„Es öffneten sich neue Welten. Erst in mir und dann auch um mich herum.“

Interview mit Silvia zur Projekt-Reihe
„Was wäre, wenn wir dieses Corona-Ding als Chance ergreifen?“

Ganz spontan rief ich auf Facebook dazu auf, ob Menschen Lust haben, darüber zu erzählen, welch positive Erfahrungen und Erkenntnisse sie durch den Lockdown gemacht haben. Und da hatte ich einen Tag später eine Nachricht von Silvia in meinem Postfach. Ich bin mit Silvia schon lange auf Facebook befreundet, aber wir kennen uns nicht persönlich. Wir beide wissen nicht mal genau, wieso wir überhaupt dort befreundet sind. Vielleicht sind wir es genau für DIESE Begegnung, für DIESEN Austausch. Ich bin sehr berührt, dass mir eine fremde Person so viel von sich erzählt. Als Therapeutin bin ich das zwar gewohnt – auch wenn es mich hier noch jedes mal aufs Neue berührt. Doch dass jemand bereit ist, seine Geschichte öffentlich zu teilen und dies in meine Hände zu geben, ist etwas Neues.

Doris: Silvia, wie hast du den ersten Lockdown im Frühjahr erfahren?

Silvia: Als Corona im Frühjahr auftauchte, war ich wegen etwas anderem recht krank. 2019/2020 hatte ich 3 Operationen und hatte sowieso nicht viel Außenkontakt, da ich dadurch sehr auf mich zurückgeworfen war. Deshalb bekam ich von dieser Pandemie nicht wirklich viel mit.

Im Mai war ich wieder gesund und bin zum ersten mal zum Arbeiten auf die Alm. Für 4 Monate. Das war ein sehr besonderes Erlebnis für mich. Dort oben hatte ich auch nicht viele Berührungspunkte mit Corona. Obwohl wir dort auch einen Gastronomiebetrieb führten, gab es wenig Einschränkungen.
Ich hab Corona auch nicht als großes Ding wahrgenommen. Für mich war es nicht wichtig.

Doris: Wie ging es dann im Herbst weiter?

Silvia: Im September hab ich dann eine Ausbildung in einer Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl angefangen.

Erst dort habe ich langsam realisiert, was sich alles verändert hat, während ich hoch oben auf der Alm war: Maske tragen im Unterricht, Abstand halten. Ich fing an stutzig zu werden. Gleichzeitig wollte ich es nicht wahrhaben. Doch ich merkte immer mehr, dass ich es nicht von mir fernhalten kann. Ich musste mich damit auseinandersetzen.
Am schlimmsten war dann die Ausgangssperre ab 21 Uhr. Eigentlich bin ich am Wochenende immer rausgefahren, zu meinem Bauwagen. Mein Rückzugsort.
Auf einmal hab ich mich dort unwohl gefühlt, weil ich ja nach 21 Uhr eigentlich nur dort sein darf, wo ich auch gemeldet bin, also nicht im Bauwagen, sondern in Dinkelsbühl.
Auch wenn ich den Nachbarsbauernhof besuchen ging, war da diese Angst, kontrolliert zu werden. Ich hab versucht mich selbst zu regulieren, der Angst nicht so viel Raum zu geben.

Doris: Wie genau gehst du da mit deinen Ängsten um?
Silvia: Ich muss mir erst darüber bewusst werden, dass ich überhaupt Angst habe. Mir hilft es, der Angst Raum zu geben, bewusst zu atmen und die Angst anzuerkennen. Und mich dann zu fragen, woher die Angst kommt, also wo ihr Ursprung liegt. Ist es eine Angst, die durch ein individuelles Trauma bedingt ist oder ist es eine Urangst, mit der jeder Mensch konfrontiert ist. Dann frage ich mich, was ich mit der Angst mache: Soll sie mich beherrschen, oder finde ich eine andere Lösung? Wie kann ich die Situation verändern? Für mich hieß dann die Lösung: Ich gehe wo anders hin, wo ich mich sicherer fühle.

Doris: An welchem Punkt hast du entschieden, an einen anderen Ort zu gehen?

