Das Leuchten der Finsternis

Zwischen Erstarrung und Exzess. Wie traumatisiert sind wir wirklich?

Über die hippe Traumaszene, Traumata aus systemischer Sicht und Trauma in der Körperarbeit

Butoh geht tief. Es ist der „Tanz der Finsternis“. Es geht tief in die Finsternis unseres Daseins. Und genau in dieser Finsternis liegen so große Kräfte, die, wenn sie ein höheres Bewusstsein erlangt haben, solch großartige und von Liebe durchtränkte Motoren sein können. „Der Weg in die Dunkelheit war ein Weg in den liebenden, vitalen, dunklen Schoß der Mutter.“ schreibt Jeanne Ruland in einem ihrer Rauhnächte-Bücher. Und vor genau dieser Dunkelheit fürchten sich so viele Menschen. Die Geburt ist unser erstes Trauma (von Traumata im Mutterleib abgesehen). Wir werden herausgerissen, aus diesem wohlig finsteren Stübchen und reingeschmissen in einen rießigen, kalten Raum – bestenfalls mit krankenhaustypischem Neonröhrenlicht.

Und gleichzeitig wissen wir schon im Mutterleib: Diese Reise kann nicht ewig so weitergehen – wir wollen das Licht entdecken. Unsere Neugier, die Gier nach Neuem, treibt uns an. Manchmal glaube ich, sind Ängste nur dazu da, um sie zu überwinden – und dieses exstatische Gefühl der persönlichen Grenzüberschreitung zu erleben.

So auch soll wohl der Umgang mit Trauma eines der großen Rätsel unserer zivilisierten Menschheit sein, dem es sich zu stellen gilt. Wir sollen wohl genau diese Erfahrung machen, das primitive „Abschütteln und Auszittern“ der Traumaenergie zu verlernen und zu erfahren, wie es ist, dies über das VERSTANDene Bewusstsein wieder zu erlangen.

Das Geschäft mit dem Trauma

Auch im Bereich Trauma gibt es ein „Geschäft“. Menschen verdienen Geld damit. Das Wort „Trauma“ ist zu einem Modewort in der spirituellen Szene geworden. Wir treffen uns in geselliger Runde, um unsere Traumata aufzulösen. Wir gehen zu Schamanen, um uns unser Trauma raustrommeln zu lassen. The show must go on. Und das Trauma, dieser Schlawiner, ist ein herrlicher Antreiber, um uns und unsere Umgebung bei Laune zu halten. Wer schon mal am eigenen Laibe erfahren hat, wie es sich anfühlt, diese starre Traumaenergie rauszuschütteln, wenn der ganze Körper zittert, Tränen einfach nur so fließen, Schreie einfach nur so schreien, und das gesamte System bebt, wie ein Vulkan, von dem alle Welt glaubte, dass er erloschen sei, der weiß wie geil und befreiend sich das anfühlt. Ekstase in ihrer reinsten Form. Da kann man schon mal süchtig danach werden. So übernehmen wir auch gerne mal Traumata von unseren Ahnen – da gibts dann noch mehr auszuschütteln. Und das immer wieder. Und wieder. Und wieder. Wie sehr füttern wir durch unser Trauma unser exzessives Konsumverhalten? Sind wir immer noch gefangen im schüchternen Kind, das sich nicht traut zu kommunizieren, welche Art von Berührung es will und legen uns deshalb auf die Massagebank eines Körpertherapeuten, um uns an unserer Ausweglosigkeit zu ergötzen? Letztenendes ist ein feststeckendes Trauma, auch „nur“ feststeckende Energie. Eine Bewegung, die nicht zu Ende geführt wurde. Eine noch offene Gestalt, die geschlossen werden möchte.

Übernommenes Trauma

Lautes Getöse entspringt aus den schattigen Errungenschaften unserer Vorfahren. Es ist so laut, dass wir es nicht mehr hören. Es schallt nur so durch uns durch, schneller als es unser Bewusstsein erlaubt. Doch es vibriert stets in uns – hört nicht auf nach Aufmerksamkeit zu schreien. Unverständlich rauscht es durch unsere Gedärme. Und wir ziehen uns zusammen. Erschrecken vor seiner Gewalt-igkeit. Doch wir wollen antworten auf diese Gewalt – wollen nicht Opfer bleiben – und schlagen um uns und in uns herum. Und wir treffen. Uns. Doch wollten wir es eigentlich aus uns herausprügeln. Es klappt nicht, doch wir schlagen weiter. Schlagfertig verteidigen wir unseren eigenen Täter. Die Schläge sind fertig, schon bis zur Perfektion vorbereitet, auf dem goldenen Teller serviert. Und lassen wir den Teller fallen, zerbricht alles in tausend Teile – und mit ihm auch wir. Unsere aufgeschlagene Identität.

