Boah, Leben!

Fotografin: Anne Hornemann

Interview mit Katharina Guhlmann zur Projektreihe „Was wäre, wenn wir dieses Corona-Ding als Chance ergreifen?“

Hier wird in den nächsten Tagen das Interview mit Katharina Guhlmann veröffentlicht. Katharina ist freischaffende Musikerin, Leserin im Morphischen Feld und Shiatsu Praktikerin. Zusammen sprechen wir darüber, wie sie die Pandemie persönlich erfährt und welche wertvollen Erkenntnisse und Veränderungen sie aus dieser Zeit lebt.

Leider nimmt die Bearbeitung des Interviews noch ein paar Tage in Anspruch und wird voraussichtlich am 24. April veröffentlicht. Ich werde es aber auch auf Facebook posten, dann kriegst du auch Bescheid.

„Es öffneten sich neue Welten. Erst in mir und dann auch um mich herum.“

Interview mit Silvia zur Projekt-Reihe
„Was wäre, wenn wir dieses Corona-Ding als Chance ergreifen?“

Ganz spontan rief ich auf Facebook dazu auf, ob Menschen Lust haben, darüber zu erzählen, welch positive Erfahrungen und Erkenntnisse sie durch den Lockdown gemacht haben. Und da hatte ich einen Tag später eine Nachricht von Silvia in meinem Postfach. Ich bin mit Silvia schon lange auf Facebook befreundet, aber wir kennen uns nicht persönlich. Wir beide wissen nicht mal genau, wieso wir überhaupt dort befreundet sind. Vielleicht sind wir es genau für DIESE Begegnung, für DIESEN Austausch. Ich bin sehr berührt, dass mir eine fremde Person so viel von sich erzählt. Als Therapeutin bin ich das zwar gewohnt – auch wenn es mich hier noch jedes mal aufs Neue berührt. Doch dass jemand bereit ist, seine Geschichte öffentlich zu teilen und dies in meine Hände zu geben, ist etwas Neues.

Doris: Silvia, wie hast du den ersten Lockdown im Frühjahr erfahren?

Silvia: Als Corona im Frühjahr auftauchte, war ich wegen etwas anderem recht krank. 2019/2020 hatte ich 3 Operationen und hatte sowieso nicht viel Außenkontakt, da ich dadurch sehr auf mich zurückgeworfen war. Deshalb bekam ich von dieser Pandemie nicht wirklich viel mit.

Im Mai war ich wieder gesund und bin zum ersten mal zum Arbeiten auf die Alm. Für 4 Monate. Das war ein sehr besonderes Erlebnis für mich. Dort oben hatte ich auch nicht viele Berührungspunkte mit Corona. Obwohl wir dort auch einen Gastronomiebetrieb führten, gab es wenig Einschränkungen.
Ich hab Corona auch nicht als großes Ding wahrgenommen. Für mich war es nicht wichtig.

Doris: Wie ging es dann im Herbst weiter?

Silvia: Im September hab ich dann eine Ausbildung in einer Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl angefangen.

Erst dort habe ich langsam realisiert, was sich alles verändert hat, während ich hoch oben auf der Alm war: Maske tragen im Unterricht, Abstand halten. Ich fing an stutzig zu werden. Gleichzeitig wollte ich es nicht wahrhaben. Doch ich merkte immer mehr, dass ich es nicht von mir fernhalten kann. Ich musste mich damit auseinandersetzen.
Am schlimmsten war dann die Ausgangssperre ab 21 Uhr. Eigentlich bin ich am Wochenende immer rausgefahren, zu meinem Bauwagen. Mein Rückzugsort.
Auf einmal hab ich mich dort unwohl gefühlt, weil ich ja nach 21 Uhr eigentlich nur dort sein darf, wo ich auch gemeldet bin, also nicht im Bauwagen, sondern in Dinkelsbühl.
Auch wenn ich den Nachbarsbauernhof besuchen ging, war da diese Angst, kontrolliert zu werden. Ich hab versucht mich selbst zu regulieren, der Angst nicht so viel Raum zu geben.