Silvia: Als dann Mitte Dezember der Online-Unterricht einsetzte, beschloss ich, erstmal wegzugehen. Schließlich kann ich den von überall aus machen. Ich ging also auf einen Hof in Kärnten/Österreich. Dort habe ich von 2015 bis 2018 schon mal gewohnt. Damals verließ ich diesen Hof, da ich dort nicht mehr so viel Verantwortung tragen wollte in Zeiten, wo immer mehr Helfer auf den Hof kamen und es immer enger wurde. Damals waren wir als Hauptverantwortliche lediglich zu zweit. Heute ist es ganz anders, es gibt Arbeitskreise mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten.

Ich bin mit dem Hof stets gut im Kontakt geblieben und so fiel die Entscheidung nicht schwer, für eine Weile dort zurückzukehren. Ich fühle mich hier zu Hause, da ich mich hier sicher fühle. Ich weiß, dass dieser Hof relativ autark bestehen kann, egal was passiert. Er ist ein Sinnbild für mich, dass etwas Bestand hat, wenn man es gut aufbaut.
Letzte Woche war eine Frau zu Gast, die am Ende ihres Aufenthalts sagte: „Wow, ich hab bei meinem Aufenthalt hier bei euch komplett vergessen, dass es Corona gibt.“

Doris: Was hat die Zeit dort für dich bisher gebracht?

Silvia: Nun bin ich also seit Januar wieder hier und hab mich bald darauf verliebt. Ich erfahre hier sehr viel Unterstützung. Auch als es darum ging, zu reflektieren wieso ich diese Schule in Dinkelsbühl denn überhaupt noch mache. Ich habe da erst realisiert, dass wir auf der Schule total wenig aktiv musiziert haben. Nur Theorie gebüffelt. Das war nicht erst seit dem Online-Unterricht so, aber dadurch wurde es mir nochmal bewusster. Meine Kreativität hat extrem gelitten.

Um mir besser vorstellen zu können, wie es ist, nicht mehr dort zu sein, hab ich mich erstmal krank gemeldet. Und die Kreativität kam sofort wieder zurück. Es öffneten sich neue Welten. Erst in mir und dann auch um mich herum. Ich traf eine andere Musikerin, die ich schon von früher kannte, mit der ich sehr viel zusammen musizierte. Sie lud mich dann auch auf einen anderen Hof ein, wo noch mehr Musiker waren.

Doris: Inwiefern hatte Corona Einfluss auf deine Entscheidungen?

Silvia: Diese Entscheidungen so klar zu treffen, das hätte ich glaube ich ohne Corona nicht gemacht. Durch diese Maßnahmen wurde ich quasi dazu gezwungen, mir mein aktuelles Leben genauer anzusehen und inwiefern es wirklich meinen Vorstellungen entspricht.
Corona schließt Türen. Aber öffnet auch Neue.

Vor zwei Wochen hörte ich mir einen Vortrag an, wo es darum geht, wie wir von der Natur lernen, uns zu transformieren (Das Video findet ihr hier). Dort sprach die Frau über eine Göttin, die zwei Vögel auf ihren Schultern sitzen hat, die sie z.B. in Form von Krankheit zu den Menschen sendet, aber nicht um zu zerstören, sondern um auf etwas wichtiges hinzuweisen.

Doris: Wirst du nun länger auf dem Hof in Kärnten bleiben?

Silvia: Ich werde dort nicht längerfristig wohnen, obwohl ich weiß, dass ich willkommen bin.
Ich möchte noch mehr der Musik folgen und auf Höfen wohnen, wo ich mehr Musik machen kann.

Doris: Wie finanzierst du dich?

Silvia: Ich hab‘ auf der Alm das Geld für ein ganzes Jahr verdient und lebe komplett davon. Natürlich lebe ich auf den Höfen sehr kostengünstig, da ich dort mithelfe und Kost und Logis erhalte.

Doris: Wie ist die Arbeit auf der Alm?

Silvia: Es ist sehr, sehr schön und so richtig anstrengend gleichzeitig. Für mich war es eine  grandiose Zeit, weshalb ich diesen Sommer wieder dort arbeite.

Doris: Wie wichtig ist Gemeinschaft in deinen Augen für die neue Zeit?

