Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

– ein Update zu meinem „Scham“-Projekt

Mit meiner heutigen Klientin, die sich für mein Schamprojekt bereiterklärte, ging es um Scham vor den eigenen Grenzen.

Grenzen ziehen, seinen eigenen Raum abstecken und diesen wahren, auf ihn Acht geben.

Wirklicher Kontakt entsteht nur an der Grenze. Stell dir vor, du hättest keine Haut, da wäre nichts, einfach nur Luft. Könntest du Kontakt erfahren? Eine andere Person ganz konkret physisch spüren? Könntest du dich selbst als eigenständiges Wesen spüren?

Nein.

So sind also Grenzen eine überlebenswichtige Instanz.

Wenn wir uns für unsere Grenzen schämen, wenn wir uns dafür schämen, ein „Stopp“ zu kommunizieren, laufen wir also Gefahr, kontaktlos zu bleiben. Demnach laufen wir Gefahr, zu verhungern. Denn wo kein Kontakt, da kein Nähren.

Welten, die sich sehr symbiotisch anfühlen, die sich dem Genuss des Ineinander Verschwimmens und Verschlingens hingeben, eine starke Sehnsucht zum Einssein, sind letztlich auch Welten der Kontaktlosigkeit. Wir verlieren uns darin.

Nun erfahre ich Scham auch immer mehr als Teil des Grenzgefühls. Dieser Satz „Ich möchte am liebsten im Boden versinken“ stellt sich für mich paradoxerweise lediglich als Symptom unterdrückter Scham dar.
Wenn ich Scham bewusst spüre, sagt mir mein Körper, dass sich entweder etwas noch nicht ganz sicher anfühlt und ich lieber noch ein bisschen beobachten soll, oder – und das ist letztendlich nur eine andere Sichtweise dafür – er zeigt mir durch die Signalisierung von Scham ganz deutlich, welche Sache in mir lebendig sein möchte, sich gerade anbahnt, geboren werden möchte – und einfach sicherstellen möchte, dass ich (und auch mein Umfeld) auch respektvoll mit ihr umgehe. So verhilft mir Scham, das richtige Tempo zu finden, im Ausdruck meiner Selbst, im Kontakt mit anderen.

Die Woche der mutigen Sinnsucher

Foto by Ed Binkley
Und jeden Tag aufs Neue, stelle ich mir die Frage: Lohnt es sich? Lohnt es sich, aufzustehen? Lohnt es sich, rauszugehen? Ein Tagebuch.

Inmitten meiner Wegbereitung in die Selbstständigkeit werde ich – mal wieder – mit meinen existenziellen Fragen konfrontiert. In einer neueren Tiefe, die mich zur Zeit immer wieder an Verzweiflungspunkte bringt.
Ich war schon immer eine Expressionistin. Die Gefühle, die Worte, alles muss raus. Schreiben hilft. Tanzen hilft. Singen hilft. Noch mehr hilft es, das Geschriebene zu veröffentlichen. Das Tanzende vor Zuschauern zu tanzen. Das Singende vor Zuhörern zu singen. Wenn ich es nur für mich tue, fühlt es sich an, als wäre es immer noch bei mir. Und genau hier beginnt die Aufgabe: Wieso kann ich es nicht NUR für mich tun? Wieso brauche ich Zeugen? Wieso brauche ich die Bestätigung?

Mo., 17.2.2020


Seit 3 Wochen nehme ich Gesangsunterricht. Und diese eine Stunde in der Woche ist ein unglaublich klarer Spiegel zu dem, wie ich mit mir selbst umgehe. Immer wieder konfrontiert sie mich damit, dass ich für mich selbst singen solle. Das fängt schon beim Atem an. Ich atme zu viel Luft nach außen. Erst letzte Stunde habe ich bewusst erfahren, wie es ist, während dem Singen einzuatmen. Also während ich aktiv einen Ton erklingen lasse, also einen Ton nach außen gebe, trotzdem einzuatmen. Und mir stiegen leicht die Tränen ins Gesicht.
In meiner Arbeit als Körpertherapeutin arbeite ich sehr viel mit dem Atem. Und auch dort darf ich immer wieder zum Simplen zurückkehren, darf erfahren, wie es ist einzuatmen. Für mich.
Die große Sinnfrage jedoch, sie bleibt. Jeden Tag bin ich gefordert, ihr zu antworten. Tagtäglich schaut sie mich an, mit großen Augen und pochendem Herzen, ob es sich lohnt, hierzubleiben. Wie oft habe ich schon mit „Nein“ geantwortet?
Ich möchte hier jeden Tag darüber schreiben. Für eine Woche. Ja, es darf weitergehen. Ja, ich bleibe da. Ja, ich darf einatmen.

Di., 18.2.2020

Immer wieder frage ich mich, ob es gut ist, mich so transparent in der Öffentlichkeit, oder sagen wir, der Pseudo-Öffentlichkeit hier im Internet, zu zeigen. Und immer wieder komme ich zur selben Antwort: Ich weiß es nicht, aber irgendwas in mir drängt mich dazu, es zu tun. Und ich bin bereit mehr und mehr zu erfahren, wieso.
Heute war ein wundervoller Tag. Tausende Erkenntnisse. Und dann wiederum nix Neues. Alles war eigentlich schon da. Das ganze Wissen. Es kam nur noch stärker, noch betonender, noch selbstbewusster zum Vorschein. Heute habe ich zum ersten mal mit psychoaktiver Microdosierung gearbeitet. Ich hatte wundervolle Begleiter für dieses „erste mal“. Es war konfrontativ, liebevoll, provokativ, beängstigend, erleuchtend, langweilig, extatisch, mysteriös, befremdlich, freundschaftlich, melodramatisch, zerstreuend, zusammenbringend, vereinend, urkomisch, klärend und verwirrend. Jetzt, ein paar Stunden danach, bin ich in einer wohligen Glückseligkeit da, in freudiger bis beängstigender Neugier, was da noch alles auf mich wartet in den nächsten Monaten. Das JA zu Heilung, mit all seinen Konsequenzen, ist noch stärker.
Und ich spüre, wie es mich manchmal wegspült. Wie schnell Wahrheiten sich ändern können. Schon letzte Woche hatte ich die Erkenntnis, dass jede Lüge auch mal Wahrheit war. Und jede Wahrheit so so so schnell vergehen kann. Wenn wir Angst haben, Lügen zuzugeben, haben wir keinen Respekt vor unserer eigenen Wahrheit. Und vor unserer eigenen Veränderung. Das Festhalten an einer Wahrheit bedeutet, dass wir kein Vertrauen haben, in Mutter Erde. Dass wir dennoch von ihr gehalten werden. Und mehr sogar: Dass wir den Halt umso stärker spüren, umso mehr wir uns selbst zumuten, zu unseren Lügen zu stehen. Und damit der unberechenbaren Wahrheit Raum zu geben.
Wow. Diese Worte habe ich nicht kommen sehen 😀 Bähm. Freude. Schönheit. Fügt sich stimmig an. Bis morgen 🙂

