine Methode um zu überprüfen, ob das, was IST, SEIN darf. Als Kind, aber auch oft als Jugendlicher tun wir viele Dinge ohne sie zu hinterfragen. Vieles davon mag unserem ursprünglichen Wesen entspringen, anderes davon ist aus Einflüssen entstanden. Doch ganz egal woher es kommt: Wir tun es einfach.

Eines davon ist Unterdrückung. Wenn unsere Seele irgendwann nicht mehr weiß, wie sie sich Gehör verschaffen kann, wie sie das bekommt, was sie braucht, sucht sie sich einen anderen Weg. Einen Plan B. Oder irgendwann auch Plan Z. Dann hegen wir Emotionen, ohne zu wissen woher sie rühren. Hegen Gedanken, ohne zu wissen wie sie entstehen. Wir schämen uns, hassen uns, verurteilen uns. Schmücken uns mit Schichten, zusammengewebt aus all den Ersatzplänen. Wer näht denn diese Schichten? Etwa unterernährte Kinder in Bangladesch? Oder der Schneider auf der Hafenstraße? Eventuell sind wir verzweifelt über unser Unwissen. Unser Unwissen über die Welt. Und über uns selbst. Sind verzweifelt darüber, dass wir einfach so sind wie wir sind und nicht wissen WIESO wir so sind wie wir sind.

Bestenfalls können wir irgendwann dieser Frage nicht mehr entfliehen. Wir stellen die Frage aller Fragen: „Wieso?“. Und da wir keine Antwort wissen, wollen wir Veränderung. Wollen wir einen Leitfaden. Finden diesen Faden. Vorzugsweise hängt er da so runter, aus einer dieser Schichten. „Na toll, doch ein Billigteil aus Bangladesch.“ Verärgert ziehen wir an dem Faden. Schneiden ihn ab. Um den Rest dann wieder mit einem anderen Faden zu verknoten. Aber es macht alles irgendwie keinen Sinn. Dieses Verknoten und Zerschneiden. Es hält einfach irgendwann nicht mehr. Es löst sich auf. Alles droht sich aufzulösen. Uns wird kalt. Eigentlich wollen wir doch nur einen einzigen Faden. Mit EINEM Anfang und EINEM Ende. Wir wollen geleitet werden. Wir wollen nicht ständig diese Frage fragen. Diese Frage nach dem WIESO. Wir wollen nicht ständig überprüfen ob das was wir machen zu uns gehört. Wir wollen einfach irgendwas machen und wissen, dass diese Tat zu einem bestimmten Ergebnis führt. Doch letztendlich können wir nie hundertprozentig sicher sein, dass ein bestimmter Vorgang zu einem bestimmtem Ergebnis führt. Und DAS  wissen wir. HUNDERTPROZENTIG. Und das macht uns verrückt. Leben in ständiger Unsicherheit. Doch wir unterdrücken es. Schließen eine Lebensversicherung ab. Gehen weiter den Faden entlang. Überprüfen den Faden, überprüfen uns, ob wir so sein dürfen wie wir sind. Überprüfen andere, ob sie so sein dürfen wie sie sind. Verurteilen uns, verurteilen andere.

Und irgendwann, nach all dem Urteilen, Zweifeln, Meckern, an sich arbeiten, an anderen arbeiten – nach all diesen Überprüfungsmechanismen, um sicher zu gehen, dass etwas so sein darf, wie es ist – was bleibt da noch? Resignation? Tiefe Verzweiflung, dass man es nie ganz und gar wissen wird? Oder Freude darüber, dass wir zumindest unser Unwissen wissen. Und alles einfach so sein darf wie es jetzt gerade ist. Und auch wenn es der derzeit schönste Zustand ist, den etwas oder jemand einnehmen kann, es sich trotzdem jederzeit verändern darf.

