Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

Schamgrenzen – Scham vor der eigenen Grenze

– ein Update zu meinem „Scham“-Projekt

Mit meiner heutigen Klientin, die sich für mein Schamprojekt bereiterklärte, ging es um Scham vor den eigenen Grenzen.

Grenzen ziehen, seinen eigenen Raum abstecken und diesen wahren, auf ihn Acht geben.

Wirklicher Kontakt entsteht nur an der Grenze. Stell dir vor, du hättest keine Haut, da wäre nichts, einfach nur Luft. Könntest du Kontakt erfahren? Eine andere Person ganz konkret physisch spüren? Könntest du dich selbst als eigenständiges Wesen spüren?

Nein.

So sind also Grenzen eine überlebenswichtige Instanz.

Wenn wir uns für unsere Grenzen schämen, wenn wir uns dafür schämen, ein „Stopp“ zu kommunizieren, laufen wir also Gefahr, kontaktlos zu bleiben. Demnach laufen wir Gefahr, zu verhungern. Denn wo kein Kontakt, da kein Nähren.

Welten, die sich sehr symbiotisch anfühlen, die sich dem Genuss des Ineinander Verschwimmens und Verschlingens hingeben, eine starke Sehnsucht zum Einssein, sind letztlich auch Welten der Kontaktlosigkeit. Wir verlieren uns darin.

Nun erfahre ich Scham auch immer mehr als Teil des Grenzgefühls. Dieser Satz „Ich möchte am liebsten im Boden versinken“ stellt sich für mich paradoxerweise lediglich als Symptom unterdrückter Scham dar.
Wenn ich Scham bewusst spüre, sagt mir mein Körper, dass sich entweder etwas noch nicht ganz sicher anfühlt und ich lieber noch ein bisschen beobachten soll, oder – und das ist letztendlich nur eine andere Sichtweise dafür – er zeigt mir durch die Signalisierung von Scham ganz deutlich, welche Sache in mir lebendig sein möchte, sich gerade anbahnt, geboren werden möchte – und einfach sicherstellen möchte, dass ich (und auch mein Umfeld) auch respektvoll mit ihr umgehe. So verhilft mir Scham, das richtige Tempo zu finden, im Ausdruck meiner Selbst, im Kontakt mit anderen.

Der Drang nach den Spiegeln, die die eigene Unsicherheit verspiegeln

Der Drang nach den Spiegeln, die die eigene Unsicherheit verspiegeln

– ein Update zu meinem „Scham“-Projekt


Foto © Sabrina Lieb
Manchmal hat man so Stimmen im Kopf, die einem über Monate hinweg sagen, dass man was Bestimmtes tun soll. „Vision“, sagen viele gern dazu. Und man weiß gar nicht so recht wieso man das tun soll. Das sagen die Stimmen einem nicht. Bei mir war es mit dem „Scham“-Projekt so. Ich kann mich nicht mal mehr an den Moment erinnern, an dem diese Stimme zum ersten mal anklopfte. Nur noch verschwommen kommen mir diverse Szenen in den Sinn, wo diese Vision durch mein Köpfchen schwirrt, beispielsweise auf dem Fahrrad sitzend – und immer wieder dieses Bild: „Tauche ein, in die Scham, gehe raus, mit der Kamera und entdecke die Scham fotografisch.“. Nun haben wir uns immer wieder heimlich getroffen, an versteckten Orten, ich und die Scham. Mal hier, mal da, hab ich mich gezeigt mit ihr. Mit einer befreundeten Fotografin mal im Studio getroffen, mal erste Fotos gemacht. Doch Klarheit, wie dieses Projekt nun konkret aussehen soll, die wollte irgendwie nicht so richtig kommen.

Und dennoch drückte es weiter in mir, diesem Projekt nachzugehen.

Also fahre ich ins Elsaß, zu der Person, die mir eigentlich zu aller erst in den Sinn kam, für eine Zusammenarbeit. Ganz zufällig – und eben doch in heimlicher monatelanger Vorbereitung, ergibt sich diese Reise. Vieles heimlich zu machen, das ist ein Symptom meiner Scham. Auch als ich schon da bin, ist es ein sehr vorsichtiges Begegnen mit Sabrina. Auch ein vorsichtiges Begegnen zwischen mir und meiner Unsicherheit. Es drückt immer mehr in mir, diese Heimlichtuerei, sie soll aufhören. Heimlich Schokolade essen, heimlich weinen, mich heimlich hässlich fühlen, heimlich Ideen spinnen. Und auch heimlich diese Crowdfunding-Campagne starten.