Mi., 19.2.2020

Der Tag nach der ersten Microdosing Erfahrung ist das komplette Gegenteil – mal wieder. Ich weiß nicht, wie oft ich mich noch in dieses Schwarz-Weiß Verhalten reinstürzen will. Borderline. Immer an der Grenze entlang. Oder so.
Was für mich immer weniger Sinn macht ist, nach solch einer Erfahrung in so einer sinnüberfluteten Umgebung zu sein. Als ich letzten Sommer von einem zwei wöchigen Butoh-Camp im serbischen Niemandsland zurückkam, hatte ich ordentlich mit der Wiedereinzivilisierung zu tun. Als ich durch die Straßen lief, viel mir auf, dass viele Menschen mit leicht hängendem Kopf oder dauerhaft gerunzelter Stirn durch die Gegend liefen. Ein Zeichen für Überstimulierung? In der Dokumentation „Heal“ (Keine Schleichwerbung –>https://www.netflix.com/de/title/80220013) wird immer wieder betont, das die Hauptursache für Krankheiten Stress ist. Irgendetwas im System ist so stark überstimuliert, dass es nach einer Pause schreit. Wichtige Funktionen setzen aus. Organe gehen in Zwangsurlaub oder greifen sich selbst an.

Diesen Montag durfte ich eine Klientin begleiten, bei der sehr starke traumatische Symptome auftraten, als ich die Stelle zwischen Nacken und Kopf behandelte. Mir kam nach der Behandlung eine These: Sind wir deswegen so kopflastig in unserer Interaktion, weil sich viel traumatische Energie im Kopf sammelt? „Mein Kopf funkt mir immer wieder dazwischen.“, „Mein Kopf will Erklärungen für das, was mein Körper macht.“, „ich denke zu viel“, „Mein Kopf macht mir immer wieder einen Strich durch die Rechnung.“. Diese Mechanismen, die viele Menschen – inklusive mir – als einfach nur nervig und hinderlich empfinden – können sehr wichtige Warnsignale sein. Es sind Grenzen, die dein Körper dir aufzeigt. Auch wenn sie vermeintlich „nur“ vom Kopf ausgesendet werden. Aber der gehört schließlich auch zum Körper. Nun, jedenfalls sagt mir mein System immer immer stärker, dass ich da raus muss. Was „da“ ist, das weiß ich nicht. Ich kann es nur erahnen. Derzeit fühlt es sich weitestgehend wie ein toxischer Cocktail aus zu vielen nicht gelebten Erlebnissen an. Und wenn ich das so schreibe, werde ich wieder traurig und frustriert, weil ich so viel, wonach ich mich sehne, noch nicht gemacht habe. Zu oft „Ja“ gesagt habe, wo ich kein „Ja“fühlte.
Eine Hausaufgabe, die mir meine Therapeutin bei unserer letzten Sitzung mit auf den Weg gegeben hat war, zu allem „Ja“ zu sagen. Erstmal war ich erschrocken. Dann fügte sie hinzu: „Das bedeutet auch, ein „Ja“ zu jedem „Nein“ zu haben.“ Also zu jedem Nein auch zu stehen.
Die ersten Tage klappte es ganz gut. Aber ich merkte auch, wie ich eher leisere Neins nicht gleich kommunizierte, oder mir Überlegungszeit warm hielt, obwohl ich die Antwort schon klar hatte. Umso länger der Abstand zur letzten Sitzung war, umso mehr fiel ich wieder in mein altes Muster des oft unentschlossenen kleinen Mädchens zurück, das nicht so recht weiß, was es will. Doch allein diese paar Tage der neuen Ehrlichkeit machten so einiges in mir. Ich merke, wie mein Körper erschöpfter ist, wenn ich zu viele „Neins“ nicht kommuniziert habe. Ich merke, dass Freunde mich auf Dinge ansprechen und mir ihre Hilfe anbieten, in dem Moment, wo ich noch in mir ringe, ob ich es aussprechen und sie um etwas bitten soll. Meine inneren Bewegungen werden also klarer nach außen kommuniziert, auch wenn ich noch nicht voll und ganz die Verantwortung dafür übernehme. Na wenigstens etwas!
Und ich sage JA zu meiner Müdigkeit, die entsteht, wenn ich nach sehr öffnenden und erkenntnisreichen Erfahrungen wieder ein Stück in meine Muster zurückfalle. Es ist ok, müde zu sein und nicht gleich alles integriert zu haben. Es geht darum, zu vertrauen. Und zu spüren, dass ich JETZT schon vollkommen bin. Ich bin ok. Du bist ok.
Over and out.

