Auf dem Weg zur Frau

In spiritueller Selbstentwicklung wird viel vom inneren Kind geredet. Wir sollen unser inneres Kind kennenlernen um die ungestillten Bedürfnisse aufzudecken und zu lernen, wie wir sie ihm – dem inneren Kind – nachträglich schenken können. Doch auch unser innerer Teenager steckt noch in uns, mit großem Durst nach Aufmerksamkeit und nichtausgelebten Gefühlen. Mit diesem Text möchte ich dich einladen, auch dieser Lebensphase wieder öfter zu begegnen – dem trotzigen, verunsicherten Teenie in dir. Um durch mehr Würde und Achtung gegenüber diesem Anteil die Lust des Erwachsenseins zu erfahren.
Als Bonus gibts noch eine Portion metaphysikalischen Weitblickkram 😉

Bildquelle: instagram/artbillylikes, Artist unbekannt

 

Taub. Alles war taub. Berührungen ließen mich unberührt. Rührend war lediglich meine Selbstdarstellung. Hatte ich überhaupt jemals meine Sexualität erforscht? War ich jemals ein Teenager, ein Mädchen, auf dem Weg zur Frau, nicht so recht wissend wie es sich beim Sex, oder allgemein in der Gegenwart von Männern, Jungs, verhalten soll? Das unsicher war, ob es das richtige tat, das erst ganz viel Vertrauen brauchte bis der Mann mit ihr schlafen durfte? Oder habe ich schon von Anfang an eine Rolle gespielt? Wohl eher letzteres. Ich suchte mir die der halb-devoten, halb-masochistischen Frau aus, die auch mal auf Schmerzen steht und gerne experimentiert. Auch mal was Verrücktes und Verruchtes macht. Auch mal gerne über ihre Grenzen geht. Weiß, wie sie die Männer um den Finger wickelt. Weiß, wie erotisierend sie sein kann. Doch eigentlich war hinter dieser Rolle ganz viel Unsicherheit. Selbstbewusstes Auftreten bei absoluter Ahnungslosigkeit. Nicht nur eine Devise, die uns im Berufsalltag beigebracht wird.

Dein Körper vergisst nicht

Wenn es da nicht noch diesen Funken an Erinnerung meiner kindlichen Ekstase in meinem Körpergedächtnis gäbe, wäre ich wohl tatsächlich so naiv gewesen und hätte geglaubt, dass das alles war, was man an sexueller Lust hätte erfahren können. Doch irgendwas in mir schrie immer lauter „Hey, Stopp! Hör auf dich selbst zu verarschen! Das ist nicht Fantasia Land! Das ist ne Sackgasse! Du bist nicht die, die du spielst. Es gehört noch so viel mehr zu dir!“.

Aber…wo ist denn nun der prinz, der mich WACHKÜSSt?

Nun hörte ich diese Stimme schon sehr lange. Wusste aber nicht welchen Weg ich stattdessen gehen soll. Ja, verdammt nochmal, was soll ich denn sonst tun?  Ich will doch einfach nur Lust spüren, ist das denn zu viel verlangt? Kann das denn so schwer sein? Ich meine, ich bin doch schon total locker und offen und lasse mich fallen und so. Und wieso ist denn da kein Mann, der einfach nur spürt – SPÜRT – was ich brauche, der mich von meinem Leid erlöst, der meine sexuellen Blockaden heilt, der nicht nur auf seine eigene Geilheit bedacht ist, der mich nicht verdutzt und erschrocken ansieht, wenn ich nach oder während dem Sex weine. Wieso erklärt mir denn niemand, was ich anders machen soll?
Diese Gedanken hatte ich natürlich mit keinem Menschen geteilt. Schließlich war ich ja diese Frau, die so selbstsicher und ungezwungen ihre Sexualität lebt. —– Bullshit.

Ja. Du kannst noch ewig so weitermachen mit deiner Opferhaltung. So wirst du dich irgendwann suhlen in deinem Meer aus Trotz, Selbstmitleid und Männerhass. Doch wenigstens spürst du dann halt IRGENDWAS! Ja, geh so richtig tief rein in deine Verbitterung, lass dich fallen, weine dir ein Meer aus Tränen der Verzweiflung und bade dich darin. Dort wirst du dich wohl fühlen. Zumindest wohlER fühlen. Und dann hole dir ab und zu ein Portiönchen Bestätigung von einem Mann, der dich attraktiv findet. Der dich so richtig geil findet. Oder es sich zumindest einredet, damit er selbst wenigstens einen Hauch von Lust erfährt. Und dann badet gemeinsam, jedoch jeder einsam in seinem eigenen Meer.