Diese Ausweglosigkeit ist oft ein Zeichen für Traumaenergie, die du von einem deiner Ahnen übernommen hast. Wenn du schon mehrere Traumatherapien hinter dir hast und das gleiche Gefühl dennoch immer wieder aufploppt, dann kann es durchaus der Fall sein, dass du diese bestimmte Energie von einem deiner Eltern, Großeltern oder nocht weiter zurückliegend, übernommen hast. Aus (Bindungs)liebe zu deinen Eltern, aber auch aus ganz simplen egoistischen Gründen (weil du dafür sorgen wolltest, dass deine Eltern voll und ganz für dich da sind), hast du versucht, ihnen dieses „Problem“ abzunehmen. Du warst ja noch so voller kindlicher bedingungsloser Liebe und warst überzeugt, dass du es besser tragen kannst, als deine Mama oder dein Papa.

Leider jedoch, kann niemand das eigene Schicksal so gut tragen, wie der, bei dem es entstand. „Das eigene ist leicht, nur das fremde überfordert.“, heißt ein Grundsatz im Systemischen. So also musst du lernen, was es bedeutet, etwas Fremdes zurückzugeben und damit einen (großen) Teil deiner Identität aufzugeben. Fremdtraumata können so weit gehen, dass eine ganze Gesellschaft sich in diese Traumaenergie einschwingt, obwohl niemand oder nur wenige etwas Traumatisches erlebt hat/haben.

Wiedererlebtes Trauma aus Bindungsliebe

Neben dem „übernommenen Trauma“, also ein Trauma, von dem wir denken, dass wir es erlebt haben, aber tatsächlich nur die Energie dieses Erlebnisses in uns tragen, gibt es aus systemischer Sicht die Dynamik, dass wir tatsächlich etwas Traumatisches erleben. Oft begeben wir uns aber in so eine Situation ebenso aus BIndungsliebe. Nämlich weil einer unserer Elternteile schon vor uns ein ganz ähnliches Trauma erlebt hat und wir uns durch das gleiche Erleben besser mit ihm verbinden können. „Schau Mama, ich habe das gleiche erlebt wie du. Wir sitzen im selben Boot.“ Es ist also auch eine Dynamik, die aus Bindungsliebe entsteht.

Doch ganz egal, ob es ein fremdes oder unser eigenes Trauma ist, der Körper trägt es in sich und ist in seiner Bewegungsfreiheit erheblich eingeschränkt. Wenn sich der Körper in einer Starre befindet, so kann auch die Emotionalität und die Seele sich nicht mehr frei bewegen – schließlich ist der Körper unser primärer Übersetzer für unsere seelischen und emotionalen Bedürfnisse. Es kann weder etwas nach außen gebracht werden, noch kann etwas nach innen dringen. Vielleicht erlebst du sogar, dass du dich trotz regelmäßiger körperlicher Berührung, zum Beispiel kuschlen, Sex oder Massage, ausgehungert fühlst. Dass sich dein Körper trotzdem vereinsamt einfühlt. Dass er innerlich die ganze Zeit schreit.

Der Hunger nach Berührung – und die Verzweiflung nichts zu Fühlen

Wenn sich das System im Schock befindet, kann Berührung nicht oder nur in sehr geringem Maße stattfinden. Das System befindet sich immer noch mittendrin im Trauma-Prozess. Das befreiende Abschütteln und Auszittern hat nicht stattgefunden. So ist der Körper einfach nicht bereit für Kontakt von außen. Ganz im Gegenteil – das System ist immer noch in Habacht-Stellung, weil es denkt, dass es noch in Gefahr ist.

So ausgehungert sind wir, dass wir uns nach jedem Kontakt ergötzen, notfalls auch der Schlag auf den Po. Oh, ist es nicht schön, sich zumindest in diesem Moment des Schmerzes lebendig zu fühlen?

Wie sehr manche Menschen aus ihrem Körper (oder an bestimmten Körperstellen) herausgetreten sind, erfahre ich vor allem in meinen Abdominal-Massagen. Bei vielen ist der Bauch die intimste Stelle. So viel Scham, so viel Rückzug ist dort abgespeichert. Kein Wunder, befinden sich dort auf engstem Raum all unsere Organe, die unser Überleben sichern. Viele Klienten verkriechen sich schon beim reinen Handauflegen auf den Bauch in ihren gewohnten, wohlig nebligen Traumaraum. Darin dann da zu bleiben und sich nicht in dieses weiche Wolkengebilde aus traumatischer Dissoziation mitreinzubegeben ist für mich ein gleichwohl fordernder und tief berührender Prozess. Auch für die Klienten ist es gleichermaßen befremdlich und bewegend zugleich. Was dann geschieht, sind meist sehr kraftvolle Prozesse des wieder-lebendig-werdens.