Do., 20.2.2020

Gestern Abend hatte ich tatsächlich vergessen, einen Eintrag hier zu schreiben. Und nun funktioniert das Internet nicht. Und es könnte so schön sein, ohne Internet. Keine Sinnüberflutung und sinnloses Seriengucken. Doch ich stresse mich, da ich nun wichtige Dinge nicht erledigen kann. Doch wie wichtig sind diese Dinge überhaupt? Ja, wie wichtig ist das alles? Ich spüre immer stärker, wie ich das Leben herausfordern möchte. Stimmt es wirklich, dass immer für mich gesorgt ist, dass die Fülle unendlich ist und dass ich loslassen darf? Umso mehr ich durch Prozesse – durch sehr schöne Prozesse gehe – umso lauter werden diese Fragen, die es zu beantworten gilt. Was möchte ich wirklich der Welt schenken? Sind es Aufstellungen? Sind es Butoh-Kurse? Sind es Massagen? Wie schenken wir? Wie werden wir beschenkt? Schenken wir aus dem simplen Grund, einfach schenken zu wollen, oder spielen da noch weitere Gedanken mit rein? Wo fängt Sinn überhaupt an? Darf es sinnvoll sein, einfach nur aus einer Freude heraus etwas zu tun?
Auch merke ich, dass es total ok ist, nach einer so mit Wahrheit überfluteten Erfahrung, wie am Dienstag durch die Microdosing, wieder zurückzupendeln. Das System weiß ganz genau, wie weit es gehen kann. Es weiß ganz genau, welche Geschwindigkeit im Wachstum gesund ist. Wir sind es ja gewohnt, Pflanzen und Tiere zu essen, die mit Wachstumsmitteln gedopt wurden, um schneller zu wachsen. Und deswegen denken wir, dass wir das mit uns auch machen können und vielleicht sogar müssen. Weil man eben mithalten muss, in dieser Welt. Doch mal ganz genau zu beobachten, wie du selbst wächst, dich wie eine wilde Pflanze zu betrachten, dir zuzuschauen, wie du gedeihst, wie du im Herbst und Winter eher schrumplig wirst, dich zurückziehst, dir einen Schutzpanzer für die Kälte zulegst und dich genau in jedem Wachstums- und Schrumplungsprozess zu genießen, zu feiern. Das wäre doch mal was. Ich denke, wenn wir uns unserer naturgegebenen Prozessen, unseren inneren Jahreszeiten, nicht hingeben, können wir unser Wachstum genauso wenig genießen. Dann ist der Frühling auch nur halb so entzückend, nur halb so sprießend und leuchtend, weil du dir davor nicht genügend Ruhe und Schrumpligkeit gegönnt hast. Und der Sommer mit seiner Hitze und Feurigkeit wird dann erst recht anstrengend. Fühl dich hiermit eingeladen, deine eigenen Jahreszeiten zu entdecken. Jedes Jahr, jeden Monat, jeden Tag. Jedes Leben.

Fr., 21.02.2020

Eigentlich ist es jetzt schon Samstag. Auch uneigentlich. Ich wollte gerade so tun, als könnte ich von Freitag erzählen, als wäre es Freitag. Aber es ging nicht. Also erzähle ich von Freitag aus der Perspektive von jetzt, von Samstag. Ich bin schon den dritten Tag in Folge ohne morgentliche Depression aufgestanden. Ich bin einfach aufgewacht, noch vor dem Wecker, und war wach. Ihr glaubt gar nicht, welch unglaubliche Bereicherung das für meinen kompletten Tagesverlauf ist. Sonst wache ich nicht mal wirklich auf und muss mich unglaublich zwingen, aufzuwachen. Selbst wenn ich mir gönne, auszuschlafen.
Soweit, so gut. Ich bin gespannt wie lange es diesmal anhält. Das letzte mal, im Oktober, hielt es zweieinhalb Wochen an. Durchweg. Dann schlich sich langsam wieder mein altes Muster rein, wo ich damals noch nicht mutig genug war, wirklich hinzuschauen. Wenn ich diesen „Unmut“ merke, dann geht es meistens in die Selbstbestrafung, dass ich irgendetwas schon wieder nicht geschafft habe. Ich merke, wie ich das langsam mehr annehmen kann und eine freudige Neugier in mir hochkommt, mich auch an diesen Stellen zu ergründen und kennenzulernen. Wenn wir mit dem Glauben leben, dass alles da sein darf, dann müssen wir auch mit den Konsequenzen leben. Und die sind manchmal wunderschön, manchmal auch schmerzhaft und konfrontativ. Dann auch damit da zu sein, das ist die Kunst. 🙂

Montag, 24.02.2020

Heute ist schon Montag, genau. Ich habs also mal wieder nicht ganz durchgezogen. Ok ich war erkältet. Ist das eine Ausrede, die ich akzeptieren kann? Nein, ich brauche keine Ausrede. Es war einfach so. Und ich bin stolz auf mich, dass ich überhaupt 5 Tage geschafft habe UND nicht in einem Zwangsgefühl und „oh mein Gott, ich muss das jetzt machen, aber eigentlich habe ich keine Lust“, sondern immer wieder habe ich mich ausgerichtet und geschaut, was ich gerade wirklich erzählen möchte. Was ich gerade wirklich FÜR MICH machen möchte. Und immer wieder diese Entscheidung zu treffen, etwas nicht fürs Außen zu machen, etwas einfach zu machen, weil ich es möchte und gern mache, das ich zur Zeit meine Dauerübung. Gestern war es auch wieder so. Ich hatte sei sehr langer Zeit eine eigene Aufstellung bei meinen Dozenten. Und die größte Herausforderung war erstmal, wirklich zu schauen, was ich denn eigentlich möchte. Ob ich einfach nur irgendwelche systemischen Sachen anschauen möchte, weil sie irgendwie auf der Hand liegen und mir doch dazu geraten wurde, dieses oder jenes anzuschauen. Oder ob ich wirklich einen Wunsch habe, ein Anliegen habe. Eine tiefe Sehnsucht in mir. Und so kam ich schließlich zu meinem Partnerwunsch. Klassiker. Nix besonderes. Doch. Für mich schon. Ich bin seit über 3 Jahren Single. Und es klickt einfach nicht. Es ist wie verhext. Ich lerne nicht mal jemanden kennen, wo es ansatzweise in Richtung Partnerschaft laufen könnte. Geschweige denn Affäre. Also quasi nur rein freundschaftliche Beziehungen. Und gestern in der Aufstellung war es für mich teilweise erschreckend zu sehen, wovon mein Idealpartner wegläuft. Dass es da teilweise stark um mein systemisches Paket geht, dass ich da so mit mir rumtrage. Dass ich, durch all das, was durch mich wirkt, gar nicht zur Verfügung stehe. Doch es durfte sich viel auflösen. Und was mich am meisten berührte war, dass ich meiner Mutter auf einer Art und Weise begegnet bin, auf die ich nicht vorbereitet war: Nämlich in einer total weichen, leisen, wertschätzenden Art und Weise. Und in mir kam ein wenig Scham hoch, dass ich diese Seite in ihr sonst nur selten wahrnehme. Und ihr da überhaupt die Chance zu geben, sie so zu sehen. Ihr etwas zu gönnen. Ihr zu verzeihen. Einfach im gegenwärtigen Augenblick den tiefen Frieden zu spüren. Doch wenn die Stellvertreterin ohne große Prozessarbeit so da ist, hat sich in mir wohl unterbewusst schon viel getan. Also danke, liebes System <3
Ich habe nun wieder stärker ein JA zu dieser Arbeit. Zum Aufstellen. Und es darf auch einfach weich und ruhig und undramatisch sein.
Hiermit beende ich die Woche der mutigen Sinnsucher. Vielleicht konntest du ja hier und da ein paar Inspirationen mitnehmen. Ich werde auf jeden Fall öfter solche Themenwochen machen. Das hat gut getan. Aho.