Ja verdammt, ich darf traurig sein, ohne den blassen Schimmer zu haben WIESO. Ja verdammt, ich darf sogar verzweifelt sein, ohne zu wissen, WARUM. Und ganz sicher darf ich auch wütend sein, ohne zu wissen, auf was oder wen. Und ich darf auch Scham empfinden. Einfach so. Ich darf unsicher sein, ohne zu erklären, was mich unsicher macht. Und darf ich denn dann auch glücklich sein, ohne zu wissen woher mein Glück herrührt? Und darf ich dann noch fragend sein? Hinterfragend, vorderfragend, erfragend, nachfragend, vorfragend, befragend, ausfragend, zerfragend. Ja. Ich darf. Ja. Ich darf. Und darf ich denn überhaupt dürfen? Ja. Du darfst dürfen. Ja, du darfst bedürftig sein.

Denn wenn ich einfach nur SEIN darf, dann WEIß ich. Dann bin ich weiße. SEIN ist Leichtigkeit. Ja fast Schwerelosigkeit. Und Schönheit. Universelle Schönheit. Und die Schichten, egal ob die aus Bangladesch oder vom Schneider auf der Hafenstraße, auch sie sind schön. Wenn sie SIND. Universell schön. Dann ist der höchste Grad der Schönheit eingetreten, den etwas oder jemand einnehmen kann. Dann wird es oder er oder sie von dir gehen. Und ein weiteres Stück deiner Schönheit enthüllen.

Denn wenn wir all das wüssten, ja schon das Ende eines jeden Anfangs erblicken, dann würde der Zauberer nichts mehr enthüllen können. Dann wäre da kein Zauber mehr. Dann wäre da kein Erleben mehr. Dann wäre da kein LEBEN mehr.

Also. Zaubere.

Der Schatz

Ich habe einen Schatz vergraben.
Einen verzauberten Schatz. In mir.
Ganz tief da unten, ja, tief drunten.
So dass ihn niemand finden kann, nein, da kommt keiner ran.

Nichtmal ich.

Es ist ein Erbstück der Familie
wohlbehütet war er dort nie.

Doch bei mir ist er nun sicher.
Denn meine Mutter hat ihn gut versteckt. Ins allerletzte Eck.

Mama wo hast du ihn denn hinvergraben, sag mir doch, wo ist die Stelle?

Oh, mein Kind, das weiß ich nicht, damals, da war dort ja kein Licht.

Lichterlos. Nur Dunkelheit. Sehen tat ich nichts. Und musst‘ ich ihn ganz heimlich dort verstecken.

Und, wer hat denn dann den Schlüssel nun?

Oh, mein Kind, auch da weiß ich keine Antwort dir, es ist ja auch alles nicht von mir.

Keinen Schlüssel, nun gut, aber weißt du wenigstens was drin da ist?

Ja, weißt du mein Kind, es ist ein Schatz, der aber uns nicht gehören tut. Doch haben wir die Ehre ihn zu hüten, gut.

Die Ehre, oh, wie wundervoll, doch will ich wissen, was da drin sein soll.
Wenn ich schon so schwere Lasten trage, ja auch wenns ein Goldschatz ist, so möcht‘ ich wissen was da meine Kräfte frisst.

Ja doch, ja, es interessiert mich auch. Nun ist es aber eben dieser Brauch.
Und was nun, wenns ein Monster ist, dann sinds nicht nur meine Kräfte die er frisst.
Dann muss ich kämpfen – und kämpfen kann ich nicht. Doch Du jedoch, du starke Frau, schau dich an, deine Brust so breit, deine Arme, so zäh, dein Stand so fest, du kannst kämpfen.

Aber Mutter, Mutter, siehst du denn nicht? Ich bin so stark geworden, weil ich so schwere Last bald trug, deine Last, dein Schatz, den du ja niemals öffnen wolltst.
Hilf mir doch wenigstens zu buddeln, hilf mir, zeig mir, irgendwas. Und lass mich nicht im Dunkeln tappen.

Kind, mein Kind, was soll ich zeigen dir. Wenn doch auch ich nur im Dunkeln war – mit mir, ganz allein mit mir. Damals, als ich diesen Schatz bekam, war ich einfach nur so froh, mein Herz das brannte lichterloh. Ein Schatz. Der dann MEIN Schatz bald schon war. Nur meins. Für mich allein. Weil damals, weißt du, da konnte doch nichts nur für uns sein. Und behütet, das fühlt‘ ich nie. Du weißt doch, du weißt es doch. Da wurd‘ ich rumgereicht von hier nach dort. Weil meine Mutter war ja fort.
So war es dieser Schatz, der mir so viel gab, weil er unter meiner Obhut lag. Ganz egal, was es nun war, was es jetzt ist, es war – es ist mein Schatz. Mein ein und alles. Und ich wollt‘ ein guten Platz für ihn. So warst es du, dein Sein, was mir richtig schien für ihn.

