Über das Opfern

Ich schäme mich dafür, dass ich nicht mehr die Arbeit gemacht habe, die mir Freude bereitet und in der ich einen Sinn sehe. Zwar hat mir auch das Kochen große Freude bereitet und war für mich an einigen Stellen sinnstiftend. Doch es hat mich faul werden lassen. Und ich erkannte, dass eine bequeme Arbeit nicht die Arbeit ist, die ich tun möchte. Wieso habe ich keine Gestalt-Sessions mehr gegeben?

Setzen wir uns auseinander

Ich war faul, trotz den Corona-Beschränkungen Wege zu finden, dieser Arbeit nachgehen zu können. Ich habe die äußeren Beschränkungen als Weg benutzt, um mich mit meinen eigenen inneren Beschränkungen nicht auseinandersetzen zu müssen.

Dann lese ich hier eine alte Mitschrift aus einem Butoh-Kurs von vor zwei Jahren, die mit der Frage anfängt: „Wie verleugnest du dich?“

Schattenplätzchen

Rückwirkend betrachtet resultiert meine Beschränkung nicht aus fehlendem Willen, Wege zu finden um meine Arbeit weiter zu machen, sondern fehlendem Mut, mich dem Schatten meines Therapeuten-Daseins zu stellen. Immer wieder gibt es da Punkte, an denen ich ganz klar sehe, wo meine Arbeit keine Früchte trägt. Wo sie nicht wirksam ist. Wo ich aus einem Konzept heraus agiere, welches ich selbst nicht ganz durchdrungen habe, oder schon längst hinterfrage.

Es kam einmal eine Familie mit ihrem Sohn, der einfach nicht die Finger vom Süßkram lassen konnte und dadurch krank wurde, zum großen Mahatma Gandhi. Er wurde von ihnen darum gebeten, ihren Sohn zur Vernunft zu bringen, damit er nicht ständig heimlich Süßigkeiten isst. Gandhi sagte schlicht, sie sollen in zwei Wochen nochmal kommen. Die frustrierten Eltern gingen wieder und kamen dann in zwei Wochen nochmal. Gandhi zog den Jungen zu sich und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Danach mied der Kleine allerlei Süßigkeiten und sein Gesundheitszustand verbesserte sich rasch. Die Mutter war sichtlich erstaunt und feierte Gandhi als Wunderheiler. Auf die Frage, was er denn gemacht hätte, antwortete er: „Es war kein Wunder. Ich musste erst selbst die Süßigkeiten aufgeben, bevor ich ihn darum bitten konnte, dasselbe zu tun. Nun sagte ich ihm, dass ich seit zwei Wochen keine Süßigkeiten gegessen habe, und fragte, ob er das jetzt auch probieren wolle.“

Aus: „Wut ist ein Geschenk“, Aron Gandhi

Wenn ich…..nun…also….was Gandhi da macht ist….wo ich mich hinstelle…..da bin. ?!

Ich möchte das erklären, was er da macht. Doch ich kann es nicht.

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Berührtheit. Vibration. Die Wunder passieren im Un-scheinbaren. Der Schein verliert sich, hat keine Substanz mehr. Die Sicht wird klar.

Egal wie groß oder klein ich bin. Egal wie viel Scheiße ich erlebt habe. Egal wie verzweifelt ich bin. Ich kann mich entscheiden. Nein. Anders. Ich entscheide mich die ganze Zeit. Für die Scheiße und die Verzweiflung. Also kann ich mich auch für etwas anderes entscheiden. Zum Beispiel für Neugier. Oder Demut. Oder Liebe.

Kultiviere die Unsicherheit.

Seit Jahren predige ich, dass die Leere, der Raum des Unbekannten, der Raum zwischen den altbekannten Mustern, ein großer Heilungsraum ist.

Und erst Vorgestern erlebte ich mich in einem Abspann ununterbrochener Konfrontation auf einmal selbst in diesem Zwischenraum. Gefühlt war er winzig klein, ganz kurz, ich wollt es fast nicht glauben. Doch die Menschen, die mit mir waren, ließen mich nicht wieder entschwinden. Und dann bin ich so wahnsinnig überrascht, dass da dieser Zwischenraum war, als hätte ich ihn das erste mal erlebt und zum ersten mal in diesem Moment die Antwort auf tausend Fragen gefunden. DIE Wahrheit gefunden. Und frage mich, wieso mir DAS denn nicht früher schon jemand gesagt hat. Und dann sehe ich, dass es mir die ganze Zeit gesagt wird und ich es eigentlich auch schon wusste. Wieso vergesse ich? Wieso vergesse ich dieses so simple Wissen?