Silvia: Super, super wichtig!
Ich selbst habe in der Corona-Zeit körperliche Nähe nur sehr wenig gehabt. Ich merke jetzt erst, durch meine neue Liebesbeziehung, wie ausgehungert ich war und wie mein Körper wieder richtig auftankt durch die körperliche Nähe. Wenn sogar das Umarmen wegfällt, entsteht da einerseits ein großer Verlust. Gleichzeitig habe ich auch hiervon gelernt, nämlich meine Grenzen besser zu spüren, wen ich denn überhaupt umarmen will und wen nicht.

Ich bin so froh über diese Hofgemeinschaft, wo mehrere Leute sind, wo Besuch kommt, Austausch da ist. Wo einfach immer Bewegung da ist. Das empfinde ich als ganz wichtig und heilsam.
Ich sehe uns Menschen als Herdentiere. Es gibt dort die Alphamenschen genau so wie die „Mitläufer“, das meine ich keinesfalls abwertend. Jede Rolle ist wichtig und seine eigene Rolle zu finden und zu akzeptieren. Eine Frau, die sich viel damit beschäftigt, sagte zu mir, ich wäre die „Graue Eminenz“. Eher still, eher zurückhaltend, eher im Hintergrund die Fäden ziehend. Wenn ich etwas teile und dann die Aufmerksamkeit spüre, war das für mich früher sehr unangenehm und ich wollte noch weniger sagen.
Nun spüre ich: in mir ist eine stille Autorität, die viel Wissen in sich hat, aber es niemandem überstülpt. Wenn ich etwas gefragt werde, kriegt man nicht immer eine Antwort, sondern eher „schau doch erstmal selbst.“
Dadurch, dass meine Rolle jetzt so klar ist, fühle ich mich darin wohler und verorteter in der Gemeinschaft.
Wie schön und wichtig es ist, wenn jeder seine Rolle findet und annimmt. Egal ob es der Stille oder der Laute ist. Diese Rollen können ja auch wechseln. Viel wichtiger ist das Bewusstsein darüber, wer du in der Gruppe bist und wie du das gestaltest.

Doris: Wie stehst du zu den sozialen Medien als Gemeinschaftsersatz?

Silvia: Ich finde die Vernetzung super und dass man sich über solch große Entfernungen unterhalten kann. In den sozialen Medien zeige ich allerdings nur das, was ich zeigen möchte. In der Gemeinschaft, im direkten sozialen Kontakt werde ich einfach gesehen, mit allem was da ist. Ich kann da nichts vorfiltern oder mir aussuchen, was ich gerade zeigen möchte.

Doris: Wo geht es für dich als nächstes hin?

Silvia: Anfang März werde ich nach Mittelfranken in meine alte Heimat. Danach, im April auf einen Hof in Mecklenburg-Vorpommern und dann nach Zürich. Im Sommer geht’s dann wieder auf die Alm.

Doris: Wieso ist die Entscheidung, auf Höfen zu leben, für dich die Richtige?

Silvia: Das praktische Musizieren steht bei mir sehr im Vordergrund. Auf Höfen und alternativen Wohnprojekten kann ich leichter Menschen finden, mit denen ich gemeinsam musizieren kann. Ich erhoffe mir, dass dort die Möglichkeiten trotz Corona erleichtert werden.

Liebe Silvia, ich danke dir ganz herzlich für dieses schöne Interview. Es hat mich inspiriert, wie klar du deinem Weg folgst.

Du erfährst die Pandemie auch als großartigen Wegweiser und Toröffner? Du möchtest mehr Menschen mit deinen Erfahrungen inspirieren? Dann schreib mir gern eine Nachricht und lass dich von mir interviewen!

Vom Erschaffen und Erschlaffen

Ein Update zu meinem Scham-Projekt

Foto: Sabrina Lieb

Nachdem ich ein dutzend Menschen in ihrem Scham-Dasein fotografiert habe – und dies wahnsinnig genoss, ist nun der Teil des Schreibens dran. Und es ist verdammt herausfordernd. Nur ich und das Papier. Erwartungen, die Angst haben nicht erfüllt zu werden, Erkenntnisse, die sich wieder und wieder über neue Erkenntnisse überschlagen. Ein fortwährender Salto im Erschaffen und Erschlaffen. Auf diese Zirkusnummer war ich nicht vorbereitet.