Jetzt ist ganz sicher auf jeden Fall zu hundert Prozent alles zu spät

Ein Text über? Das Sterben? Die eigene Unzulänglichkeit zu etwas Höherem in mir? Die Dramaturgie meiner Opfer-Anteile? Such’s dir aus! Darüber hinaus stelle ich euch das Phasenmodell ganzheitlicher Veränderung nach Staemmler/Bock vor. Das habe ich beschlossen, bevor ich wusste, dass ich durch das bloße Schreiben dieses Textes nochmal selbst durch jede Phase gespült werde.
Also, lasst uns die Pferde satteln:

Diesen Text hatte ich zwei Tage vor meinem ersten Aufstellungsabend geschrieben und ihn knapp eine Woche danach fertiggestellt. Ich habe beschlossen, jeden Absatz einfach so zu belassen und ihn nicht auf meinen Jetzt-Zustand upzudaten. Es ist spannend, dass ich ihn jetzt erst veröffentliche. Denn gerade fühlt es sich so an, als hätte sich eine Gestalt geschlossen. Und damit entlasse ich auch diesen Text in die Freiheit:

Kurz vor unserem ersten Aufstellungsabend, den ich mit meiner Kollegin Antje Planer organisiere, ist die Luft bei mir buchstäblich raus. Das Eis wird dünner, die Schichten dunkler, die Wellen größer. Und ich bin überzeugt davon, dass jetzt auf jeden Fall der Moment gekommen ist, an dem alles zu spät ist und nichts mehr hilft. Ich zwinge mich am Abend einzuschlafen um mich dann am nächsten Morgen wieder zu zwingen, aufzuwachen. Und die Türen des Zwingers scheinen so verschlossen wie nie zuvor. Und wenn ich in diesen Zeiten irgendetwas Liebe schenken kann, dann ist es die Selbstgeiselung.

Und ja ich weiß, dass ich mich in einer krassen Opfer-Haltung befinde, dass ich dramatisiere, dass ich doch mal einen Realitäts-Check machen solle, dass auch diese Phase wieder vorbei geht, dass ich nicht den Teufel an die Wand malen solle.

Und ich sage dazu: IS MIR DOCH SCHEIß EGAL!

Und gleich neben das Scheiß Egal gesellt sich freudig meine Scham dazu und schaut mich traurig an. Scham über meine eigene Entwicklungsunfähigkeit. Scham über meine Schwäche. Es darf kein Nein geben, ich kann meine Grenzen nicht einfach so aufziehen. Damit würde ich mein Umfeld verletzen und mich automatisch abgrenzen, so dass ich noch einsamer bin.

Und ich merke langsam, wie oft ich in diesem Scham-Kostüm verschwinde und mir das absolut nicht eingestehe. Denn Scham ist schlecht und böse und verboten und du brauchst dich doch nicht zu schämen, mein Kind! Und wütend brauchst du auch nicht sein, es ist doch alles gut!

Ja, ich muss es einfach nur auflösen. Einfach nur dahinter schauen. Ist es Trauma, ist es ein übernommener Anteil, ist es Wut auf Mama und Papa, ist es generationsübergreifende unterdrückte Scham? Hat es zu tun mit meinem abgegangenen Zwilling, meiner Oma, meinem Vater, meinem Schattenanteil, meiner Geburt, meinem Diabetes? Habe ich zu wenig meditiert, reflektiert, transformiert?

Und ich muss es mir jetzt endlich eingestehen, dass ich immer nur Umwege gegangen bin, vor meinen Ängsten zurückgeschreckt bin und absolut nicht kompetent bin, irgendjemandem mit meinem stümperhaftem Handwerkszeug helfen zu können. Es ist ein für alle mal ausgeschlossen eindeutig, dass ich versagt habe.
Wenn ich noch eine Einladung mehr zu irgendeinem Healing-Workshop bekomme, explodiere ich. Menschen, versteht doch endlich, dass das alles nichts bringt. Es gibt keine Lösung mehr. Die Welt wird untergehen.

Techno und Therapie

Neben pechschwarzem Kaffee, tinitusproduzierenden Techno-Bässen und gürtellienienunterschreitendem Sarkasmus gibt es da diese eine Sache, die mich inmitten all der Hoffnungslosigkeit entspannen lässt: Ein Phasenmodell, dass den Prozess ganzheitlicher Veränderung in der Gestalttherapie beschreibt.
Und ja, es ist ein weiteres Modell, womit wir unseren Verstand füttern können. Letzte Woche allerdings, habe ich es zum ersten mal in einer Butoh Klasse zusammen mit meinen Teilnehmern quasi „durchgetanzt“. Es erlebbar gemacht.
Danach habe ich mich so merkwürdig entspannt und verbunden mit mir und meiner Umwelt gefühlt. Und diese 6 so simplen Kreise mit irgendwelchen Punkten und Pfeilen darin haben mir in vielen Momenten der scheinbaren Ausweglosigkeit krasse Momente der Entspannung und Neu-Fokussierung ermöglicht. Deshalb möchte ich es euch hier gerne vorstellen.


Ich weiß, im ersten Moment kann diese Graphik kompliziert wirken und den Anschein haben, dass sie unseren Gefühlshaushalt überfordert statt unterstützt.

Möchtest du dich ihr dennoch widmen, was ich dir sehr ans Herz lege, empfehle ich dir folgende Herangehensweise:
– Nimm dir für jede Phase genügend Zeit, um sie auf dich wirken zu lassen
– Lasse jeden Kreis für eine Weile einfach auf dich wirken. Lass ihn durch deine Augen in deinen Körper projizieren und beobachte, wie sich deine Wahrnehmung und dein Körperbefinden verändert
– wenn du willst, schreibe zu jedem Kreis eine kleine Ansammlung von Adjektiven auf, die in dir aufploppen, während du den Kreis auf dich wirken lässt
– für mich persönlich sind die Erklärungen, die ich in der Grafik grün markiert habe, am ausschlaggebendsten.