Auch ich sehe rückblickend, wie wenig ich früher bei einer „normalen“ Massage, oder auch bei intimen sexuellen Berührungen, empfangen konnte. Mein Körper war einfach in dieser Starre gefangen. „Je stärker die Berührung, desto besser“, war meine Devise. „Dieser Körper muss doch verdammt nochmal was spüren!“
Bis ich in einem Seminar meine erste Trauma-Ausschüttung erfuhr. Mein Gegenüber berührte meinen Rücken mit seiner Hand. Diese hatte nichtmal kompletten Körperkontakt mit meinem Rücken. Sie schwebte lediglich ein paar Millimeter darüber. Es war eine unheimlich achtsame Berührung. Erst fühlte es sich an, als würden Ping-Pong Bälle in meinem Körper hin- und her fliegen. Dann fing ich immer mehr an zu zittern, später kamen Tränen dazu. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt Null Plan von Körperarbeit, geschweige denn von gestalttherapeutischer oder systemischer Arbeit. Ich habe mich wie ein rohes Ei in dieses Seminar begeben. Dieses Erlebnis werde ich nie vergessen. Seitdem gibt es kein zurück mehr. Kein zurück mehr in den Nebel der Kontaktlosigkeit. Mal schnell, mal langsam, doch immer mit der Willenskraft zur Lebendigkeit. Und diese Lebendigkeit kann überall stattfinden. Sowohl im Traumaseminar als auch im Wartezimmer.

Vernebelte Weiten

Vernebelte Weiten

Foto by www.nicolaodemann.com
Oft sehen wir die Spitze des Berges nicht, den wir gerade besteigen. Manchmal sehen wir nicht mal mehr den Weg, der hinter uns liegt. Wir erfahren uns nur auf diesem ganz kleinen Teil, auf dem wir jetzt im Moment stehen. Ein winzig kleiner Ausschnitt, der für uns in diesem Moment die ganze Welt bedeutet. Wir erfahren uns im nebligen Dickicht aus Schichten feinster Projektionen und Glaubenssätzen. Manchmal ist der Nebel so dicht, dass selbst unsere eigene Hand darin versinkt. So drehen wir uns um unser selbst, in der Überzeugung, dass der Nebel eine unüberwindbare Mauer darstellt.

Und wenn auch nur ein winzig kleiner Sonnenstrahl erkennen lässt, dass der Nebel nur eine Masse aus transparenten verdampften Wassermolekülen ist, sind wir erstaunt, wie leicht es ist, durch ihn hindurchzuschreiten. Und sind überwältigt von der Weite, die uns aufeinmal entgegenblickt. Und inmitten der Weite türmt sich auf einmal der Berg auf, auf dem wir stehen – und blickt uns entgegen, in seinem majestätischen Antlitz.

Beide Momente können wir gleichermaßen in Angst und Starre als auch in vollkommener Annahme und Zufriedenheit erfahren. Wir können den Nebel als sicheres Nest erfahren, in den wir uns wonnig eingebettet fühlen. Wir können uns von ihm tragen lassen und uns von seinen Streicheleinheiten verwöhnen lassen. Uns darüber freuen, dass wir nicht das komplette Feld überblicken müssen und ihm Vertrauen schenken, dass er immer das Richtige im richtigen Moment für uns lichtet.

Oder wir können in Panik verfallen, dass wir nicht alles überblicken, was vor und hinter uns liegt. Wir können uns in der Angst schwelgen im eigenen nebligen Sumpf zu ertrinken. Wir können panisch nach Schlupflöchern suchen. Und schockiert feststellen, dass der Nebel niemals still ist, dass er stets weiterzieht, immer wieder eine andere Stelle verdeckt und aufdeckt.

Genauso können wir den Blick der unendlichen Weite genießen. Kein Wölkchen weit und breit. Unerschöpfliche Weiten. Unerschöpfliche Freiheit. Kein Hindernis wohin das Auge reicht. Wir ergötzen uns an der Unendlichkeit. Und genießen die Erfurcht vor diesem machtvollen Gebirge, welches sich da vor uns auftürmt. Genießen unser eigenes unbedeutsames Kleinsein. Und genießen, dass die Natur diese Unbedeutsamkeit einfach so hinnimmt. Dass sie nicht wertet, wer seiner Existenz mehr Individualität und Einzigartigkeit eingetrichtert hat. Dies können wir voll und ganz genießen.

Oder wir können erschrecken, vor dieser unüberwindbaren Macht, die der Berg und das ganze Universum ausstrahlt. Wir können Angst haben im Gedanken daran, wie hart und leidvoll die Bergbesteigung sein wird. Wir können in der Angst verfallen, dass das Universum unvorhersagbar ist und wir dessen Launen verfallen sind und feststellen müssen, dass wir keine Kontrolle darüber haben. Wir können panisch nach (Nebel)höhlen suchen, in denen wir uns verkriechen können um die unerschöpflichen Weiten, und die Gefahren, die sie bergen, nicht sehen zu müssen.

Ich befinde mich derzeit immer wieder im Wechsel dieser Perspektiven. Es ist unglaublich spannend mich darin zu beobachten. Und auch zu beobachten, dass es mir manchmal unmöglich erscheint, meine Perspektive zu ändern. Dass ich manchmal irgendwelchen höheren Mächten ausgesetzt zu sein scheine – oder schlichtweg irgendetwas in mir es gerade für wichtig empfindet, in genau dieser Perspektive zu verharren. Manchmal ist es anstrengend. Manchmal ist es schön. Und immer wieder faszinierend, wie schnell sich die Perspektive wandeln kann. Ein einziges Wort, eine einzige Umarmung, ein guter Kaffee, ein Bild, ein Tautropfen auf einer verwelkten Blüte, ein Schrei, ein Moment des Fallens, eine Änderung der Körperhaltung.