Ach Mama, Mama, ja, jetzt kann ich dich verstehn‘. Ja, ich kann dich sehn‘. Ich sehe es. Jetzt spür ich es. Meine Kraft. Hast du mich doch im Zeichen des Schützen der Welt gebracht. Ich schütze. Ich schütze es. Ich schütze dich. Hab keine Angst. Denn da ist keine Angst. Da ist kein Feind. Kein Angriff. Du kannst frei kämpfen nun. Denn du kämpfst doch so gern. Und ich bin dir dabei niemals fern. Mit deinen Hörnern volle Kraft voraus. Dein Zeichen ist der Widder. Mit seinen mächt’gen Hörnern. Und seinem wohlwollendem Wesen.

Ich schütze dich. Du darfst sein. Zeig mir deine Wut. Deinen Schmerz. Deine Verletzlichkeit. Geh mit den Hörnern durch die Wand. Du wirst damit niemanden verletzen. Auch nicht dich selbst. Du wirst mit deinen Hörnen die Mauern durchbrechen, die den Schatz vor uns verdecken. Und ich, ich bin da für dich. So wie es der Schatz damals war. Doch anders als er, öffne ich mich.

 

Hört, hört! (aber jetzt echt mal, hört einfach nur, macht sonst nichts anderes.)

Bildquelle: Instagram/cigarettesandcale

Irgendwann fing ich an zu HÖREN. Hören, dass da draußen ganz schön viel Lärm und Krach ist. Hörte aus dem Fenster. So viel los da draußen. Hab‘ ICH die eingeladen? Jedenfalls hab ich wohl das Klopfen an der Eingangstür absichtlich überhört und Tische, Schränke und Stühle davor gestellt um die Tür zu blockieren. Logisch, dass sich da irgendwann ganz schön viel Müll im Zimmer ansammelt, weil man den ja nur nach draußen bringen kann wenn man die Tür öffnet. Aber dann wären ja die ganzen ungebetenen Gäste reingekommen. Irgendwann bin ich also im Müll versunken. Puh, hat das gestunken. War mir gar nicht so bewusst, bis ich dann mal gelüftet hab. Zum ersten mal nach Jahren. So ähnlich, wie wenn man in ein Klassenzimmer reinkommt, wo eine Horde von Schülern gerade kopfrauchend über einer Prüfung saß. So ne Luft war da auch in meinem Zimmer. Also hab‘ ich diese Fremden vor meiner Tür reingelassen, will ja auch kein schlechter Gastgeber sein. Habe sie also geduldet, ihnen gnädig erlaubt, da zu sein, auch wenn ich auch gut auf ihre Anwesenheit hätte verzichten können. Nach stundenlangem Anschweigen hab‘ ich halt doch mal den Schritt gewagt und die ersten zaghaften Worte losgelassen. Small Talk geführt. Wie man das halt so macht. Musste feststellen, dass die eigentlich alle ganz ok waren. Richtig nett teilweise, nur eben erst ab dem Moment, an dem ich begann mich interessiert zu zeigen.

Irgendwann fing ich an zu SEHEN. Sehen, wer da eigentlich alles da ist. Wie sie miteinander interagieren, wie sie mit mir interagieren, wie ich mit ihnen interagiere. Ja so langsam wurde es richtig gesellig. Und aus Akzeptanz wurde Genuss. Ich genoss ihre Anwesenheit. Wie wir uns gegenseitig austauschten, uns verstanden fühlten, erkannten, dass wir ja so viel gemeinsam haben. Doch ich fragte mich immer noch, wer sie eingeladen hatte und was das mit mir zu tun hatte.