Ich möchte im Folgenden mein eigenes Empfinden in jeder einzelnen Phase schildern und dir darüber hinaus ein paar meiner Tools verraten, wie du von der einen Phase in die nächste „hüpfen“ kannst. Was ich dir aus meiner eigenen Erfahrung vorab mit auf den Weg geben möchte: Sei nicht enttäuscht, wenn du das Gefühl hast, dass du immer wieder in einer Phase steckenbleibst. Dass sich gefühlt nichts vorwärts bewegt, du dich eher wieder zurückgeworfen fühlst. Auch wenn wir am liebsten einfach jede „Baustelle“ in unserem Leben nach einem festen Plan abarbeiten möchten, sind die ultrafeinen Bewegungen in unserem emotionalen und seelischen Körper manchmal für unser Bewusstsein nicht verständlich. Manchmal scheint es, als hätten sie einen ganz anderen Plan, eine ganz andere Landkarte in der Hand. Doch hab Vertrauen, dass dein System ganz genau weiß, was es tut, und das es immer auf Fülle und Wachstum ausgerichtet ist. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als würde sich alles gegen dich stellen.


Nun aber zu den Phasen:

Phase 1 – Stagnation
In der ersten Phase, der Stagnation, fühle ich mich einfach nur starr und unbeweglich. Ich bin überzeugt davon, dass ich nichts an der Situation ändern kann beziehungsweise jeder Änderungsversuch noch anstrengender als der Ist-Zustand wäre. Ich bin der Situation erlegen. Das Universum hat eben so entschieden. Ich fühle mich taub und passiv. Es scheint nur diesen einen Weg zu geben. Ich kann mich zwar erinnern, dass es auch mal anders war, dass ich mich auch mal anders fühlte, aber in diesem Moment bin ich überzeugt davon, dass ich mich nicht anders entscheiden kann. Ich nehme mein Umfeld kaum war und wenn, dann wirkt es eher abweisend und kühl. Ich möchte mich gern einigeln und im Nichts-tun verweilen.
Der Ausweg aus dieser oder eigentlich jeder Phase ist, sich darüber bewusst zu werden, dass man sie in diesem Moment gerade selbst produziert. Man ist ihr nicht erlegen sondern man entscheidet sich dazu, sich von ihr erlegen zu lassen. Wie es im grün markierten Kasten heißt: Befreie dich von der Illusion deiner
Ver-antwortungs-losigkeit! Hier gibt es eine Situation, die von DIR eine Antwort möchte! Höre ihr zu, welche Frage sie dir stellt! Was möchte hier gerade erfahren werden?
Du kannst in jedem Stadium auch sehr gut mit den Kreisen auf der Abbildung oben arbeiten, indem du dich auf einen Kreis fokussierst und BEWUSST in den Zustand (z.B. der Starre) gehst und diesen noch verstärkst. Fühle ganz bewusst, wie sich deine Starre anfühlt. Wie ist dein Atem? Wie fühlen sich deine Muskeln an? Wie fühlt sich der Boden unter deinen Füßen an? Wie nimmst du deine Umwelt wahr?
Das gegenwärtige Gefühl zu verstärken, kann mehr Klarheit schaffen und dich dem gegenwärtigen Moment mehr öffnen und in die Annahme bringen.

Phase 2 – Polarisation
In der zweiten Phase, der Polarisation, fühle ich mich wortwörtlich zweigeteilt. Ich erfahre vieles gegenteilig. Kaum habe ich mich für eine Seite entschieden, wirft es mich schon wieder auf die andere Seite. Mein Leben kommt mir vor wie auf einer Schiffsschaukel, die im großen Bogen ständig von der einen zur anderen Seite pendelt. Es sind die Polaritäten, die uns überhaupt am Leben halten. Egal wo wir hinschauen entdecken wir Polaritäten unserer Existenz. Einatmen – Ausatmen, Hell – Dunkel, Warm – Kalt, Öffnen – Schließen. Tatsächlich können wir uns die Bewegung unserer Psyche im Zustand der Polarisation wie unser Ein- und Ausatmen vorstellen. Beim Einatmen werden wir größer, unsere Lunge und unser Bauch dehnen sich aus, wir verschaffen uns mehr Raum. Wir expandieren. Beim Ausatmen ziehen wir uns wieder zusammen. Wir werden kleiner, der Raum wird enger. Wir kontrahieren (= ziehen uns zusammen). (Spannend für die Sprachennerds: Vertrag ist abgeleitet vom Wort „Kontrakt“, das Subjekt von kontrahieren.) Ich habe in dieser Phase meist das Bedürfnis, mich für eine Seite zu entscheiden und bin gleichzeitig frustriert, weil die Kräfte in beide Richtungen gleich stark wirken. So sehe ich als möglichen Ausweg, in meiner Außenwelt nach jemandem oder etwas zu suchen, der/die/das mir die Entscheidung abnimmt. Ich scanne meine Umgebung nach Hinweisen ab, die mir sagen, für was ich mich entscheiden soll. Worüber wir uns hier bewusst werden können ist, dass wir dadurch die Verantwortung ebenso abgeben und uns von der Illusion befreien müssen, dass es eine inhaltliche Lösungsmöglichkeit für unser Gefühl gibt. Bei mir kann dieser Zustand ganz schön lange dauern und wechselt sich häufig mit dem dritten Zustand ab, der Diffusion.

Phase 3 – Diffusion
In der Diffusion finde ich mich im totalen Chaos wieder. Nichts scheint mehr logisch, nichts scheint mehr wirklich greifbar. Der Zugang zu meinen Gefühlen erscheint mir immer schwerer, alles scheint sich zu vermischen. Ich möchte immer noch Antworten aus meinem Umfeld, aber nun scheint jeder eine andere Sprache zu sprechen. Manchmal merke ich in dieser Phase auch, dass sich Menschen von mir abgrenzen und ich verstehe nicht wieso. Der Boden droht immer mehr unter meinen Füßen wegzugleiten und ich halte mich an dem fest, was es noch zu greifen gibt. Ich packe immer ausgeklügeltere Spielchen aus, um nicht enttarnt zu werden. Das letzte was ich aufgebe, ist die Kontrolle. Doch genau darum geht es in diesem Stadium. Um die Befreiung der Illusion der Kontrolle. In diesem Stadium hilft mir vor allem Bewegung, vor allem das freie Tanzen. Meinen Körper komplett dem Chaos hinzugeben erleichtert auch meinem Geist, den Zustand des Kontrollverlustes zu akzeptieren. Natürlich können wir im Tanzen immer noch viele Kontrollmechanismen am Start haben. Was mir hilft, im Tanzen loszulassen ist eine Weile wie ein Betrunkener zu tanzen, also in abstruse Bewegungen zu gehen, meinen Körper baumeln zu lassen, mich völlig von meinen ästhetischen Vorstellungen, von meinem Idealbild, zu befreien.