Ich wollte doch nur wissen, was Scham ist. Um besser auf sie vorbereitet zu sein.
Und dann das: Du kannst nicht darauf vorbereitet sein! Sie erwischt dich immer dann, wenn du es nicht erwartest.

Und doch gibt es da diese Erfahrung, ja eine für mich wirklich sehr wertvolle Erfahrung, nämlich dass ich Scham lieben lerne. Scham, du bist wunderbar! Doris, du bist wunderbar! Denn sind es nicht die größten Wachstumsmomente, wenn wir inmitten unserer puren Scham stehen, einfach nur weg wollen, im Boden versinken wollen – und gleichzeitig verdammt nochmal wissen wollen, was passiert, wenn wir stehen bleiben?
Und nichts anderes ist dieses Projekt.
In fortwährender Erschöpfung und Ekstase um meine eigenen Erkenntnisse, die mich dann wieder tiefer in mir ankommen lassen, befinde ich mich also in diesem Schaffensprozess.

Im Jungle der Prokrastination


Es läuft meistens ähnlich ab: Wenn ich meinen Jungle der Prokrastination mit meiner messerscharfen Machete durchforstet habe, am Strand ankomme, d.h. an meinem Schreibtisch sitze und endlich das erste Wort in mein Dokument tippe, ganz vorsichtig aufs Surfbrett steige, ein kleiner Angsthase auf einem rießigen Surfbrett, der bei jeder kleinen Welle, die mein Brett zum wackeln bringt, ganz panisch wird. Um mich dann doch wieder kräftig mit dem Paddel anzustoßen.

Kräftig und doch nicht greifbar


Mutig streife ich durchs Wasser, das solch eine Kraft hat und doch nie greifbar ist. Irgendwann fühle ich mich wie eine mehrfache Gewinnerin von Surf-Wettbewerben und reite ganz cool und geschmeidig auf den Wellen, meine Finger gleiten nur so über die Tastatur und wollen gar nicht mehr aufhören, die sich immer wieder neu gebärenden Wortkonstrukte aufs Papier zu bringen. Mir ist egal, wie viel oder wenig davon später im Buch landet, ob es gerade in irgendeiner Weise nachvollziehbar ist für andere Menschen, ich hab einfach Bock zu surfen!
Also, wenn du nun immer noch wartest, auf den einen Ratschlag, wie du mit deiner Scham umgehen sollst, damit dieses komische Ding irgendwann mal erträglicher wird, dann ist es das: sie erfahren!

Wenn du Bock hast bei meinem Scham-Projekt mitzumachen: Hier gibts mehr Infos

Über das Opfern

Ich schäme mich dafür, dass ich nicht mehr die Arbeit gemacht habe, die mir Freude bereitet und in der ich einen Sinn sehe. Zwar hat mir auch das Kochen große Freude bereitet und war für mich an einigen Stellen sinnstiftend. Doch es hat mich faul werden lassen. Und ich erkannte, dass eine bequeme Arbeit nicht die Arbeit ist, die ich tun möchte. Wieso habe ich keine Gestalt-Sessions mehr gegeben?

Setzen wir uns auseinander

Ich war faul, trotz den Corona-Beschränkungen Wege zu finden, dieser Arbeit nachgehen zu können. Ich habe die äußeren Beschränkungen als Weg benutzt, um mich mit meinen eigenen inneren Beschränkungen nicht auseinandersetzen zu müssen.

Dann lese ich hier eine alte Mitschrift aus einem Butoh-Kurs von vor zwei Jahren, die mit der Frage anfängt: „Wie verleugnest du dich?“

Schattenplätzchen

Rückwirkend betrachtet resultiert meine Beschränkung nicht aus fehlendem Willen, Wege zu finden um meine Arbeit weiter zu machen, sondern fehlendem Mut, mich dem Schatten meines Therapeuten-Daseins zu stellen. Immer wieder gibt es da Punkte, an denen ich ganz klar sehe, wo meine Arbeit keine Früchte trägt. Wo sie nicht wirksam ist. Wo ich aus einem Konzept heraus agiere, welches ich selbst nicht ganz durchdrungen habe, oder schon längst hinterfrage.