Entscheidungen werden immer kollektiv gefällt. Denn wir sind nie unabhängig.

Vom Sinn und Unsinn des Humors

Spätestens seit meinem Kinobesuch im neuen Joker ist mir dieser Text ein großes Anliegen. Gleichzeitig sind da Wiederstände. Wiederstände, die aus der Angst produziert sind, dass das Ausformulieren dieser Gedanken noch einige neue Schattenseiten meines eigenen Humors aufzeigen wird. Na dann mal ran an den Speck.

Humor ist ein großartiges Werkzeug. Wir können durch Humor sehr schnell Verbundenheit zu anderen Menschen herstellen. Lachen verbindet. Wir können uns aus unserem eigenen alltäglichen Drama rausholen, indem wir über uns selbst lachen. Über unsere Schusseligkeit, unsere übertriebene Ängstlichkeit, die uns daran hindert neue bereichernde Erfahrungen zu machen.
Humor kann oft ein Schlüssel zu unserer Kreativität sein, denn er „zwingt“ uns, aus unserem starren Leidwesen herauszutreten und wieder beweglich zu werden. Die neugewonnene Beweglichkeit ist nicht zuletzt der besonderen Atmung geschuldet, die wir während des Lachens einnehmen.
Beim Ausatmen werden mehrere kleine Stöße ausgeführt, die zügig hintereinander folgen. Eingeatmet wird in einem tiefen und etwas schnelleren Zug, diese Bewegung ist meist kontinuierlich. (Quelle: www.paradisi.de).
Wenn wir davor, wie es die meisten zivilisierten Menschen im Alltag tun, sehr flach geatmet haben, versorgt uns diese Atmung mit neuem Sauerstoff und macht uns wacher.
Diese positive Beeinflussung der Atmung ist laut…….gesundheitsfördernd. Viele verbreitete Beschwerden können dabei günstig beeinflusst werden. Die oberen Luftwege werden, ähnlich wie beim Husten, von störenden Sekreten befreit. Der Gasaustausch wird erhöht, so dass unter anderem die Ausscheidung von Cholesterin gefördert wird. (Quelle: www.tamala-center.de).

Kann Humor krank sein?

Arthur, alias Joker, leidet unter einer Lachkrankheit, was im Medizinischen auch als pathologisches Lachen oder Affektinkontinenz bezeichnet wird. Das bedeutet, dass er buchstäblich Lachen MUSS, also sein Lachen nicht unter Kontrolle hat. Besonders in Situationen, in denen das Lachen – zumindest gesellschaftlich gesehen – nicht angemessen ist, tritt dieses zwanghafte Lachen ein. Für einen Außenstehenden kann dieses Lachen dann auch schnell psychopathisch wirken. Im Film war für mich kennzeichnend, dass er immer in Situationen in dieses zwanghafte Lachen kam, in denen in meiner Wahrnehmung eine große unterschwellige Panik in ihm auftrat.
Diese Panik war für mich deshalb so offensichtlich, da unter diesem hönischen Lachen sehr deutlich etwas anderes durchschien, das ich als Panik bezeichnen würde.
Wieso aber konnte der Protagonist nicht anders mit seiner Panik umgehen, als in dieses krankhafte Lachen zu gehen? Eine klare Antwort auf diese Frage gibt es nicht, jedoch einige interessante Thesen, darunter auch eine rein medizinische These:

Lachen ist Medizin

Lacht man in stressigen Situationen (worunter auch Panik gehört), verlangsamt man den Ausstoß von Adrenalin. Die Muskeln entspannen sich – man sagt, dass eine Minute Lachen einem 45-minütigen Entspannungstraining gleicht. (Quelle: www.paradisi.de).
Der Neurologe Fry (1989,1993) stellte in kontrollierten Untersuchungen fest, dass nach einem ausgiebigen Lachen die körpereigene Hormonproduktion zum einen gesteigert wird und zum anderen die Zirkulation gewisser Immunsubstanzen für Stunden erhöht ist. Herzhaftes Lachen übt auf das neurovegetative System eine Schockwirkung aus, die das gesamte Herz-Kreislauf-System aktiviert. Zunächst kommt es zu einer Beschleunigung des Herzschlages. Daran schließt sich eine längere Phase der Entspannung an, die unter der Dominanz des Parasympathicus steht: Der Herzrhythmus verlangsamt sich und der Blutdruck wird gesenkt. Walsh hatte schon im Jahre 1928 angenommen, dass die Widerstandskraft des Organismus gegen Krankheit sich erhöht, wenn ein Mensch häufig und regelmäßig lacht. (Quelle: www.tamala-center.de). Im späteren Verlauf des Films erfahren wir, dass Arthur schon als kleines Kind großer Gewalt ausgesetzt war. Sein Organismus sah das Lachen und seine damit verbundenen beruhigenden Effekte wohl als den besten Überlebensmechanismus. Arthurs Körper benutzte also das Lachen nicht nur (oder eben nie) für den eigentlichen Zweck, also um Freude und Belustigung auszudrücken, sondern um Stress abzubauen.  