Phase 4 – Kontraktion
Jetzt geht es wirklich ans Eingemachte. Die Abschlussprüfung steht an. Das Leben möchte von dir nun wirklich wissen, ob du es ernst mit ihm meinst. Hier sind keine Spielchen mehr erlaubt. Und das schreibt die Spielkönigin schlecht hin 😀 Damit ist nicht gemeint, dass du nun wie ein verbissener Hund durch den Tunnel der Höllenfeuer musst. Nein. Du darfst empfangen. Du darfst leben wollen. Das Leben ist dazu da, um gelebt zu werden. Und genau dieser Prüfung unterzieht dich jetzt das Leben. Schließlich möchte es nicht ungenutzt seine Zeit bei dir absitzen, denn das Leben ist ein echter Workaholic! Es lechzt nach Lebendigkeit, nach Bewegung, nach Wachstum. Und alles was nicht gefühlt wird, was unterdrückt wird, wird in seiner Lebendigkeit erwürgt. Dazu gehört auch Schmerz und Traurigkeit und Scham und all das ganze Zeug, wovor wir halt so oft wegrennen.
Der Satz in der Graphik „Überwindung der alten Struktur“, erklärt sich hier wohl von selbst.
Also, jetzt geht’s ab durch den Geburtskanal. Ich zumindest schaffe das noch selten alleine. Ich brauche eine „Mutter“, die zusammen mit mir dableibt und mich immer wieder auffordert, dazubleiben. Die „Mutter“ kann in unterschiedlichen Formen daherkommen. Mal sind es gute Freunde, mit denen ich schon durch Dick&Dünn gegangen bin. Manchmal ist es ein Therapeut, manchmal der Sprung in den kalten See. Manchmal auch eine Person, deren Charakter ich eigentlich eher mit Wiederstand gegenüberstehe. You never know who is kicking your ass out of the box 😉

Phase 5 – Expansion
Wir haben uns durch den Engpass durchgequetscht. Im vollkommenen Unwissen, ob das, was da auf uns wartet, wirklich so viel besser ist, wie der muggelige Schoßraum unserer Mutter. Fernab der Geburtsmetaphern geht es hier darum, in etwas Neuem anzukommen. Wir expandieren, dehnen uns aus, unser Herzraum, unser ganzes System wird weiter. Wir spüren ein Gefühl der Unendlichkeit in uns. Eine starke Anbindung an Himmel und Erde. Eine Faszination gegenüber allem. Die Gier nach Neuem hat über die Angst vor Neuem gesiegt. Wir erfahren ein Gefühl der Vollkommenheit und schöpfen Kraft aus uns selbst heraus. Wenn ich merke, welchen Shift gebraucht hat, um meine neue Gestalt anzunehmen, kommt manchmal der Satz in mir hoch: „Wieso hat mir das keiner schon früher gesagt?“ Denn manchmal scheint die Lösung, nachdem wir sie gegangen sind, so lächerlich einfach. Doch es ist wichtig, diesen Schritt, den du gegangen bist, und mag er noch so klein wirken, wertzuschätzen als dein eigenes Werk. Fritz Perls sagte öfter zu seinen Klienten: „Ich schätze dich so sehr, dass ich dir deinen Prozess nicht wegnehmen möchte.“
Es ist das liebevollste, seinem Gegenüber sein Schicksal und seinen ganz individuellen Prozess zuzumuten.

Das Leuchten der Finsternis

Zwischen Erstarrung und Exzess. Wie traumatisiert sind wir wirklich?

Über die hippe Traumaszene, Traumata aus systemischer Sicht und Trauma in der Körperarbeit

Butoh geht tief. Es ist der „Tanz der Finsternis“. Es geht tief in die Finsternis unseres Daseins. Und genau in dieser Finsternis liegen so große Kräfte, die, wenn sie ein höheres Bewusstsein erlangt haben, solch großartige und von Liebe durchtränkte Motoren sein können. „Der Weg in die Dunkelheit war ein Weg in den liebenden, vitalen, dunklen Schoß der Mutter.“ schreibt Jeanne Ruland in einem ihrer Rauhnächte-Bücher. Und vor genau dieser Dunkelheit fürchten sich so viele Menschen. Die Geburt ist unser erstes Trauma (von Traumata im Mutterleib abgesehen). Wir werden herausgerissen, aus diesem wohlig finsteren Stübchen und reingeschmissen in einen rießigen, kalten Raum – bestenfalls mit krankenhaustypischem Neonröhrenlicht.

Und gleichzeitig wissen wir schon im Mutterleib: Diese Reise kann nicht ewig so weitergehen – wir wollen das Licht entdecken. Unsere Neugier, die Gier nach Neuem, treibt uns an. Manchmal glaube ich, sind Ängste nur dazu da, um sie zu überwinden – und dieses exstatische Gefühl der persönlichen Grenzüberschreitung zu erleben.

So auch soll wohl der Umgang mit Trauma eines der großen Rätsel unserer zivilisierten Menschheit sein, dem es sich zu stellen gilt. Wir sollen wohl genau diese Erfahrung machen, das primitive „Abschütteln und Auszittern“ der Traumaenergie zu verlernen und zu erfahren, wie es ist, dies über das VERSTANDene Bewusstsein wieder zu erlangen.