Irgendwann fing ich an zu VERSTEHEN. Verstehen, wieso sie hier sind. Dass ich irgendwas von ihnen lernen sollte. Und sie wahrscheinlich auch von mir. Dass diese Begegnungen quasi überlebenswichtig sind. Damit ich lerne mit dem Leben umzugehen. Damit ich mich selbst VERSTEHE. Sonst würde ich wohl den Sinn des irdischen Lebens verfehlen. Ich fing an mich in dieses ständige Verstehen zu verlieben. Es gibt ja so unendlich viel zu verstehen. Es blieb nicht lange bei einem Verständnis. Verstand mal dieses, mal jenes, manchmal auch mehreres gleichzeitig. Dauernd ging ich fremd, war fasziniert von jedem Verstehens-Vorgang. Bin wohl polygam. Und wie das so ist, bei Verliebten, möchten sie jedem mitteilen, wie verliebt sie sind und auch wie toll der andere ist. Und wehe jemand sagt was gegen diese Verliebtheit, oder schlimmer noch, beachtet sie nicht. Was fällt denen ein? Meine Verliebtheit nicht zu beachten! Und vor allem meinen Liebhaber, das Verstandene, die Erkenntnis, nicht mindestens genau so toll zu finden wie ich!

Irgendwann fing ich an zu FÜHLEN. Fühlen, dass diese ganzen Gäste Teil von mir sind. Und nicht nur einfach irgendwelche dahergekommenen, die halt mal bei jemandem geklingelt haben, weil ihnen langweilig war. Nein, sie wurden tatsächlich gesandt. Nicht von irgendjemandem, auch nicht von Gott, sondern von mir. Weil ich Bock hatte auf Gesellschaft. Nein, weil ich unvollkommen war/bin. Weil genau diese Dinge in mir fehlten/fehlen. Ist doch manchmal wie bei diesen Tausend-Teile Puzzles von irgendwelchen Landschaftsbildern. Schloss Neuschwanstein oder so. Man sucht stundenlang nach diesem einen Teil von diesem blauen Himmel – und jedes scheint zu passen, alle gucken so verdammt ähnlich aus, alle sind sie Himmelblau. Man wird fast verrückt im Prozess des Nicht-Findens. Versucht sogar, das ein oder andere unpassende Puzzleteil passend zu machen, es da irgendwie reinzuquetschen. Aber das ist ja eigentlich auch Unsinn. Weil das ja wo anders hingehört und dann an diesem Ort kein Teil mehr ist. Und dann, man hat aufgegeben, abgegeben, liegt es einfach da, zwischen all den tausend Teilen, und man weiß einfach, dass DAS das richtige ist. Und so fügt sich eins zum anderen. Vervollständigt sich das Bild. Ist ständig voll. Aber doch leer irgendwie. Weil eindimensional.

Wie wird es tief? Indem ich höre, sehe, verstehe, fühle. Und all das gleichzeitig. Ist erstmal nicht so einfach. Muss gelernt werden. Ist doch klar. Oder hast du dich schon mal an ein Schlagzeug gesetzt und vom ersten Drum an den krassesten multidimensionalen Rhythmus hingelegt?
Angeboren ist nur das Werkzeug dafür, aber damit umzugehen bedarf Übung.

So lernte ich zu hören. Und was man mit diesem Hören alles machen kann! Zuhören, weghören, anhören, verhören, mithören. Und jedes Hören für sich bedarf eines eigenen Lehrgangs. (Wer das jetzt weiterspinnt, mit sehen und fühlen, der merkt, dass verstehen eigentlich schon ein Teilbereich von etwas ist. Von STEHEN. Müssen wir wohl erstmal stehen lernen, um überhaupt verstehen zu können).

All das Gleichzeitig heißt dann wohl erkennen. Also, ob du wirklich fürs Erkennen qualifiziert bist, kannst du ganz einfach testen: Indem du versuchst, nur zu hören. Nicht zu sehen, nicht zu stehen, nicht zu fühlen. Schalte alles aus und höre. Höre nach außen und auch nach innen. Höre nach links und auch nach rechts. Und auch mal querfeldein. Und dann mach das gleiche mit dem Sehen. Und mit dem Stehen. Und mit dem Fühlen.

Trau dich, Babyschritte zu gehen. Trau dich, eindimensional zu sein. Nur so kann sich dein volles Potential entfalten. Oder trau dich einfach deswegen, weil das für dich vielleicht viel geiler ist. Viel mehr Spaß macht. Don’t care. Be there.