Und dann, von jetzt auf gleich, nicht einmal von heute auf morgen, ist dieses Projekt so präsent im Internet. Klar, nur weil es sich für mich nun so präsent anfühlt, schwappt diese Präsenz noch lange nicht zu anderen Menschen über. Das dachte ich eigentlich. Im Übereifer teilte ich also die Seite der Crowdfunding-Campagne in mühevoller Kleinstarbeit mit einer Reihe von Menschen. Die Reaktionen sind gewohnt wertschätzend, manche möchten mich unterstützen, möchten daran teilhaben. Doch wenige spenden Geld. Als ich das immer mehr merke, schleicht sich eine Mauer zwischen mir und das Projekt ein. Ich verliere den Mut und auch die Lust, weiterzumachen. Und ich frage mich, wieso denn auf einmal diese großartige, nährende, tatendrängerische Lust weg ist, nur weil mir nicht gleich hunderte Menschen ihr Geld in die Tasche schieben, für etwas, das noch nicht mal existiert. „Aber ihr müsst doch diesen unsagbaren Wert dieses Projektes sehen!“. „Und ihr müsst mir durch euer Geld Wertschätzung entgegenbringen, dass ich mich vor aller Welt so nackt mache und mich diesem großen Thema Scham widme!“.

Diese Gedanken erkannt, durchfühlt, durchdacht, merke ich, puh, da kommt jetzt irgendwie auch Scham darüber auf. Und vor allem kommt auch Wut mir selbst gegenüber auf, dass ich mir meine Lust so schnell verderbe. Und so darf ich in den unverhofftesten Alltagsmomenten die Scham erforschen.

Gebe ich mir durch den Erhalt von Geld die Erlaubnis, etwas tun zu dürfen?

Und auch wenn der Impuls, es einfach wieder sein zu lassen (weil jetzt halt die Lust nicht mehr da ist) immer noch da ist, so ist die Neugier stärker, dem Ursprung dieses Lustbruchs nachzugehen.

Also mache ich weiter. Schreibe Notizen, lese Texte, antworte auf die Reaktionen der Menschen, denen ich den Crowdfunding-Link geschickt habe. Es fühlt sich nun alles sehr hastig an, sehr gezwungen, alle mit ins Boot holen zu wollen, mit dem heimlichen Bedürfnis, dass dann irgendwie Geld bei rausspringt. Meine Antworten verpacke ich in Worte, die Engagement, Tatendrang und Vernetzertum symbolisieren. Und zwischen den Zeilen huscht immer wieder diese Unlust übers Papier. Wortgewandt wie ich bin, lasse ich mir das nicht anlesen. Schließlich möchte ich gesehen werden und dann bitteschön auch bezahlt werden dafür!

Dann ist da der Tag, ein Sonntag, wo es einfach dann endlich passiert: Sabrina und ich machen Fotos.

Im elsäßischen Wald. Sie in ihrer fotografischen Klarheit und Direktheit, der Wald in seiner gewohnten Kraft und Mütterlichkeit – und ich….ich fühlte mich irgendwie leer und gleichzeitig ganz klar da. Einfach da. Hier, in diesem wunderschönen Wald, nackt, mal auf dem Boden liegend, mal zwischen Bäumen stehend, mal zusammengekrümmt wie ein Embryo.

In keinem Moment verspüre ich Scham – und doch ist sie da. Irgendwie ganz zart, ganz unterstützend. Mich innerlich tragend.

Wir, die zwei Frauen, die sonst so uferlos umherschwimmen, mal halb ertrinkend, mal sich einfach treiben lassend, nach Identität suchend und dann wieder alles wie eine heiße Kartoffel fallen lassen wollend, sind auf einmal so sehr in unserer Klarheit. Es ist ein Erlebnis großer Zufriedenheit, Schönheit und Zeitlosigkeit. Und diese Zufriedenheit setzt sich seitdem fort. Was sich verändern muss, ist mein Umgang mit meiner Rolle in der Gesellschaft. Wie ich mich zeige und vor allem, WIESO ich mich zeige. Der Drang, Bestätigung zu erhalten, indem ich Texte poste, Bilder teile, Gechichten erzähle, er wird kleiner. Fast schmerzlich und doch großartig befreiend schwindet er dahin. Also, wie – und ob überhaupt – soll ich diese Kanäle der sozialen Medien hier nutzen?

Wie ich meine Sensibilität wieder entdeckte

Bildquelle: Instagram/cigarettesandkale

 

Ich wusste nicht, wie verletzlich ich eigentlich bin. Da war diese Hülle, dieser Panzer, der den Kern schützte. So sehr schützte, dass er fast keine Luft mehr bekam. Und langsam verkümmerte, runzlig und ausgezehrt wirkte.

Wer will schon sowas sehen? So etwas Verkümmertes und Verrunzeltes. Niemand. Vor allem nicht ich selbst.