Die These aus einer eher systemischen Sicht wäre diese:
Wie bereits oben erwähnt, war das Lachen für Arthur eine Überlebensstrategie. Nicht zuletzt übte seine Mutter, die stark psychopathisch war, großen Einfluss auf die Entwicklung dieser Strategie aus. Sie nannte ihren Sohn nie „Arthur“, sondern „Happy“ und sagte ihm seit seiner Kindheit: „Du wurdest geboren um Freude und Glück in die Welt zu bringen.“  Sie, die hoch manipulativ war, sprach damit unterschwellig also ein Verbot für alle anderen Gefühlslagen aus. So versuchte Arthur seinen Schmerz, dem er vor allem durch seine Mutter ausgesetzt war, stets zu unterdrücken und ihn durch Lachen zu ersetzen – aus Liebe zur Mutter – und auch der Angst, sie zu verlieren, wenn er ihr nicht gehorsam ist. Diese Mischung aus Liebe und Verlustangst nennt man im Systemischen „Bindungsliebe“. Ein systemischer Satz könnte lauten: „Liebe Mama, damit es dir nicht schlecht geht (und du für mich da sein kannst), lache ich für dich statt zu weinen.“

Die Mutter übt durch ihre psychische Krankheit sehr große Dominanz aus und – soweit meine Vermutung – Arthur hat als Kind fast keine Chance, SICH SELBT im Spiegel der Mutter zu erfahren. Er erhält keinen Raum, seine eigene Identität zu entfalten, sondern ist dauernd darum bemüht, dass es der Mutter gut geht. Mit der Zeit lernt er, welche Rollen er spielen muss, damit die Mutter zufrieden ist.

Schau-spiel als Leugnung der Unsicherheit

Im Kartenspiel wird der Joker meist als „wilde Karte“ eingesetzt, also als Ersatz für eine beliebige Karte. So mimt auch Arthur im Film den Joker bis zur Perfektion. Er ist ein Wandlungskünstler, dabei besitzt er selbst keine klare Identität. Dieser Verzweiflung obliegt er ununterbrochen und versucht ihr zu entfliehen, indem er sich immer wieder andere Rolle so sehr zu eigen macht, dass er denkt, diese Rolle wäre er selbst. Als letzten Ausweg aus dieser Verzweiflung nimmt er den Weg der Gewalt und Mordlust.

Ich denke, dass wir alle die Gestalt des Jokers in uns kennen. Dass jeder von uns viele Rollen im Petto hat. Hat eine Rolle mal versagt, sind wir Meister darin, uns eine neue Rolle auszudenken, dann von der neu errungenen Pseudo-Stabilität kurz ergriffen sind, doch darunter immer einen Boden der Einsamkeit und Unsicherheit spüren. Jede Rolle ist eben flüchtig, da jeder Moment flüchtig ist. Sicherheit ist eine Illusion. Wir möchten das nicht akzeptieren, möchten der Fata Morgana der Sicherheit hinterherrennen, erschaffen immer wieder neue Sicherheitsformate. So geht mit diesem Teufelskreis auch ein Drang zur Rebellion einher, der sowohl autoaggressiv, als auch nach außen wirken kann. Da wir durch das Ausüben von Gewalt unsere eigene Pseudo-Macht besonders gut spüren, unterliegen wir dieser Gewalt oftmals als letzte verzweifelte Instanz, die ständige Unsicherheit zu verheimlichen. So obliegt auch Arthur im Film sehr stark dieser Verzweiflung, bis zuletzt. Egal ob er am Anfang von allen als Opfer gesehen wird, oder am Ende von der Menge gefeiert wird, der einsame Kampf um eine Identität besteht bis zuletzt.
Doch so sehr die rebellierende Verzweiflung bei Arthur Bestand hat – so sehr drückt seine „I don’t give a fuck“ Mentalität und sein höhnisches Lachen auch seine Belustigung über die Absurditäten der Gesellschaft aus. Es scheint, als würde er erkennen, dass viele gesellschaftliche Werte einfach schlichtweg heuchlerisch und psychisch gewaltvoll sind.

Gibt es eine Identität?

Als Arthur erfährt, dass durch die Kürzung der staatlichen Sozialhilfeleistungen seine Psychotherapie nicht weitergeführt werden kann, sagt er zu seiner Therapeutin: „For my whole life, I didn‘t know if I even existed“, also „Mein ganzes Leben lang wusste ich nicht, ob ich überhaupt existierte.“ Auch wenn in diesem Satz die Trauer über die hoffnungslose Suche seiner eigenen Identität steckt, drückt sie eine große Erkenntnis aus, nämlich, dass so etwas wie eine feste Identität eigentlich gar nicht existiert. Der Psychologe Heik Portele schreibt in einem Text über die Gestalttherapie: „Da ist nicht ein Etwas, das sich verändert, ein Kern-Selbst oder was immer, das Selbst ist Veränderung, das Selbst hat keine Substanz, nichts, woran man sich halten kann, es ist ein Nicht-Selbst. Das ist sehr unangenehm. Wir hätten so gern ein Selbst, etwas, dass das Vergehen übersteht. Deshalb bilden wir einen Charakter aus, das sind unsere Gewohnheiten. Diese Gewohnheiten beherrschen uns dann, üben Zwang aus, lassen uns erstarren. Wir verarmen dann uns und die Welt, in dem wir auf das immer wieder Neue und den Reichtum jeder Situation starr und stereotyp mit einer Gewohnheit antworten.“
Ich möchte mit diesem Text das blutrünstige Handeln von Joker keineswegs glorifizieren. Nein, es ist für mich nichts anderes als ein weiterer verzweifelter Weg, sich selbst eine bedeutungsvolle Identität zu geben. Und gerade aus dieser Überzeugung kann ich meinem derzeitigen Glaubenssatz nicht entfliehen, dass die Zumutung unserer eigenen Absurdität uns aus vielen krankhaften Zuständen herausholen kann – und damit auch viele zwanghafte Übergriffshandlungen vermeiden kann.