Was fällt dir eigentlich ein…?


Bildquelle: Instagram, Iambillyhawkins

Was fällt dir eigentlich ein mich zu bezirzen, mir zu sagen, wie toll ich bin, mir zu erzählen, wie sehr dich diese andere Frau triggert und in den Wahnsinn treibt und mich dann genau für diese Frau links liegen zu lassen?

Was fällt dir eigentlich ein, mein Erkennen meiner Vorurteile nicht hochjauchzend zu loben und deine eigenen Vorurteile als Klischeewitze zu verkleiden?

Was fällt dir eigentlich ein, meine Wut, die ich dir so wahnsinnig reflektiert gestehe anstatt sie über dich ausbrechen zu lassen, nicht weiter zu beachten?

Was fällt dir ein, einfach zu antworten, dass du auch viel gibst, wenn ich dir vorwerfe, dass du viel forderst?

Was fällt dir eigentlich ein, mir das Gefühl zu geben mich zu dominieren, wenn ich innerlich beklage, dass mir alle anderen Männer nicht das Wasser reichen können?

Was fällt dir ein, mir nicht die Bestätigung zu geben die ich brauche, wenn ich überzeugt davon bin, dass ich keine Bestätigung mehr brauche?

Was fällt dir ein mir vorzuwerfen ich wolle dich zu sehr verändern, wenn ich dir ganz neutral zu verstehen gebe, dass deine Meinung scheiße ist?

Was fällt dir ein mich zu verführen, nachdem ich dir gesagt habe, dass ich mit dir nicht ins Bett möchte?

Was fällt dir ein zu wissen, dass ich genau jetzt etwas Härte brauche, noch bevor ich es weiß?

Was fällt dir ein, das Bedürfnis in mir auszulösen dir zu zeigen, dass du mir egal bist? Nur um zu verhindern, dass du mir zuerst zeigst, wie egal ich dir bin?

Was fällt dir ein, mich dazu zu bringen mich selbst zu fragen, ob ich wirklich so reflektiert bin wie ich denke zu sein?

Was fällt dir ein meine abgrundtiefe Ehrlichkeit, die dich verletzt, nicht wertzuschätzen?

Was fällt dir ein meine Selbstliebe immer und immer wieder auf die Probe zu stellen?

Was fällt dir ein, mich keine Stufen überspringen zu lassen?

Was fällt dir ein, mir das Gefühl zu geben, dass die Stufe, auf der ich gerade stehe genau jetzt die richtige ist?

Was fällt dir ein, mir nicht die Menschen zu schicken, die mich eine Stufe höher tragen sondern die, die mir zeigen, dass ich aus eigener Kraft klettern kann?

Was fällt dir ein zu wagen, die Genialität dieser Erkenntnis zu hinterfragen?

#9 Ich bin ein Versager. Ein euphorischer Versager.

Ich habs nicht durchgezogen. Ich habe nicht jeden Tag einen Artikel veröffentlicht. Die erste Woche lief ganz gut. Doch jetzt ist der letzte schon über eine Woche her. Was verdammt nochmal ist mir der Zeit passiert? Wo ist sie hin? Ich werde wohl eine Suchanzeige aufgeben müssen. WANTED: TIME!!!

Doch dass ich meine Forderung nicht eingehalten habe, ist weniger der Grund meiner Frustration. Mein primärer Grund dafür ist, dass ich schon wieder eine Schreibblockade habe. Und gerade diese wollte ich doch durch diese Aufgabe bewältigen. Doch kann man das eigentlich? Ist „Schreibblockade“ nicht eine typisch chronische Krankheit von Schreiberlingen?

Ich lege meine Hände auf meine Tastatur. Nervosität kommt in mir hoch. Ich fange an zu tippen. Egal was. Alles was mich beschäftigt. Doch es ist zu viel. Oder zu wenig. Je nachdem wie man es sieht. Zu viel von allem. Zu wenig von einem. Und zu schlecht um es hier zu veröffentlichen. Und genau das beschäftigt mich derzeit sehr stark. Expertise. Habe ich so etwas überhaupt? Ich komme mir vor, als wüsste ich nichts. Als wäre ich in keinem Gebiet Experte. Ich kann viele Dinge ganz gut. Begeistere mich für viele Dinge. Regelmäßig hege ich Euphorie für eine bestimmte Sache. „Ja! Das ist es! Darin werde ich Experte!“, so oder so ähnlich hören sich dann meine Gedankengänge an. Doch so schnell wie die Euphorie kommt, geht sie auch wieder.Ist es meine fehlende Disziplin? Mein fehlendes Durchhaltevermögen? Denn wer wirklich Experte in einer Sache werden möchte, muss auch gewisse Hürden überwinden.