Wenn der Panzer bricht

Nun, ganz tot war dieser Kern dann doch noch nicht. Und so hegte er den Wunsch, dass er mal wieder ein bisschen Tageslicht abbekommt. Und neben meines eigenen Willens waren es auch Menschen, die in mein Leben kamen und mir dabei halfen, meinen Panzer Stück für Stück zu durchbrechen. Dies aus komplett eigener Kraft zu versuchen, ist weitaus energieraubender und langwieriger als es im Team zu tun. Und seinen verkümmerten Kern anderen Menschen zu zeigen, ist nunmal auch Teil des Prozesses, um den man nicht drumrum kommt.
Stück für Stück bekam mein Kern wieder Sauerstoff und Licht. Und mit ihm auch all die Schichten, die ihn noch umgaben und ebenso von dem Panzer geschützt waren.

Erst war es befremdlich. Beängstigend. Beschämend. Doch mein Gegenüber schreckte davor nicht zurück –  vor meiner Scham und dem Anblick meines verkümmerten Kerns. Sich in seiner vollen Scham zu zeigen und ihr komplett, unkontrolliert hinzugeben war für mich ein großer Sprung über meinen eigenen Schatten. Doch dadurch konnte ich dieser Schattenseite – der Scham – wieder mit Würde und Freundschaftlichkeit begegnen.  In diesen intensiven Phasen einen Menschen an seiner Seite zu haben, der dich begleitet, bestärkt und dich liebevoll mit deinen Ängsten konfrontiert, war und ist für mich eine sehr, sehr große Hilfe und schafft natürlich auch unglaublich schöne Kontakte.

„Zerstöre niemandes Empfindsamkeit,
seine/ihre Sensibilität ist sein/ihr Talent.“

(Verfasser unbekannt)

Ja, Sensibilität ist ein Talent. Eines unserer ursprünglichsten Charaktereigenschaften, die jeder von uns in die Wiege gelegt bekommt. Wieso wir dieses Talent nicht mehr genügend achten, ja sogar eher schlecht reden und als etwas betrachten, was nicht gerade von Selbstbewusstsein zeugt, weiß ich nicht.
Aber das zivilisierte Bild eines selbstbewussten Menschen sollte man eh überdenken. Jedenfalls sollte eine gesunde Sensibilität, was ein klares Erkennen und Formulieren von Grenzen sowie das Zulassen von Gefühlen, die mit dem Betreten dieser Grenzen einhergehen, viel ungehemmter gelebt werden können. Wird es aber leider nicht. Ganz und gar nicht. Das macht mich unheimlich traurig. Nein – eher wütend.

Scham, wie schön du doch sein kannst

Auch ich muss und möchte meine Sensibilität noch viel mehr fördern. Lange Zeit wusste ich wie gesagt gar nicht wie sensibel ich tatsächlich war. Ich wollte doch diese starke, mutige, selbstständige, reflektierte Frau sein. Maskuline Weiblichkeit. Weiblichkeit, die vergessen hatte, dass zu ihrer Ganzheitlichkeit neben dem Ausleben der sexuellen Verführerin und der kühnen, modernen Frau des 21. Jahrhunderts auch kindliche Verletzlichkeit und Unsicherheit dazugehören. Diese Seite wieder zuentdecken war – und ist immer noch – für mich eine Erfahrung die mit viel Scham behaftet ist, aber andererseits auch mit einer unglaublichen Erfüllung, Güte und nicht zu vergessen: Genuss. Wahrer Genuss und pure Freude am Leben. Einfach, weil diese Seite von mir endlich da sein darf und genau so wertgeschätzt wird wie die selbstbewusste, reflektierte, erotische Frau die ich bin.

Und am Ende ist Ekstase

Dieses Zulassen – Loslassen – der freie Fall – hat mir in letzter Zeit unglaublich ekstatische Momente beschert. Und den Wunsch in mir eröffnet, dass jeder Mensch, jedes Wesen in den Genuss dieser Ekstase kommen sollte. Eigentlich ist es so unglaublich simpel. Wer, ja verdammt nochmal wer hat eigentlich damit angefangen, Gefühle einzukategorisieren und zu be- und vor allem verurteilen?

 

 

In den nächsten Artikeln möchte ich mit euch einige Momente teilen, in denen ich diese Ekstase erlebt hatte um euch zu inspirieren und euch vielleicht auch einige Werkzeuge und Methoden vorzustellen, die euch dabei helfen können, in eure eigene Ekstase zu kommen.

#youtoo ?

Ich würde mich auch sehr darüber freuen, wenn der eine oder andere den Mut hat seine eigenen Erlebnisse oder Gedanken zu diesem Thema zu teilen.