Das Geschäft mit dem Trauma

Auch im Bereich Trauma gibt es ein „Geschäft“. Menschen verdienen Geld damit. Das Wort „Trauma“ ist zu einem Modewort in der spirituellen Szene geworden. Wir treffen uns in geselliger Runde, um unsere Traumata aufzulösen. Wir gehen zu Schamanen, um uns unser Trauma raustrommeln zu lassen. The show must go on. Und das Trauma, dieser Schlawiner, ist ein herrlicher Antreiber, um uns und unsere Umgebung bei Laune zu halten. Wer schon mal am eigenen Laibe erfahren hat, wie es sich anfühlt, diese starre Traumaenergie rauszuschütteln, wenn der ganze Körper zittert, Tränen einfach nur so fließen, Schreie einfach nur so schreien, und das gesamte System bebt, wie ein Vulkan, von dem alle Welt glaubte, dass er erloschen sei, der weiß wie geil und befreiend sich das anfühlt. Ekstase in ihrer reinsten Form. Da kann man schon mal süchtig danach werden. So übernehmen wir auch gerne mal Traumata von unseren Ahnen – da gibts dann noch mehr auszuschütteln. Und das immer wieder. Und wieder. Und wieder. Wie sehr füttern wir durch unser Trauma unser exzessives Konsumverhalten? Sind wir immer noch gefangen im schüchternen Kind, das sich nicht traut zu kommunizieren, welche Art von Berührung es will und legen uns deshalb auf die Massagebank eines Körpertherapeuten, um uns an unserer Ausweglosigkeit zu ergötzen? Letztenendes ist ein feststeckendes Trauma, auch „nur“ feststeckende Energie. Eine Bewegung, die nicht zu Ende geführt wurde. Eine noch offene Gestalt, die geschlossen werden möchte.

Übernommenes Trauma

Lautes Getöse entspringt aus den schattigen Errungenschaften unserer Vorfahren. Es ist so laut, dass wir es nicht mehr hören. Es schallt nur so durch uns durch, schneller als es unser Bewusstsein erlaubt. Doch es vibriert stets in uns – hört nicht auf nach Aufmerksamkeit zu schreien. Unverständlich rauscht es durch unsere Gedärme. Und wir ziehen uns zusammen. Erschrecken vor seiner Gewalt-igkeit. Doch wir wollen antworten auf diese Gewalt – wollen nicht Opfer bleiben – und schlagen um uns und in uns herum. Und wir treffen. Uns. Doch wollten wir es eigentlich aus uns herausprügeln. Es klappt nicht, doch wir schlagen weiter. Schlagfertig verteidigen wir unseren eigenen Täter. Die Schläge sind fertig, schon bis zur Perfektion vorbereitet, auf dem goldenen Teller serviert. Und lassen wir den Teller fallen, zerbricht alles in tausend Teile – und mit ihm auch wir. Unsere aufgeschlagene Identität.

Diese Ausweglosigkeit ist oft ein Zeichen für Traumaenergie, die du von einem deiner Ahnen übernommen hast. Wenn du schon mehrere Traumatherapien hinter dir hast und das gleiche Gefühl dennoch immer wieder aufploppt, dann kann es durchaus der Fall sein, dass du diese bestimmte Energie von einem deiner Eltern, Großeltern oder nocht weiter zurückliegend, übernommen hast. Aus (Bindungs)liebe zu deinen Eltern, aber auch aus ganz simplen egoistischen Gründen (weil du dafür sorgen wolltest, dass deine Eltern voll und ganz für dich da sind), hast du versucht, ihnen dieses „Problem“ abzunehmen. Du warst ja noch so voller kindlicher bedingungsloser Liebe und warst überzeugt, dass du es besser tragen kannst, als deine Mama oder dein Papa.

Leider jedoch, kann niemand das eigene Schicksal so gut tragen, wie der, bei dem es entstand. „Das eigene ist leicht, nur das fremde überfordert.“, heißt ein Grundsatz im Systemischen. So also musst du lernen, was es bedeutet, etwas Fremdes zurückzugeben und damit einen (großen) Teil deiner Identität aufzugeben. Fremdtraumata können so weit gehen, dass eine ganze Gesellschaft sich in diese Traumaenergie einschwingt, obwohl niemand oder nur wenige etwas Traumatisches erlebt hat/haben.

Wiedererlebtes Trauma aus Bindungsliebe

Neben dem „übernommenen Trauma“, also ein Trauma, von dem wir denken, dass wir es erlebt haben, aber tatsächlich nur die Energie dieses Erlebnisses in uns tragen, gibt es aus systemischer Sicht die Dynamik, dass wir tatsächlich etwas Traumatisches erleben. Oft begeben wir uns aber in so eine Situation ebenso aus BIndungsliebe. Nämlich weil einer unserer Elternteile schon vor uns ein ganz ähnliches Trauma erlebt hat und wir uns durch das gleiche Erleben besser mit ihm verbinden können. „Schau Mama, ich habe das gleiche erlebt wie du. Wir sitzen im selben Boot.“ Es ist also auch eine Dynamik, die aus Bindungsliebe entsteht.

Doch ganz egal, ob es ein fremdes oder unser eigenes Trauma ist, der Körper trägt es in sich und ist in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Wenn sich der Körper in einer Starre befindet, so kann auch die Emotionalität und die Seele sich nicht mehr frei bewegen – schließlich ist der Körper unser primärer Übersetzer für unsere seelischen und emotionalen Bedürfnisse. Es kann weder etwas nach außen gebracht werden, noch kann etwas nach innen dringen. Vielleicht erlebst du sogar, dass du dich trotz regelmäßiger körperlicher Berührung, zum Beispiel kuschlen, Sex oder Massage, ausgehungert fühlst. Dass sich dein Körper trotzdem vereinsamt einfühlt. Dass er innerlich die ganze Zeit schreit.

Der Hunger nach Berührung – und die Verzweiflung nichts zu Fühlen

Wenn sich das System im Schock befindet, kann Berührung nicht oder nur in sehr geringem Maße stattfinden. Das System befindet sich immer noch mittendrin im Trauma-Prozess. Das befreiende Abschütteln und Auszittern hat nicht stattgefunden. So ist der Körper einfach nicht bereit für Kontakt von außen. Ganz im Gegenteil – das System ist immer noch in Habacht-Stellung, weil es denkt, dass es noch in Gefahr ist.

So ausgehungert sind wir, dass wir uns nach jedem Kontakt ergötzen, notfalls auch der Schlag auf den Po. Oh, ist es nicht schön, sich zumindest in diesem Moment des Schmerzes lebendig zu fühlen?