Versagensangst ist so eine Sache bei mir. In der Vergangenheit habe ich viele Dinge nicht getan, da ich Angst hatte zu versagen. Nicht den Forderungen, die entweder ich selbst oder andere mir gestellt hatten gerecht zu werden. Zu sehen, dass andere besser sind. Womöglich sogar viel weniger dafür tun als ich. So dass ich mir dumm vorkomme.

Wow. Dieser Artikel kostet mich gerade viel mehr Mut als gedacht. Er ist so brutal ehrlich. Und dabei nicht mal großartig wortgewandt. Und ich habe Angst weiterzuschreiben. Tja. Das ist wohl die nächste Hürde dieser Challenge. (Mich nervt es so sehr, dass ich kein passendes deutsches Syononym für dieses eingedeutschte denglische Wort „Challenge“ finde…naja egal).

Denn diese Angst etwas eventuell nicht zu können, zu sehen, dass man etwas nicht geschafft hat, quasi versagt hat um es mal ganz unverblümt auf den Tisch zu legen, die haben so viele. Und hier auf dieser Seite möchte ich mich ja eigentlich von meiner tief philosophischen, tief bewussten Seite zeigen. Eine erleuchtete, die trotz des hellen Lichtes ihren schwarzen Humor nicht verloren hat. Artikel schreiben, die ich selbst grandios finde. Frisch, lebendig, querdenkerisch, eloquent, künstlerisch, bedacht, neu. So sollen meine Artikel sein. Und dieser hier ist alles andere als das. Zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Ach und all diese bekloppten Sprüche wie „man ist nur ein Versager wenn man es nicht versucht“ lösen in mir nur Wut aus. Oder….tun sie das wirklich? Hm. Interessant. Gerade lösen sie keine Wut in mir aus. Seitdem ich diese Angst des Versagens vor ein paar Wochen in mir erkannt habe, habe ich neuen Mut gefasst. Neue Stärke. Neues Selbstbewusstsein. Ich habe sie sogar ausgesprochen, anderen Menschen von meiner Angst erzählt. Und eigentlich war es gar nicht so schlimm. Ganz im Gegenteil. Ich war so herrlich glücklich darüber, das endlich erkannt zu haben. Fast schon euphorisch. Wuhuuuuu ich habe versagt. Ja, so fühlt es sich immer an, wenn eine Angst bei mir zu Tage tritt.

Und ja! Verdammt nochmal! Was kann schon passieren, wenn man versagt? NICHTS verdammt nochmal! NICHTS! Bevor irgendjemand in diesem verdammten Universum dich bestraft weil du versagt hast, bist DU derjenige, der dich fertig macht.

Also, dann lass‘ uns doch einfach Fehler machen, und das zu einer Tugend machen. Wo sind die Wiederaufstehmännchen, Ängste Überwinder, Menschenkenner, Ehrlichkeitsfanatiker, Positivisten, Gute-Laune-Verbreiter, Deine-Meinung-ist-mir-scheißegal Talente und Teambuilder? Ihr alle seid Experten! Ich bin Experte!

So. Und jetzt mach‘ ich mir Banana-Peanutbutter-Icecream. Denn auch darin bin ich Experte. Sowohl im Produzieren dieser Gaumenwohltat als auch beim Verzehren.

#8 Und plötzlich bin ich selbst Agressivitätspatient

Die letzten Tage war viel los. Eigentlich war ununterbrochen was los. Arbeit, Wohnungssuche, Sport, Familie, Freunde und dazwischen auch mal essen, schlafen und aufs Klo gehen. Noch dazu haben wir gerade kein Internet in der Wohnung. Eine denkbar schlechte Grundvoraussetzung für so eine Challenge. Doch so kommt man andererseits auch in den Genuss zahlreicher alternativer Leipziger Cafés und deren mannigfaltigen koffeinhaltigen Heißgetränke.