Es kam einmal eine Familie mit ihrem Sohn, der einfach nicht die Finger vom Süßkram lassen konnte und dadurch krank wurde, zum großen Mahatma Gandhi. Er wurde von ihnen darum gebeten, ihren Sohn zur Vernunft zu bringen, damit er nicht ständig heimlich Süßigkeiten isst. Gandhi sagte schlicht, sie sollen in zwei Wochen nochmal kommen. Die frustrierten Eltern gingen wieder und kamen dann in zwei Wochen nochmal. Gandhi zog den Jungen zu sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Danach mied der Kleine allerlei Süßigkeiten und sein Gesundheitszustand verbesserte sich rasch. Die Mutter war sichtlich erstaunt und feierte Gandhi als Wunderheiler. Auf die Frage, was er denn gemacht hätte, antwortete er: „Es war kein Wunder. Ich musste erst selbst die Süßigkeiten aufgeben, bevor ich ihn darum bitten konnte, dasselbe zu tun. Nun sagte ich ihm, dass ich seit zwei Wochen keine Süßigkeiten gegessen habe, und fragte, ob er das jetzt auch probieren wolle.“

Aus: „Wut ist ein Geschenk“, Aron Gandhi

Wenn ich…..nun…also….was Gandhi da macht ist….wo ich mich hinstelle…..da bin. ?!

Ich möchte das erklären, was er da macht. Doch ich kann es nicht.

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Berührtheit. Vibration. Die Wunder passieren im Un-scheinbaren. Der Schein verliert sich, hat keine Substanz mehr. Die Sicht wird klar.

Egal wie groß oder klein ich bin. Egal wie viel Scheiße ich erlebt habe. Egal wie verzweifelt ich bin. Ich kann mich entscheiden. Nein. Anders. Ich entscheide mich die ganze Zeit. Für die Scheiße und die Verzweiflung. Also kann ich mich auch für etwas anderes entscheiden. Zum Beispiel für Neugier. Oder Demut. Oder Liebe.

Kultiviere die Unsicherheit.

Seit Jahren predige ich, dass die Leere, der Raum des Unbekannten, der Raum zwischen den altbekannten Mustern, ein großer Heilungsraum ist.

Und erst Vorgestern erlebte ich mich in einem Abspann ununterbrochener Konfrontation auf einmal selbst in diesem Zwischenraum. Gefühlt war er winzig klein, ganz kurz, ich wollt es fast nicht glauben. Doch die Menschen, die mit mir waren, ließen mich nicht wieder entschwinden. Und dann bin ich so wahnsinnig überrascht, dass da dieser Zwischenraum war, als hätte ich ihn das erste mal erlebt und zum ersten mal in diesem Moment die Antwort auf tausend Fragen gefunden. DIE Wahrheit gefunden. Und frage mich, wieso mir DAS denn nicht früher schon jemand gesagt hat. Und dann sehe ich, dass es mir die ganze Zeit gesagt wird und ich es eigentlich auch schon wusste. Wieso vergesse ich? Wieso vergesse ich dieses so simple Wissen?

Die Weisheit existiert nicht auf Löffeln

Um nun wieder zu meinem Einstiegsthema zurückzukommen, dem Schatten meines Therapeuten-Daseins. Ich möchte es immer wissen. Ich möchte die Richtung angeben. Ich möchte die sein, die die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Dabei handle ich nicht nur aus meiner Liebe heraus, sondern auch aus meiner Angst, Reaktionen zurückzubekommen, die mich in meiner Kompetenz schmälern. Dabei sehe ich selbst die Punkte, in denen ich ungenügend kompetent bin. Aber verdammt nochmal! Ich muss die beste sein! Ich bin mir zu fein, Menschen zu fragen, die um Längen besser sind als ich. Kommt mir gar nicht in die Tüte! Dann bleibe ich lieber in meinem ewigen Kampf, ob ich denn nun mit meiner Arbeit weitermache oder nicht. Und Gottseidank gibt es Corona, der allgegenwärtige Grund, Dinge NICHT zu tun.