Wir frieren

Denn da ist die Furcht vor der Abnormalität, vor der Krankheit. Nein, wir fürchten uns nicht nur davor, wir sind eigentlich der Überzeugung, dass wir krank sind – und wollen es gleichzeitig nicht sein. Deshalb rennen wir zu Ärzten, Psychologen, Kurse alternativer Heilmethoden gibt es wie Sand am Meer. Wir meditieren, wir prokrastinieren, wir konsumieren, wir masturbieren durch den Konsum unseres kranken Ichs. Und wir frieren. Wir frieren ununterbrochen. Wir versuchen uns am Trunk der schnellen Exstase zu wärmen, statt uns zu entspannen, zusammen mit unserer Furcht. Die is‘ halt einfach da, genauso wie dein linker Arm und dein rechtes Ohr.

Humor ist die Befreiung aus unserem starren Körper

Über diesen melancholisch-dramatischen Teufelskreis zu lachen, ist für mich derzeit das Genügsamste, was ich tun kann. Darunter ist halt auch die Verzweiflung über den Zustand, meinen Zustand, der sich immer wieder der Illusion der Krankheit hingibt. Dem Spiegel meiner eigenen Krankheit Grimassen zu schneiden, aus ihm heraus höhnisch zu lachen, wölfisch zu jaulen und grunzend zu schreien ist für mich ein Entkommen aus meinem starren Körper.
Wenn ich an manchen Abenden in meiner depressiven Gestalt zu versumpfen drohe, dann äffe ich mich manchmal nach. „Ach, sind wir heute wieder depressiv!“, „Jaaaa, oh jaaaah, es ist so schön, soooo genüsslich, diese Depression. Sich einfach gehen lassen, alles stehen zu lassen, komplett der Illusion verfallen sein, dass man nicht (mehr) kann. Hmmmm herrlich. Und dieses bodenlose Leiden. Jahrelang einstudiert, bis zur Perfektion.“
So oder so ähnlich sehen dann meine Selbstgespräche aus. Schnell werde ich dann wieder beweglicher, flüssiger, erhalte wieder einen klareren Blick auf die Dinge.
De-pression bedeutet nichts anderes als Runterdrücken. Wir drücken etwas, das eigentlich erlebt werden möchte, wieder runter. Aus welchen Gründen auch immer. Die sind sehr variabel.

Diese Gewohnheit des depressiven Aktes zu durchbrechen ist nicht leicht. Es fühlt sich halt auch so gemütlich da drin an. Humor ist da ein echtes Wunderwerk. Ein Teufelszeug im wahrsten Sinne. So ertappe ich mich manchmal, dass ich richtig Schiss hab, über mich selbst zu lachen – weil dann ganz schön viel Drama auffliegen würde und ich mich nicht mehr in meiner depressiven Ekstase wälzen könnte.

Was also ist dann der Unsinn von Humor?

Wo wird Humor hinderlich? Nämlich dann, wenn wir ihn dazu benutzen, etwas runterzudrücken. Dann wird er zum Werkzeug für die Depression. Faszinierend, nicht?
Arthur benutzte ihn ja auch irgendwann, um seinen Schmerz nicht fühlen zu müssen.

Wenn ich nämlich an genau diesen depressiven Abenden meine Selbstironie bis zum Äußersten treibe, dann kommt auch ganz schnell der Schmerz, der darunter liegt. Schmerz, der sich alt und verklebt anfühlt. Der wahrscheinlich ein kindlicher Schmerz ist. Wenn ich dies dann wieder belache, meinen Schmerz in Sarkasmus packe, dann beschäme ich mich selbst. So zumindest fühlt es sich an.
Und Joker, der lacht und lacht und lacht und lacht – und darunter weint und weint und weint und weint. Er ist ein hilfloser misshandelter kleiner Junge gefangen im Körper eines 40-jährigen Mannes.

Humor neu lernen

Gott hat uns Humor, wie alle anderen Emotionen auch, als Verbindungsinstrument zu unserem höheren Selbst geschenkt. Es ist oft traurig zu sehen, wie Humor in der Gesellschaft verschwendet und zweckentfremdet wird. Indem wir nur der Etikette wegen lachen, obwohl wir etwas eigentlich gerade langweilig finden. Indem wir lachen um unsere eigene Unsicherheit zu verdecken. Indem wir lachen um Aufmerksamkeit zu erregen. Indem wir Menschen (auch uns selbst) auslachen und beschämen. Und indem wir Humor schließlich nicht mehr in seiner Reinheit wahrnehmen und verlernen, dieses herrliche Instrument zu spielen.