Dann war gestern. Mein erster freier Tag, den ich in Bayern bei meiner Familie verbrachte. Eigentlich startete er ganz gut: Ausschlafen, Sonnenschein, Natur, Sport, leckeres Essen von Mama…und eigentlich freute ich mich darauf, diesen Tag mit kreativen Dingen zu füllen. Endlich mal wieder ausgiebig Schreiben, Musik machen, bei mir ankommen. Da habe ich die Rechnung wohl ohne meine Lustlosigkeit gemacht, die immer mal urplötzlich und vollkommen unangemeldet bei mir hereinschneit. So auch gestern. Wow. War ich vielleicht schlecht drauf. Das gab es schon lange nicht mehr. Ganz zum Leidwesen meiner Liebsten. Und auch zum Leidwesen meiner Selbst. Ich war schon komplett von mir selbst genervt. Konnte aber nichts an meinem Zustand ändern. Ich war Hypersensibel. Spürte die Aggressivität bei unzähligen, noch so kleinen unwichtigen Dingen in mir aufsteigen: Als meine Schwester singend durch die Wohnung lief (und sie singt sehr schön, sie ist Musikerin), als sich mein Handy nicht mit der bluetooth-fähigen Lautsprecherbox verbinden lies, als meine Mutter mich fragte ob ich einen Kuchen mit unseren frischen Johannisbeeren backen wolle (sowas mach ich eigentlich sehr gerne) und letztendlich als sie dann selbst einen backte und der nicht vegan war. Ich zeigte meine Aggressivität nicht offensichtlich. Auch wenn ich oft davon spreche, dass jede Gefühlslage wichtig sei und man auch seine negativen Gefühle nicht einfach runterschlucken sollte, kann man dies immer noch in respektvollem und emphatischem Umgang mit seinen Mitmenschen tun. Oder sich halt in irgendein Zimmer einsperren und dort seine Gefühle austragen. Und da ich ja noch dazu erst kürzlich einen Artikel über Aggressivität geschrieben habe, konnte ich es kaum fassen, dass ICH jetzt plötzlich Agressivitätspatient war. Was war da nur los?

Akzeptanz, nur ein bisschen schöner

Bisher, also einen Tag später, habe ich noch keine klare Antwort dafür. Ich habe auch nicht stundenlang damit verbracht, meine Gefühlslage zu analysieren. Denn das bringt ja laut Meister Eckhart auch nicht so viel um sie zu transformieren. So lies ich es einfach sein. Lies mich einfach sein. Versuchte in mich reinzuspüren was ich brauchte. Die drei Tafeln Schokolade waren es vielleicht nicht primär, aber zu etwas anderem war ich nicht in der Lage. Nichtmal zum Schreiben konnte ich mich aufraffen. Ich war so wütend auf mich selbst. Ich hatte fast den ganzen Tag mit Nichtstun außer Essen und Schlafen verbracht, dabei wollte ich doch Carpe Diem und so.
Irgendwann, als ich so über meine Lustlosigkeit und meinen Selbsthass sinnierte, fiel mir auf, dass diese Gefühle oft an Tagen eintreten, an denen ich zum ersten Mal nach einer längeren Phase keine bestimmten Termine habe. Also komplette Freiheit genießen kann. Vielleicht einfach nur eine Art der Entschlackung? Mag sein. Doch muss Entschlackung immer so unangenehm sein? Ich habe beschlossen, eine Testreihe dazu durchzuführen.
Und was man dagegen tun kann ohne was DAGEGEN zu tun. Also Akzeptanz, nur ein bisschen schöner.