Was, wenn wir gar nicht wissen, was wir loslassen müssen?

Der Weg zur Selbstermächtigung führt über den Schritt der Selbstaufgabe. Auch wenn wir vielleicht noch gar nicht wissen, was wir denn da genau aufgeben, wir müssen uns aufgeben, mit unserem vollen gegenwärtigen Wesen, um etwas Neues zu werden. Im weißen Vertrauen, dass das, was uns noch dienlich ist, sich wieder neu erschafft.

Da erhasche ich noch einmal einen Blick auf meine Notiz des Butoh-Workshops vor 2 Jahren und lese den Satz: „Im Tanz musst du alles opfern, was du hast.“ Es klingt dramatisch, obszön. Letztendlich ist das wirkliche Opfern ganz unscheinbar. Wenn du wirklich opferst, dann wirst du ganz klein, zart und leise. Verletzlich stark.

Es ist unser aller Verantwortung, uns immer wieder zu opfern, um nicht Opfer unser selbst zu werden.

Und der obligatorische Werbeblock: Wenn du Bock hast, deine eigenen Zwischenräume zu erkunden und wissen möchtest, wie du die Intelligenz der Unsicherheit nutzen kannst, komm auf mich zu. Entweder in Form einer Einzelsession in meinem Projektladen oder online. Oder im Online-Kurs „Intelligenz des Chaos“.

Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

– ein Update zu meinem „Scham“-Projekt

Mit meiner heutigen Klientin, die sich für mein Schamprojekt bereiterklärte, ging es um Scham vor den eigenen Grenzen.

Grenzen ziehen, seinen eigenen Raum abstecken und diesen wahren, auf ihn Acht geben.

Wirklicher Kontakt entsteht nur an der Grenze. Stell dir vor, du hättest keine Haut, da wäre nichts, einfach nur Luft. Könntest du Kontakt erfahren? Eine andere Person ganz konkret physisch spüren? Könntest du dich selbst als eigenständiges Wesen spüren?

Nein.

So sind also Grenzen eine überlebenswichtige Instanz.

Wenn wir uns für unsere Grenzen schämen, wenn wir uns dafür schämen, ein „Stopp“ zu kommunizieren, laufen wir also Gefahr, kontaktlos zu bleiben. Demnach laufen wir Gefahr, zu verhungern. Denn wo kein Kontakt, da kein Nähren.

Welten, die sich sehr symbiotisch anfühlen, die sich dem Genuss des Ineinander Verschwimmens und Verschlingens hingeben, eine starke Sehnsucht zum Einssein, sind letztlich auch Welten der Kontaktlosigkeit. Wir verlieren uns darin.

Nun erfahre ich Scham auch immer mehr als Teil des Grenzgefühls. Dieser Satz „Ich möchte am liebsten im Boden versinken“ stellt sich für mich paradoxerweise lediglich als Symptom unterdrückter Scham dar.
Wenn ich Scham bewusst spüre, sagt mir mein Körper, dass sich entweder etwas noch nicht ganz sicher anfühlt und ich lieber noch ein bisschen beobachten soll, oder – und das ist letztendlich nur eine andere Sichtweise dafür – er zeigt mir durch die Signalisierung von Scham ganz deutlich, welche Sache in mir lebendig sein möchte, sich gerade anbahnt, geboren werden möchte – und einfach sicherstellen möchte, dass ich (und auch mein Umfeld) auch respektvoll mit ihr umgehe. So verhilft mir Scham, das richtige Tempo zu finden, im Ausdruck meiner Selbst, im Kontakt mit anderen.