Mensch. Oh Mensch. Wie hast du nur die Lust missbraucht. Wie konntest du nur dieses heilige Werkzeug für deine eigene Selbstzerstörung benutzen? Und all das nur, weil du dir selbst nicht mit Achtung begegnest. Deine eigene Empfindsamkeit nicht wertschätzt. 

Den Weg der Frau zu gehen, bedeutet auch Selbstverantwortung zu übernehmen

Der Schmerz, welcher durch die nicht gelebte Lust entstand, wollte gefühlt werden. Tränen wollten vergossen werden. Wut wollte erlöst werden. Verzweiflung wollte sich breitmachen dürfen. Das, was sich da über dieser Ur-Lust ausgebreitet hat über all die Jahre, muss erstmal radikal entfernt werden. Das ist kein kleiner Frühjahrsputz, das ist Restauration. „Die fachgerechte Wiederherstellung von Kunstwerken.“, erzählt mir Google wenn ich Restauration eingebe. Ha. Wie passend. Vielleicht sollten wir uns alle wieder mehr als Kunstwerk betrachten. Wie die Frau auf dem Bild da oben. Aber was Restauration auch beinhaltet ist Zeit. Ja, es braucht Zeit bis das Kunstwerk wieder in seinem vollen Glanze erstrahlt. Also erwarte keine Quantensprünge. Gut Ding will Weile haben. Sei vor allem sehr achtsam beim Erneuern des Grundgerüstes. Ein stabiler Kern ist das wichtigste.

Deshalb möchte ich dir im Folgenden auch von keinen mega abenteuerlichen, zu tiefst tantrischen Erlebnissen erzählen, die ich in der letzten Zeit erfahren durfte und über die ich sehr dankbar bin. Ich möchte dir aber heute von einer kurzen Momentaufnahme aus meinem kleinen Mikro-Kosmos erzählen, die für mich aber große Veränderung brachte und das bloße Erinnern daran mich immer noch nährt.

Du bist ganz – und gleichzeitig teil eines anderen ganzen

Als ich eines Abends Anfang Januar mir einer Gruppe lieber Menschen tanzte, in einer Kapelle irgendwo im tiefsten Unterfranken, und die Freude am Tanz meinen Körper durchdrang und ich mich so wahnsinnig schön, erotisch, weiblich, fühlte – da ertappte ich mich schon wieder dabei, wie ich skeptisch in die Menschenmenge spähte, nach Blicken suchend, die mich beobachteten und sich an meinem wollüstigen Tanz ergötzten. Stattdessen war jeder so in sich gekehrt, ihre Bewegungen waren absichtslos, ruhig und klar ihre Ausstrahlung – und doch versprühten sie Anmut und Feuer.
Doch ich wollte so gern MIT jemandem tanzen, nicht immer alleine tanzen, wollte meine Freude teilen, wollte verschmelzen mit einem anderen Körper. Als ich merkte, dass da absolut niemand war, der sich ebenso nach einer Verschmelzung sehnte, spürte ich wie ich mich immer mehr von meinem Glücksgefühl entfernte und sich Stress und Unzufriedenheit in mir breit machten, so wie ich es leider nur all zu gut kannte. Doch an diesem Abend war ich es leid, schon wieder an diesem Punkt zu brechen. Was also, wenn ich mit mir selbst verschmelze, oder – noch radikaler – wenn ich gar nichts weiter tue als einfach nur DA zu sein? Nicht den Drang zu haben mein Gefühl teilen zu müssen, nach Außen bringen zu müssen? Denn ist es nicht so, dass wir ja eigentlich, rein physikalisch betrachtet, alle schon verschmolzen sind? Wir sind atomare Teilchen, die im Kollektiv eine bestimmte Form ergeben, einen geschlossenen Organismus, ein Mensch zum Beispiel. Gleichzeitig ist dieser Organismus offen, ständig mit seiner Umgebung verbunden. Verschmolzen also. So sind wir ununterbrochen geschlossen und gleichzeitig offen. (wen diese These noch weiter interessiert, der google gern den Begriff „Holon“ oder Arthur Koestler.)