Der Zauberer

Bildquelle: Instagram / @unskilledworker

All das, meine stete Transformation, also meine ununterbrochene Veränderung meiner Gestalt, war unter anderem eine Methode um zu überprüfen, ob das, was IST, SEIN darf. Als Kind, aber auch oft als Jugendlicher tun wir viele Dinge ohne sie zu hinterfragen. Vieles davon mag unserem ursprünglichen Wesen entspringen, anderes davon ist aus Einflüssen entstanden. Doch ganz egal woher es kommt: Wir tun es einfach.

Eines davon ist Unterdrückung. Wenn unsere Seele irgendwann nicht mehr weiß, wie sie sich Gehör verschaffen kann, wie sie das bekommt, was sie braucht, sucht sie sich einen anderen Weg. Einen Plan B. Oder irgendwann auch Plan Z. Dann hegen wir Emotionen, ohne zu wissen woher sie rühren. Hegen Gedanken, ohne zu wissen wie sie entstehen. Wir schämen uns, hassen uns, verurteilen uns. Schmücken uns mit Schichten, zusammengewebt aus all den Ersatzplänen. Wer näht denn diese Schichten? Etwa unterernährte Kinder in Bangladesch? Oder der Schneider auf der Hafenstraße? Eventuell sind wir verzweifelt über unser Unwissen. Unser Unwissen über die Welt. Und über uns selbst. Sind verzweifelt darüber, dass wir einfach so sind wie wir sind und nicht wissen WIESO wir so sind wie wir sind.

Bestenfalls können wir irgendwann dieser Frage nicht mehr entfliehen. Wir stellen die Frage aller Fragen: „Wieso?“. Und da wir keine Antwort wissen, wollen wir Veränderung. Wollen wir einen Leitfaden. Finden diesen Faden. Vorzugsweise hängt er da so runter, aus einer dieser Schichten. „Na toll, doch ein Billigteil aus Bangladesch.“ Verärgert ziehen wir an dem Faden. Schneiden ihn ab. Um den Rest dann wieder mit einem anderen Faden zu verknoten. Aber es macht alles irgendwie keinen Sinn. Dieses Verknoten und Zerschneiden. Es hält einfach irgendwann nicht mehr. Es löst sich auf. Alles droht sich aufzulösen. Uns wird kalt. Eigentlich wollen wir doch nur einen einzigen Faden. Mit EINEM Anfang und EINEM Ende. Wir wollen geleitet werden. Wir wollen nicht ständig diese Frage fragen. Diese Frage nach dem WIESO. Wir wollen nicht ständig überprüfen ob das was wir machen zu uns gehört. Wir wollen einfach irgendwas machen und wissen, dass diese Tat zu einem bestimmten Ergebnis führt. Doch letztendlich können wir nie hundertprozentig sicher sein, dass ein bestimmter Vorgang zu einem bestimmtem Ergebnis führt. Und DAS  wissen wir. HUNDERTPROZENTIG. Und das macht uns verrückt. Leben in ständiger Unsicherheit. Doch wir unterdrücken es. Schließen eine Lebensversicherung ab. Gehen weiter den Faden entlang. Überprüfen den Faden, überprüfen uns, ob wir so sein dürfen wie wir sind. Überprüfen andere, ob sie so sein dürfen wie sie sind. Verurteilen uns, verurteilen andere.

Und irgendwann, nach all dem Urteilen, Zweifeln, Meckern, an sich arbeiten, an anderen arbeiten – nach all diesen Überprüfungsmechanismen, um sicher zu gehen, dass etwas so sein darf, wie es ist – was bleibt da noch? Resignation? Tiefe Verzweiflung, dass man es nie ganz und gar wissen wird? Oder Freude darüber, dass wir zumindest unser Unwissen wissen. Und alles einfach so sein darf wie es jetzt gerade ist. Und auch wenn es der derzeit schönste Zustand ist, den etwas oder jemand einnehmen kann, es sich trotzdem jederzeit verändern darf.

Ja verdammt, ich darf traurig sein, ohne den blassen Schimmer zu haben WIESO. Ja verdammt, ich darf sogar verzweifelt sein, ohne zu wissen, WARUM. Und ganz sicher darf ich auch wütend sein, ohne zu wissen, auf was oder wen. Und ich darf auch Scham empfinden. Einfach so. Ich darf unsicher sein, ohne zu erklären, was mich unsicher macht. Und darf ich denn dann auch glücklich sein, ohne zu wissen woher mein Glück herrührt? Und darf ich dann noch fragend sein? Hinterfragend, vorderfragend, erfragend, nachfragend, vorfragend, befragend, ausfragend, zerfragend. Ja. Ich darf. Ja. Ich darf. Und darf ich denn überhaupt dürfen? Ja. Du darfst dürfen. Ja, du darfst bedürftig sein.