Wir schnüren uns zu – Von Oben bis Unten

Wie unsere Lunge und unser Darm zusammenhängen

Anfang letzter Woche hat sie mich auf einmal überrascht – eine dicke Mandelentzündung. Ich war von Schmerzen geplagt, beim Schlucken wie auch beim Sprechen. Mein Körper zwang mich diesmal zu fasten. Enthaltsamkeit beim Essen, wie auch beim Sprechen. Diese Schmerzen stießen neue Prozesse in mir los. Ich erfuhr von vielen, dass sie in den letzten Tagen auch immer wieder ihr Hals verstärkt meldet. Ist das wohl der Covid-19-Virus? Sind viel mehr Menschen infiziert als gedacht? Es wird in diesem Artikel nicht darum gehen, diese Fragen zu beantworten. Vielmehr verstärkte es meine Frage, was denn da derzeit kollektiv zu lösen ist. Mein Körper möchte nicht mehr so viel sprechen, nicht mehr so viel essen. Die Worte wie auch die Nahrungsmittel möchten sehr bedacht ausgewählt werden. Denn jedes Wort, jeder Schluck ist mit Schmerz verbunden. Da die Schmerzen eine Woche nach dem Fasten auftraten, fragte ich mich, ob das vielleicht noch nachträgliche Entgiftungserscheinungen des Fastens waren. Ganz klar sagen kann ich es natürlich nicht. Aber es liegt nahe. Denn die Lungen sind in der Traditionell Chinesischen Medizin das Ying Organ zum Dickdarm, der beim Fasten eine sehr starke Reinigung erfährt. Darauf gehe ich weiter unten im Text noch ein.

Was uns unsere Lungen zeigen

Die Lungen stehen in der Organsprache für eine positive Lebenseinstellung, Offenheit gegenüber Neuem und Veränderungen, emotionaler Stabilität, Enthusiasmus, Anpassungsfähigkeit und ein intuitives Verständnis für Nähe und Distanz. Vor allem letzteres finde ich bezogen auf den Covid-19 Virus, der sich primär auf den Hals und die Lungen auswirkt, äußerst spannend. Derzeit wird uns ja von Außen, also vom Staat, vorgeschrieben, welchen Abstand wir zu anderen Personen einhalten sollen. Die meisten Menschen halten das auch brav ein. Manche sind vielleicht sogar froh darüber, dass sie nun nicht mehr selbst entscheiden müssen, wie nahe sie einem Menschen kommen. So müssen sie niemanden mehr umarmen, den sie eigentlich gar nicht mögen und sie können sich viel leichter aus Gesprächen ziehen, mit der Begründung, dass sie den anderen bei diesem großen Abstand nicht verstünden. Wieder einmal wird hier erfolgreiche Symptombekämpfung betrieben, anstatt in die Eigenverantwortung zu gehen. Die Verantwortung, dass wir uns selbst zuhören, uns selbst wahrnehmen und ein Verständnis für unsere eigenen Grenzen haben UND diese dann auch noch kommunizieren.

Die Lungen sind das wichtigste Ausscheidungsorgan

Die Lungen versorgen uns unentwegt mit neuem Sauerstoff und tragen verbrauchte Luft ab. Somit sind sie auch ein wichtiges Ausscheidungsorgan. Tatsächlich geschieht diese Ausscheidung zum größten Teil (ca. 70%) über das Ausatmen (Haut: ca 20%, der Rest über Nieren und Darm).

So ist die Lunge eng mit der Haut und dem Dickdarm verbunden. Auch in der Traditionell Chinesischen Medizin ist der Dickdarm das Yang Organ zur Lunge.

So sind Krankheiten, deren Symptome sich primär in der Lunge zeigen, meist auch im Darm verursacht und anders herum genau so.

Was also bedeutet dieses Ein- und Ausatmen für uns, für unsere Emotionen? Wir kommunizieren. Und zwar sowohl mit unserer Außenwelt als auch mit unserer Innenwelt. Doch die Lungen dienen hier nur als Sprachrohr, sie transportieren lediglich das, was wir empfinden. Wenn wir aber keinen guten Kontakt zu unserem Sprachrohr haben, wenn sich unsere Worte unverbunden anfühlen, dann fühlen wir uns sowohl von uns selbst abgeschnitten als auch von der Welt. Wir verlieren an Lebensenergie, fühlen uns depressiv, demotiviert und vereinsamt.

Wo schneidest du dir die Luft ab
– wo schneidest du dich vom Leben ab?