Von dieser Tatsache überzeugt beschloss ich, noch einmal den Raum wahrzunehmen, wie geschützt und gleichzeitig offen er war, wie viel Kraft wir als Gruppe erzeugten und wie viel Kraft ich gleichzeitig als Individuum in mir kultivierte. Und dann war da noch ein weiterer neuer Gedanke: Wie falsch und ungesund ist es doch, sich selbst nicht mindestens genau so attraktiv und schön zu finden, wie die Person, die man im Raum am attraktivsten findet? Wenn ich in mir selbst nicht das Leuchten sehe, ist es doch klar, dass es mich ständig nach Bestätigung dürstet. (eigentlich sollten wir eh jeder Person mit der Intention begegnen ihr Leuchten zu unterstützen, aber das ist ein anderes Thema).

Mit dieser Erkenntnis wich auch die Verstreutheit in mir. Ruhe und Geborgenheit machten sich breit.

Schönheit liegt in der Einfachheit – keep it simple!

Immer öfter stelle ich fest, dass so viele Stressfaktoren um ein vielfaches minimiert wenn nicht gar aufgelöst werden können, wenn wir die Situation aus einem größeren, nicht-ich bezogenen und
nicht-emotionalen Blick betrachten. Eine rationale, vom Verstand dominierte Sichtweise ist also paradoxerweise dann hilfreich, wenn unsere Gefühle durch tief verborgene ungestillte Bedürfnisse oder einfach nur aus völlig menschlicher Unsicherheit verwirrt sind und nicht in ihre volle Kraft kommen können. Dann guck doch einfach mal, was da so für ungesunde Gedankengeister in deinem Organismus herumspuken. Und dann lass sie einfach frei. Dafür brauchst du nicht mal einen Schamanen, Therapeuten oder Coach. Und auch keine Ayuaska-Zeremonie oder ein Selbstheilungs-Retreat in Indien 😉

Ich wünsche dir viel Freude beim Forschen, deine Doris.

#3 Irgendwann ist alles Kunst

Die dicken alten nackten Leute in der Sauna. Kunst. Das ausrangierte 70er-Jahre-braun braune Sofa mit Ketchup-flecken und Zigarettenbrandlöchern auf der Straße. Kunst. Die im Wind tanzende Plastiktüte. Kunst.

Wenn man vom dauerweltverbessernden Revoluzzerdasein irgendwann genug hat, wird man irgendwann gleichgültig. Diese Gleichgültigkeit kann entweder in tatsächliche Gleichgültigkeit münden, so dass das Leben ein einziger grau-brauner Brei aus Arbeit, Schlafen und Essen wird; oder man sieht alles nur noch durch die Künstlerbrille. Was nicht bedeutet, dass alles auf einmal schön ist – für jeden der unter dem Wort „Kunst“ ein Synonym für „schön“ versteht. Nein. Kunst ist wie  – hm – schwer zu beschreiben….(hier folgten Minuten des Sinnierens und sich Aufregens, dass mir keine Definition für Kunst einfällt). Doch. Ja. Kunst ist wie Selbstbewusstsein. Echtes pures Selbstbewusstsein. Die dicke alte nackte Frau, die ihre Falten mit derart charmanter Überzeugung und Selbstverständlichkeit trägt, als hätte sie sie in mühevoller Handarbeit selbst eingenäht. Jede einzelne Falte steht für eine aus ihrem Leben einzigartige Geschichte. Eigentlich nichts anderes als Tattoos. Das ramschige alte Sofa, wie es dort selbstbewusst am Straßenrand steht, stolz auf seine Einzigartigkeit, welche nur durch genau diese Ketschup-Flecken und Brandlöcher entstanden ist und über all die Momente melancholiert, welches es mit seinen Besuchern, die auf ihm Platz nahmen, erlebte. Und der Klassiker. Die im Wind tanzende Plastiktüte. American Beauty. Wer kann sich denn schon so leichtschwebend und grazil fortbewegen?
Kunst ist absurd. Die Menschheit auch.
Oscar sagte einmal, Kunst sei das einzig Ernsthafte auf der Welt, während der Künstler der sei, der nie ernsthaft ist.

Seitdem ich die Kunst wieder in mein Leben gelassen habe, ist es so viel echter. Purer. Reiner. Die Linien werden einerseits immer klarer, andererseits immer abstrakter. Nichts ist für die Ewigkeit. Keine Handlung – und erst recht kein Gedanke. Das ist Macht. Kunst ist Macht.