Doris: Wie genau gehst du da mit deinen Ängsten um?
Silvia: Ich muss mir erst darüber bewusst werden, dass ich überhaupt Angst habe. Mir hilft es, der Angst Raum zu geben, bewusst zu atmen und die Angst anzuerkennen. Und mich dann zu fragen, woher die Angst kommt, also wo ihr Ursprung liegt. Ist es eine Angst, die durch ein individuelles Trauma bedingt ist oder ist es eine Urangst, mit der jeder Mensch konfrontiert ist. Dann frage ich mich, was ich mit der Angst mache: Soll sie mich beherrschen, oder finde ich eine andere Lösung? Wie kann ich die Situation verändern? Für mich hieß dann die Lösung: Ich gehe wo anders hin, wo ich mich sicherer fühle.

Doris: An welchem Punkt hast du entschieden, an einen anderen Ort zu gehen?

Silvia: Als dann Mitte Dezember der Online-Unterricht einsetzte, beschloss ich, erstmal wegzugehen. Schließlich kann ich den von überall aus machen. Ich ging also auf einen Hof in Kärnten/Österreich. Dort habe ich von 2015 bis 2018 schon mal gewohnt. Damals verließ ich diesen Hof, da ich dort nicht mehr so viel Verantwortung tragen wollte in Zeiten, wo immer mehr Helfer auf den Hof kamen und es immer enger wurde. Damals waren wir als Hauptverantwortliche lediglich zu zweit. Heute ist es ganz anders, es gibt Arbeitskreise mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten.

Ich bin mit dem Hof stets gut im Kontakt geblieben und so fiel die Entscheidung nicht schwer, für eine Weile dort zurückzukehren. Ich fühle mich hier zu Hause, da ich mich hier sicher fühle. Ich weiß, dass dieser Hof relativ autark bestehen kann, egal was passiert. Er ist ein Sinnbild für mich, dass etwas Bestand hat, wenn man es gut aufbaut.
Letzte Woche war eine Frau zu Gast, die am Ende ihres Aufenthalts sagte: „Wow, ich hab bei meinem Aufenthalt hier bei euch komplett vergessen, dass es Corona gibt.“

Doris: Was hat die Zeit dort für dich bisher gebracht?

Silvia: Nun bin ich also seit Januar wieder hier und hab mich bald darauf verliebt. Ich erfahre hier sehr viel Unterstützung. Auch als es darum ging, zu reflektieren wieso ich diese Schule in Dinkelsbühl denn überhaupt noch mache. Ich habe da erst realisiert, dass wir auf der Schule total wenig aktiv musiziert haben. Nur Theorie gebüffelt. Das war nicht erst seit dem Online-Unterricht so, aber dadurch wurde es mir nochmal bewusster. Meine Kreativität hat extrem gelitten.

Um mir besser vorstellen zu können, wie es ist, nicht mehr dort zu sein, hab ich mich erstmal krank gemeldet. Und die Kreativität kam sofort wieder zurück. Es öffneten sich neue Welten. Erst in mir und dann auch um mich herum. Ich traf eine andere Musikerin, die ich schon von früher kannte, mit der ich sehr viel zusammen musizierte. Sie lud mich dann auch auf einen anderen Hof ein, wo noch mehr Musiker waren.

Doris: Inwiefern hatte Corona Einfluss auf deine Entscheidungen?

Silvia: Diese Entscheidungen so klar zu treffen, das hätte ich glaube ich ohne Corona nicht gemacht. Durch diese Maßnahmen wurde ich quasi dazu gezwungen, mir mein aktuelles Leben genauer anzusehen und inwiefern es wirklich meinen Vorstellungen entspricht.
Corona schließt Türen. Aber öffnet auch Neue.

Vor zwei Wochen hörte ich mir einen Vortrag an, wo es darum geht, wie wir von der Natur lernen, uns zu transformieren (Das Video findet ihr hier). Dort sprach die Frau über eine Göttin, die zwei Vögel auf ihren Schultern sitzen hat, die sie z.B. in Form von Krankheit zu den Menschen sendet, aber nicht um zu zerstören, sondern um auf etwas wichtiges hinzuweisen.

Doris: Wirst du nun länger auf dem Hof in Kärnten bleiben?

Silvia: Ich werde dort nicht längerfristig wohnen, obwohl ich weiß, dass ich willkommen bin.
Ich möchte noch mehr der Musik folgen und auf Höfen wohnen, wo ich mehr Musik machen kann.

Doris: Wie finanzierst du dich?