Wieso passiert das überhaupt, dass wir uns so von uns und der Umwelt abtrennen? Nun, das kann verschiedene Gründe haben. Ein Grund ist, dass wir unsere Grenzen nicht in einem gesunden Maße wahren können und unser System deshalb zu radikaleren Methoden greift, um sich zu schützen. Und da wir vor allem durch das Ein- und Ausatmen ständig Dinge in uns aufnehmen oder aus uns herausgeben, ist hier ein besonders gutes Gefühl für Grenzen wichtig.

Sind wir gut im Kontakt mit uns, sind mit uns zufrieden und haben ein gesundes Selbstbewusstsein, dann können wir gut wahrnehmen, was wir reinlassen wollen und was nicht. Und es sollte uns leicht fallen, dies auch zu kommunizieren. Haben wir allerdings oft mit Gefühlen von Schuld und Scham zu kämpfen, so befinden wir uns meist im Dauerstress, unsere Grenzen einzuhalten. Unsere Bedürfnisse auszusprechen bereitet uns Stress – und das kann sich eben auch auf körperlicher Ebene zeigen, zum Beispiel in Form einer Haut-, Lungen-, oder Darmstörung. Stehen wir zu uns, zu unserer Meinung, unseren Bedürfnissen, unseren Gefühlen, unserem Ausdruck, stehen wir zu unserem Handeln und Sein, so erfahren wir Balance. Es geht hier darum, unseren Lebensraum, unser Territorium zu schützen. Und die Fähigkeit diesen einzunehmen und auszufüllen.

Auch hier ist die Nähe zum Darm erkennbar: Beide Organe nehmen auf und scheiden aus. Die Lunge nimmt das Flüchtige auf, jene subtilen Mikroorganismen und energetischen Schwingungen, der Darm kümmert sich um das Feste. Es geht hier also auch um LOSLASSEN bzw. FREIGEBEN.

Was deine Lunge über deine Beziehungen verrät

Die Lunge ist ein paariges Organ, wir besitzen zwei Lungenflügel. So spielen hier auch Themen eine Rolle, die mit Partnerschaft im weitesten Sinne zu tun haben. Es kann hier nicht nur um die Partnerschaft zu deinem Lebenspartner gehen, sondern um alle Menschen, mit denen du in Beziehung trittst. Als Systemikerin zähle ich auch hier das Zwillingsthema, also die frühe Trennung von einem Zwilling im Mutterleib, mit dazu.

Und natürlich geht es hier auch um die Beziehung zu dir selbst. Was musst du mit dir selbst klären? Wo belügst du dich selbst? Wo gehst du mit dir selbst ins Gericht?

Erleuchtungsmomente auf der Toilette

Ich möchte hier noch zwei Erlebnisse von mir teilen: In der ersten Nacht während meiner Mandelentzündung hatte ich sehr intensive Träume. In jedem Traum klärte ich Themen mit gewissen Personen. Nach dem letzten Traum, indem ich mit jemandem heftig stritt, wachte ich auf und wurde von großer Traurigkeit durchgespült.

Am zweiten Tag nach meinem Fastenbrechen fühlte ich mich sehr depressiv, sehr lust- und energielos. Ich hatte nicht mal Energie zu schlafen. Es fühlte sich sinnlos an. Ich kenne diese Gefühlslage von mir sehr gut. Als ich dann irgendwann auf die Toilette ging und seit dem Fasten meinen ersten richtigen Stuhlgang hatte, änderte sich mein ganzes Empfinden schlagartig. Ich musste sogar weinen vor Freude. Es war so ein unbeschreiblich schneller Wandel von tiefer Sinnlosigkeit zu absoluter Lebensfreude, die mich sehr berührte. Diesen Erleuchtungsmoment auf der Toilette werde ich so schnell nicht vergessen. Ein Durchbruch im wahrsten Sinne des Wortes.

Ich hoffe, dass du dich durch meinen Text inspiriert fühlst, dich selbst immer wieder zu fragen, wo deine Grenzen sind. Und auch, wo du vielleicht Grenzen öffnen magst. Wo verbindest du dich, wo schneidest du dich ab? Was oder wer raubt dir die Luft zum Atmen? Wen oder was möchtest du dir mal so richtig zur Brust nehmen? Wen oder was möchtest du nicht loslassen? Fällt es dir leichter ein- oder auszuatmen? Fällt es dir leichter zu geben oder zu nehmen?