#7 Verzweiflung ist nicht sexy

Wie komme ich nach Dohlen?“
„Ich kann Ihnen darüber leider keine Auskunft geben, da es sich auf der Strecke um einen Notarzteinsatz handelt.“
„Aber wie soll ich denn jetzt nach Dohlen kommen?“
„Leider kann ich Ihnen dazu zum jetzigen Zeitpunkt auch nichts sagen. Es fahren ab Wurzen Schienenersatzbusse. Weitere Informationen haben wir auch noch nicht“
„Aber ich muss nach Dohlen auf die Arbeit. Sagen Sie mir einfach wie ich dort hinkomme.“ (leicht agressiver Ton)
„Ich kann das Ihnen jetzt auch nicht sagen.“ (Mimik unverändert).
„Ich muss nach Dohlen, ich kenne mich hier nicht aus, wie soll ich denn jetzt da hinkommen?“ (erhöhter agressiver Ton).
„Auf meinem Display steht auch nichts anderes als das was auf den öffentlichen Displays steht. Auf dem Gleis ist ein Personenverkehrsunfall, die Züge sind schon die ganze Früh ausgefallen.“ (passt sich dem agressiven Ton der Kundin an).
Ich schalte mich dem Gespräch mit ein: „Entschuldigen Sie, ich muss nach Chemnitz über die gleiche Strecke. Im Internet steht, dass Busse fahren, wie komme ich denn am besten bis Wurzen?“
„Sie können evtl mit der S4 bis Wurzen.“ (neutraler Tonfall).
Dame neben mir: „Schreiben Sie mir bitte einfach auf wie ich nach Dohlen komme, ich kenn mich hier nicht aus, ich muss auf die Arbeit. Irgendwie muss ich doch dort hinkommen.“ (sehr agressiver Tonfall).
Ich ignoriere sie und frage: „Ok und wo fährt die S4 ab?“
„Auf Gleis 1, da hinten die Treppe runter.“
„Ok und wann fährt die nächste?“,
„um 8:34“
Die andere Frau geht ohne einen weiteren Kommentar in Richtung S-Bahn.
Ich: „Vielen Dank“.

Denn sie denken nicht, dass sie das denken – Denn sie denken nicht das was sie denken

Die Kommunikation dieser zwei weiblichen Wesen war erheiternd und traurig zugleich. Mich würde interessieren, wie lange die beiden dieses Katz-und-Maus Spiel weitergetrieben hätten, hätte ich nicht dazwischengefunkt.
Menschen haben verlernt zu kommunizieren. Beziehungsweise haben es nie gelernt. Die Art der Kommunikation mit Worten wurde von der Spezies Mensch erfunden. Wieso weiß ich nicht genau. Nicht jede Erfindung macht Sinn. Die Worte und ich, das ist so eine Hassliebe. Liebe, weil es eine wunderschöne Kunstform für mich ist. Hass, weil Kommunikation durch Worte mit den meisten Menschen sehr kompliziert ist. Denn sie sagen oft nicht das was sie denken. Oder denken erst gar nicht darüber nach was sie WIRKLICH denken. Was sie fühlen.

Notfallventil Wort

Worte werden bei den meisten nur als Notfallventil benutzt. Wohlüberlegte Worte können nur dann entstehen, wenn Menschen auf ihre Gefühle hören und sie zulassen. Denn dann brauchen diese Gefühle gar kein Notfallventil. Wenn Menschen aggressiv werden, ist das oft nur ein Synonym von Verzweiflung oder Ratlosigkeit. Aber Verzweiflung und Ratlosigkeit sind nicht sexy und selbstbewusst. Aggressivität irgendwie schon eher. Diese seit Jahrhunderten anhaltende Modeerscheinung sollte man mal ändern. Was sagt man zu jemandem der sich aggressiv benimmt? Abwehr durch Gegenwehr ist für mich persönlich die beste Maßnahme. Einfach mal stehen bleiben, anbrüllen lassen, warten bis das Gegenüber fertig ist, „Ok“ sagen und gehen. Denn Aggressivität steht auf der hierarchischen Rangordnung der Gefühle ganz weit oben und lässt sich da nicht so schnell runterschubsen. Außer wenn sie keinen Gegenspieler findet. Dann kann sie erstmal Feierabend machen, die Aggressivität.

Wie wäre es wenn mal einen Tag lang Worte als Kommunikationsform außer Acht gelassen werden? Einen globalen Schweigetag. Das wäre es doch. Vipassanas, also 10-tägige buddhistische Schweigeretreats liegen ja gerade im Trend. Vielleicht der erste Schritt, dieser Modeerscheinung eine Gegenwende zu setzen?