Silvia: Ich hab‘ auf der Alm das Geld für ein ganzes Jahr verdient und lebe komplett davon. Natürlich lebe ich auf den Höfen sehr kostengünstig, da ich dort mithelfe und Kost und Logis erhalte.

Doris: Wie ist die Arbeit auf der Alm?

Silvia: Es ist sehr, sehr schön und so richtig anstrengend gleichzeitig. Für mich war es eine  grandiose Zeit, weshalb ich diesen Sommer wieder dort arbeite.

Doris: Wie wichtig ist Gemeinschaft in deinen Augen für die neue Zeit?

Silvia: Super, super wichtig!
Ich selbst habe in der Corona-Zeit körperliche Nähe nur sehr wenig gehabt. Ich merke jetzt erst, durch meine neue Liebesbeziehung, wie ausgehungert ich war und wie mein Körper wieder richtig auftankt durch die körperliche Nähe. Wenn sogar das Umarmen wegfällt, entsteht da einerseits ein großer Verlust. Gleichzeitig habe ich auch hiervon gelernt, nämlich meine Grenzen besser zu spüren, wen ich denn überhaupt umarmen will und wen nicht.

Ich bin so froh über diese Hofgemeinschaft, wo mehrere Leute sind, wo Besuch kommt, Austausch da ist. Wo einfach immer Bewegung da ist. Das empfinde ich als ganz wichtig und heilsam.
Ich sehe uns Menschen als Herdentiere. Es gibt dort die Alphamenschen genau so wie die „Mitläufer“, das meine ich keinesfalls abwertend. Jede Rolle ist wichtig und seine eigene Rolle zu finden und zu akzeptieren. Eine Frau, die sich viel damit beschäftigt, sagte zu mir, ich wäre die „Graue Eminenz“. Eher still, eher zurückhaltend, eher im Hintergrund die Fäden ziehend. Wenn ich etwas teile und dann die Aufmerksamkeit spüre, war das für mich früher sehr unangenehm und ich wollte noch weniger sagen.
Nun spüre ich: in mir ist eine stille Autorität, die viel Wissen in sich hat, aber es niemandem überstülpt. Wenn ich etwas gefragt werde, kriegt man nicht immer eine Antwort, sondern eher „schau doch erstmal selbst.“
Dadurch, dass meine Rolle jetzt so klar ist, fühle ich mich darin wohler und verorteter in der Gemeinschaft.
Wie schön und wichtig es ist, wenn jeder seine Rolle findet und annimmt. Egal ob es der Stille oder der Laute ist. Diese Rollen können ja auch wechseln. Viel wichtiger ist das Bewusstsein darüber, wer du in der Gruppe bist und wie du das gestaltest.

Doris: Wie stehst du zu den sozialen Medien als Gemeinschaftsersatz?

Silvia: Ich finde die Vernetzung super und dass man sich über solch große Entfernungen unterhalten kann. In den sozialen Medien zeige ich allerdings nur das, was ich zeigen möchte. In der Gemeinschaft, im direkten sozialen Kontakt werde ich einfach gesehen, mit allem was da ist. Ich kann da nichts vorfiltern oder mir aussuchen, was ich gerade zeigen möchte.

Doris: Wo geht es für dich als nächstes hin?

Silvia: Anfang März werde ich nach Mittelfranken in meine alte Heimat. Danach, im April auf einen Hof in Mecklenburg-Vorpommern und dann nach Zürich. Im Sommer geht’s dann wieder auf die Alm.

Doris: Wieso ist die Entscheidung, auf Höfen zu leben, für dich die Richtige?

Silvia: Das praktische Musizieren steht bei mir sehr im Vordergrund. Auf Höfen und alternativen Wohnprojekten kann ich leichter Menschen finden, mit denen ich gemeinsam musizieren kann. Ich erhoffe mir, dass dort die Möglichkeiten trotz Corona erleichtert werden.

Liebe Silvia, ich danke dir ganz herzlich für dieses schöne Interview. Es hat mich inspiriert, wie klar du deinem Weg folgst.

Du erfährst die Pandemie auch als großartigen Wegweiser und Toröffner? Du möchtest mehr Menschen mit deinen Erfahrungen inspirieren? Dann schreib mir gern eine Nachricht und lass dich von mir interviewen!