Denn wenn ich einfach nur SEIN darf, dann WEIß ich. Dann bin ich weiße. SEIN ist Leichtigkeit. Ja fast Schwerelosigkeit. Und Schönheit. Universelle Schönheit. Und die Schichten, egal ob die aus Bangladesch oder vom Schneider auf der Hafenstraße, auch sie sind schön. Wenn sie SIND. Universell schön. Dann ist der höchste Grad der Schönheit eingetreten, den etwas oder jemand einnehmen kann. Dann wird es oder er oder sie von dir gehen. Und ein weiteres Stück deiner Schönheit enthüllen.

Denn wenn wir all das wüssten, ja schon das Ende eines jeden Anfangs erblicken, dann würde der Zauberer nichts mehr enthüllen können. Dann wäre da kein Zauber mehr. Dann wäre da kein Erleben mehr. Dann wäre da kein LEBEN mehr.

Also. Zaubere.

Der Schatz

Ich habe einen Schatz vergraben.
Einen verzauberten Schatz. In mir.
Ganz tief da unten, ja, tief drunten.
So dass ihn niemand finden kann, nein, da kommt keiner ran.

Nichtmal ich.

Es ist ein Erbstück der Familie
wohlbehütet war er dort nie.

Doch bei mir ist er nun sicher.
Denn meine Mutter hat ihn gut versteckt. Ins allerletzte Eck.

Mama wo hast du ihn denn hinvergraben, sag mir doch, wo ist die Stelle?

Oh, mein Kind, das weiß ich nicht, damals, da war dort ja kein Licht.

Lichterlos. Nur Dunkelheit. Sehen tat ich nichts. Und musst‘ ich ihn ganz heimlich dort verstecken.

Und, wer hat denn dann den Schlüssel nun?

Oh, mein Kind, auch da weiß ich keine Antwort dir, es ist ja auch alles nicht von mir.

Keinen Schlüssel, nun gut, aber weißt du wenigstens was drin da ist?

Ja, weißt du mein Kind, es ist ein Schatz, der aber uns nicht gehören tut. Doch haben wir die Ehre ihn zu hüten, gut.

Die Ehre, oh, wie wundervoll, doch will ich wissen, was da drin sein soll.
Wenn ich schon so schwere Lasten trage, ja auch wenns ein Goldschatz ist, so möcht‘ ich wissen was da meine Kräfte frisst.

Ja doch, ja, es interessiert mich auch. Nun ist es aber eben dieser Brauch.
Und was nun, wenns ein Monster ist, dann sinds nicht nur meine Kräfte die er frisst.
Dann muss ich kämpfen – und kämpfen kann ich nicht. Doch Du jedoch, du starke Frau, schau dich an, deine Brust so breit, deine Arme, so zäh, dein Stand so fest, du kannst kämpfen.

Aber Mutter, Mutter, siehst du denn nicht? Ich bin so stark geworden, weil ich so schwere Last bald trug, deine Last, dein Schatz, den du ja niemals öffnen wolltst.
Hilf mir doch wenigstens zu buddeln, hilf mir, zeig mir, irgendwas. Und lass mich nicht im Dunkeln tappen.

Kind, mein Kind, was soll ich zeigen dir. Wenn doch auch ich nur im Dunkeln war – mit mir, ganz allein mit mir. Damals, als ich diesen Schatz bekam, war ich einfach nur so froh, mein Herz das brannte lichterloh. Ein Schatz. Der dann MEIN Schatz bald schon war. Nur meins. Für mich allein. Weil damals, weißt du, da konnte doch nichts nur für uns sein. Und behütet, das fühlt‘ ich nie. Du weißt doch, du weißt es doch. Da wurd‘ ich rumgereicht von hier nach dort. Weil meine Mutter war ja fort.
So war es dieser Schatz, der mir so viel gab, weil er unter meiner Obhut lag. Ganz egal, was es nun war, was es jetzt ist, es war – es ist mein Schatz. Mein ein und alles. Und ich wollt‘ ein guten Platz für ihn. So warst es du, dein Sein, was mir richtig schien für ihn.

Ach Mama, Mama, ja, jetzt kann ich dich verstehn‘. Ja, ich kann dich sehn‘. Ich sehe es. Jetzt spür ich es. Meine Kraft. Hast du mich doch im Zeichen des Schützen der Welt gebracht. Ich schütze. Ich schütze es. Ich schütze dich. Hab keine Angst. Denn da ist keine Angst. Da ist kein Feind. Kein Angriff. Du kannst frei kämpfen nun. Denn du kämpfst doch so gern. Und ich bin dir dabei niemals fern. Mit deinen Hörnern volle Kraft voraus. Dein Zeichen ist der Widder. Mit seinen mächt’gen Hörnern. Und seinem wohlwollendem Wesen.

Ich schütze dich. Du darfst sein. Zeig mir deine Wut. Deinen Schmerz. Deine Verletzlichkeit. Geh mit den Hörnern durch die Wand. Du wirst damit niemanden verletzen. Auch nicht dich selbst. Du wirst mit deinen Hörnen die Mauern durchbrechen, die den Schatz vor uns verdecken. Und ich, ich bin da für dich. So wie es der Schatz damals war. Doch anders als er, öffne ich mich.