Die Weisheit existiert nicht auf Löffeln

Um nun wieder zu meinem Einstiegsthema zurückzukommen, dem Schatten meines Therapeuten-Daseins. Ich möchte es immer wissen. Ich möchte die Richtung angeben. Ich möchte die sein, die die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Dabei handle ich nicht nur aus meiner Liebe heraus, sondern auch aus meiner Angst, Reaktionen zurückzubekommen, die mich in meiner Kompetenz schmälern. Dabei sehe ich selbst die Punkte, in denen ich ungenügend kompetent bin. Aber verdammt nochmal! Ich muss die beste sein! Ich bin mir zu fein, Menschen zu fragen, die um Längen besser sind als ich. Kommt mir gar nicht in die Tüte! Dann bleibe ich lieber in meinem ewigen Kampf, ob ich denn nun mit meiner Arbeit weitermache oder nicht. Und Gottseidank gibt es Corona, der allgegenwärtige Grund, Dinge NICHT zu tun.

Was, wenn wir gar nicht wissen, was wir loslassen müssen?

Der Weg zur Selbstermächtigung führt über den Schritt der Selbstaufgabe. Auch wenn wir vielleicht noch gar nicht wissen, was wir denn da genau aufgeben, wir müssen uns aufgeben, mit unserem vollen gegenwärtigen Wesen, um etwas Neues zu werden. Im weißen Vertrauen, dass das, was uns noch dienlich ist, sich wieder neu erschafft.

Da erhasche ich noch einmal einen Blick auf meine Notiz des Butoh-Workshops vor 2 Jahren und lese den Satz: „Im Tanz musst du alles opfern, was du hast.“ Es klingt dramatisch, obszön. Letztendlich ist das wirkliche Opfern ganz unscheinbar. Wenn du wirklich opferst, dann wirst du ganz klein, zart und leise. Verletzlich stark.

Es ist unser aller Verantwortung, uns immer wieder zu opfern, um nicht Opfer unser selbst zu werden.

Und der obligatorische Werbeblock: Wenn du Bock hast, deine eigenen Zwischenräume zu erkunden und wissen möchtest, wie du die Intelligenz der Unsicherheit nutzen kannst, komm auf mich zu. Entweder in Form einer Einzelsession in meinem Projektladen oder online. Oder im Online-Kurs „Intelligenz des Chaos“.

Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

– ein Update zu meinem „Scham“-Projekt

Mit meiner heutigen Klientin, die sich für mein Schamprojekt bereiterklärte, ging es um Scham vor den eigenen Grenzen.

Grenzen ziehen, seinen eigenen Raum abstecken und diesen wahren, auf ihn Acht geben.

Wirklicher Kontakt entsteht nur an der Grenze. Stell dir vor, du hättest keine Haut, da wäre nichts, einfach nur Luft. Könntest du Kontakt erfahren? Eine andere Person ganz konkret physisch spüren? Könntest du dich selbst als eigenständiges Wesen spüren?

Nein.

So sind also Grenzen eine überlebenswichtige Instanz.

Wenn wir uns für unsere Grenzen schämen, wenn wir uns dafür schämen, ein „Stopp“ zu kommunizieren, laufen wir also Gefahr, kontaktlos zu bleiben. Demnach laufen wir Gefahr, zu verhungern. Denn wo kein Kontakt, da kein Nähren.

Welten, die sich sehr symbiotisch anfühlen, die sich dem Genuss des Ineinander Verschwimmens und Verschlingens hingeben, eine starke Sehnsucht zum Einssein, sind letztlich auch Welten der Kontaktlosigkeit. Wir verlieren uns darin.

Nun erfahre ich Scham auch immer mehr als Teil des Grenzgefühls. Dieser Satz „Ich möchte am liebsten im Boden versinken“ stellt sich für mich paradoxerweise lediglich als Symptom unterdrückter Scham dar.
Wenn ich Scham bewusst spüre, sagt mir mein Körper, dass sich entweder etwas noch nicht ganz sicher anfühlt und ich lieber noch ein bisschen beobachten soll, oder – und das ist letztendlich nur eine andere Sichtweise dafür – er zeigt mir durch die Signalisierung von Scham ganz deutlich, welche Sache in mir lebendig sein möchte, sich gerade anbahnt, geboren werden möchte – und einfach sicherstellen möchte, dass ich (und auch mein Umfeld) auch respektvoll mit ihr umgehe. So verhilft mir Scham, das richtige Tempo zu finden, im Ausdruck meiner Selbst, im Kontakt mit anderen.