Wie sehr manche Menschen aus ihrem Körper (oder an bestimmten Körperstellen) herausgetreten sind, erfahre ich vor allem in meinen Abdominal-Massagen. Bei vielen ist der Bauch die intimste Stelle. So viel Scham, so viel Rückzug ist dort abgespeichert. Kein Wunder, befinden sich dort auf engstem Raum all unsere Organe, die unser Überleben sichern. Viele Klienten verkriechen sich schon beim reinen Handauflegen auf den Bauch in ihren gewohnten, wohlig nebligen Traumaraum. Darin dann da zu bleiben und sich nicht in dieses weiche Wolkengebilde aus traumatischer Dissoziation mitreinzubegeben ist für mich ein gleichwohl fordernder und tief berührender Prozess. Auch für die Klienten ist es gleichermaßen befremdlich und bewegend zugleich. Was dann geschieht, sind meist sehr kraftvolle Prozesse des wieder-lebendig-werdens.

Auch ich sehe rückblickend, wie wenig ich früher bei einer „normalen“ Massage, oder auch bei intimen sexuellen Berührungen, empfangen konnte. Mein Körper war einfach in dieser Starre gefangen. „Je stärker die Berührung, desto besser“, war meine Devise. „Dieser Körper muss doch verdammt nochmal was spüren!“
Bis ich in einem Seminar meine erste Trauma-Ausschüttung erfuhr. Mein Gegenüber berührte meinen Rücken mit seiner Hand. Diese hatte nichtmal kompletten Körperkontakt mit meinem Rücken. Sie schwebte lediglich ein paar Millimeter darüber. Es war eine unheimlich achtsame Berührung. Erst fühlte es sich an, als würden Ping-Pong Bälle in meinem Körper hin- und her fliegen. Dann fing ich immer mehr an zu zittern, später kamen Tränen dazu. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Null Plan von Körperarbeit, geschweige denn von gestalttherapeutischer oder systemischer Arbeit. Ich habe mich wie ein rohes Ei in dieses Seminar begeben. Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen. Seitdem gibt es kein zurück mehr. Kein zurück mehr in den Nebel der Kontaktlosigkeit. Mal schnell, mal langsam, doch immer mit der Willenskraft zur Lebendigkeit. Und diese Lebendigkeit kann überall stattfinden. Sowohl im Traumaseminar als auch im Wartezimmer.

Vernebelte Weiten

Vernebelte Weiten

Foto by www.nicolaodemann.com
Oft sehen wir die Spitze des Berges nicht, den wir gerade besteigen. Manchmal sehen wir nicht mal mehr den Weg, der hinter uns liegt. Wir erfahren uns nur auf diesem ganz kleinen Teil, auf dem wir jetzt im Moment stehen. Ein winzig kleiner Ausschnitt, der für uns in diesem Moment die ganze Welt bedeutet. Wir erfahren uns im nebligen Dickicht aus Schichten feinster Projektionen und Glaubenssätzen. Manchmal ist der Nebel so dicht, dass selbst unsere eigene Hand darin versinkt. So drehen wir uns um unser selbst, in der Überzeugung, dass der Nebel eine unüberwindbare Mauer darstellt.

Und wenn auch nur ein winzig kleiner Sonnenstrahl erkennen lässt, dass der Nebel nur eine Masse aus transparenten verdampften Wassermolekülen ist, sind wir erstaunt, wie leicht es ist, durch ihn hindurchzuschreiten. Und sind überwältigt von der Weite, die uns aufeinmal entgegenblickt. Und inmitten der Weite türmt sich auf einmal der Berg auf, auf dem wir stehen – und blickt uns entgegen, in seinem majestätischen Antlitz.

Beide Momente können wir gleichermaßen in Angst und Starre als auch in vollkommener Annahme und Zufriedenheit erfahren. Wir können den Nebel als sicheres Nest erfahren, in den wir uns wonnig eingebettet fühlen. Wir können uns von ihm tragen lassen und uns von seinen Streicheleinheiten verwöhnen lassen. Uns darüber freuen, dass wir nicht das komplette Feld überblicken müssen und ihm Vertrauen schenken, dass er immer das Richtige im richtigen Moment für uns lichtet.

Oder wir können in Panik verfallen, dass wir nicht alles überblicken, was vor und hinter uns liegt. Wir können uns in der Angst schwelgen im eigenen nebligen Sumpf zu ertrinken. Wir können panisch nach Schlupflöchern suchen. Und schockiert feststellen, dass der Nebel niemals still ist, dass er stets weiterzieht, immer wieder eine andere Stelle verdeckt und aufdeckt.

Genauso können wir den Blick der unendlichen Weite genießen. Kein Wölkchen weit und breit. Unerschöpfliche Weiten. Unerschöpfliche Freiheit. Kein Hindernis wohin das Auge reicht. Wir ergötzen uns an der Unendlichkeit. Und genießen die Erfurcht vor diesem machtvollen Gebirge, welches sich da vor uns auftürmt. Genießen unser eigenes unbedeutsames Kleinsein. Und genießen, dass die Natur diese Unbedeutsamkeit einfach so hinnimmt. Dass sie nicht wertet, wer seiner Existenz mehr Individualität und Einzigartigkeit eingetrichtert hat. Dies können wir voll und ganz genießen.

Oder wir können erschrecken, vor dieser unüberwindbaren Macht, die der Berg und das ganze Universum ausstrahlt. Wir können Angst haben im Gedanken daran, wie hart und leidvoll die Bergbesteigung sein wird. Wir können in der Angst verfallen, dass das Universum unvorhersagbar ist und wir dessen Launen verfallen sind und feststellen müssen, dass wir keine Kontrolle darüber haben. Wir können panisch nach (Nebel)höhlen suchen, in denen wir uns verkriechen können um die unerschöpflichen Weiten, und die Gefahren, die sie bergen, nicht sehen zu müssen.

Ich befinde mich derzeit immer wieder im Wechsel dieser Perspektiven. Es ist unglaublich spannend mich darin zu beobachten. Und auch zu beobachten, dass es mir manchmal unmöglich erscheint, meine Perspektive zu ändern. Dass ich manchmal irgendwelchen höheren Mächten ausgesetzt zu sein scheine – oder schlichtweg irgendetwas in mir es gerade für wichtig empfindet, in genau dieser Perspektive zu verharren. Manchmal ist es anstrengend. Manchmal ist es schön. Und immer wieder faszinierend, wie schnell sich die Perspektive wandeln kann. Ein einziges Wort, eine einzige Umarmung, ein guter Kaffee, ein Bild, ein Tautropfen auf einer verwelkten Blüte, ein Schrei, ein Moment des Fallens, eine Änderung der Körperhaltung.

Entscheidungen werden immer kollektiv gefällt. Denn wir sind nie unabhängig.