Corona hat mir den nötigen Tritt in den Hintern gegeben!

Interview mit Thomas Müller-Schöll zur Projektreihe „Was wäre, wenn wir dieses Corona-Ding als Chance ergreifen?“

Thomas Müller-Schöll ist Diplompädagoge, Autor und Coach. Seit rund 18 Jahren setzt er sich als freiberuflicher, künstlerischer Natur- und Mitweltpädagoge aktiv für einen Bildungswandel ein. Seine Projekte wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. von der UNESCO als „Lernort für herausragende Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Der Verein „Schützer der Erde“, den Thomas mit seinen Mitstreitern 2003 gegründet hat, ist inzwischen zu einem exemplarischen Modellprojekt für die Bildung der Zukunft geworden, nämlich: Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, zu lebensfrohen, kritischen und selbstbewussten Menschen heranzuwachsen, die in der Lage sind, eine gerechte, friedliche und gesunde Zukunft unseres Planeten mitzugestalten und ihr Potential voll auszuschöpfen.

Die Pandemie hat Thomas und sein Team nicht daran gehindert, an dieser Vision weiterzuarbeiten. Ganz im Gegenteil. Corona war „der nötige Tritt in den Hintern“.


Doris: Lieber Thomas, wie erging es dir persönlich im ersten Lockdown?

Thomas: Für mich begann diese besondere Zeit schon ein halbes Jahr zuvor, also im Herbst 2019. In mir breitete sich das Gefühl aus, dass ich irgendwie neue Weichen stellen muss. Das, was ich 18 Jahre lang erarbeitet habe, war so wichtig, aber wir konnten mit unseren Kursen immer nur 50 bis 100 Menschen pro Jahr erreichen. Das ging mir zu langsam.
Dieses Gefühl, dass eine Veränderung her muss, eröffnete also für mich den Paukenschlag. Ich meditierte viel und bat um innere Führung. Dann habe ich vor meinem inneren Auge viele depressive Menschen gesehen. Damals habe ich es mit der Klimabewegung in Zusammenhang gebracht.
Für 2020 hatte ich mir dann vorgenommen, ein Buch zu schreiben und das Haus, in dem ich wohne und immer meine eigenen Seminare abgehalten hatte, als Seminarort weiter aus- und aufzubauen. Deshalb hatten wir für dieses Jahr sowieso nur ein einziges, neues Wochenendseminar geplant, das wir selbst leiten wollten. Ansonsten wollten wir externen Seminarleitenden die Möglichkeit geben, in diesem bioveganen Seminarzentrum Seminare abzuhalten.

Doris: Wie ging es dann im Frühjahr weiter?

Thomas: Im März sollte eigentlich das fünftägige Abschlussseminar einer Weiterbildung, die insgesamt 1,5 Jahre dauerte, stattfinden. Noch kurz vor Seminarbeginn dachten wir, dass wir es im Präsenzunterricht durchziehen können. Aber es ging nicht. Also haben wir ganz schnell umgeplant, das war schon mal die erste Herausforderung. Denn normalerweise beruhen unsere Seminare darauf, dass wir eine ganz besondere Atmosphäre gestalten. „Wandlungsraumatmosphäre“ nennen wir das. Wir wollen dabei einen Wohlfühlraum gestalten, wozu neben dem Achten auf die eigenen Bedürfnisse, die Sensibilisierung für die Natur sowie eine Mischung aus körperlicher Bewegung und Reflektion mit dem Inneren und Äußeren dazugehören. Wir waren überrascht, wie gut das auch digital funktionierte. Vielleicht lag es auch daran, dass die Teilnehmenden schon einen langen Weg gemeinsam zurückgelegt hatten und sich gut kannten. Jedenfalls waren wir sehr zufrieden mit dem Abschlussseminar und es war ein super Testlauf für weitere digitale Projekte.
Ich bin ja genau mit dieser Frage, wie ich mit meiner Bildungsarbeit mehr Menschen erreichen kann, in 2020 gestartet. Und Corona hat mir dann den nötigen Tritt in den Hintern gegeben! Plötzlich lief alles ganz schnell. Wir besprachen uns im Team und erarbeiteten die Idee, ein Bildungsangebot auf die Beine zu stellen, welches als begleiteter Online-Selbstlernkurs mit Offline-Aufgaben funktioniert. Außerdem regelmäßige Livestreams, aber anders gestaltet, als man es bisher kennt. Denn Streams im Frontalunterricht, wo einfach einer spricht und die anderen hören halbwegs zu, das entsprach nicht unserer Vision.
Dieses letzte Modul der Seminargruppe war dafür ein super Auftakt. So konnten wir das direkt ausprobieren. Ein wichtiger Teil unserer Vision ist, wieder mehr Nähe und Beziehung zur Natur herzustellen. Deshalb haben wir die Leute auch zwischendurch immer wieder in die Natur geschickt. Das war nicht für alle so einfach zu bewerkstelligen. Genau diese Herausforderungen haben den Teilnehmern total Spaß gemacht und waren wichtige Entwicklungsschritte.

Auch wir als Team freuten uns über diese Veränderungen und neuen Möglichkeiten. Denn durch das Online-Konzept hatten wir während der Pausen sowie der Offline-Aufgaben der Teilnehmenden mehr Zeit und Ruhe für uns als Team, sodass wir immer sofort reflektieren, auswerten und auf unvorhergesehene Situationen reagieren konnten.

Das Team Wandelfreude hat ein Konzept entwickelt, um Wandlungsräume zu gestalten, in denen die gemeinsame Schwarmintelligenz aller Beteiligten dazu genutzt wird, um Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu entwickeln.

Doris: Erkläre mir deine Vision noch etwas genauer.

Thomas: Ich arbeite seit 18 Jahren daran, einen grundlegenden Bildungswandel voranzubringen. Ich hatte mir das Ziel gesetzt, eine möglichst erfolgreiche pädagogische Antwort auf die zunehmende Gefährdung der Erde zu entwickeln und zu etablieren. Ich wollte damit erreichen, dass Menschen verstehen, dass die eigene Gesundheit mit der Gesundheit der Welt zusammenhängt. Wenn ich all meine Beziehungen – zu mir selbst, meinen Mitmenschen, zu Tieren, zur Natur, zur Erde, zu meinem Inneren – überprüfe, dann kann ich erkennen, in welchem Grad ich mich denn nun wirklich vollkommener Gesundheit annähere – und wo ich mir was vormache.

Doris: Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Pandemie für dich?

Thomas: Die Corona-Krise sehe ich als einen deutlichen Warnhinweis, dass eine neue Herangehensweise mehr als nötig ist. Die Konzepte von Medizin und Politik stoßen an vielen Stellen einfach auf Grenzen – auf planetare Grenzen! Impfungen und Mundschutz sind keine ursächliche Lösung – sondern wieder mal nur kurzfristige Symptombekämpfung.

Solange wir uns nicht ändern, werden wir geändert. Wenn wir nicht verstehen, inwiefern wir selbst die Krise mit verursacht haben, wie deshalb auch jeder von uns Teil der Lösung ist, dann wird sich nichts Grundlegendes ändern.

Doris: An welcher Stelle siehst du dich als Teil der Lösung?

Thomas: Meine Aufgabe sehe ich darin, ein pädagogisches Konzept zu entwickeln, welches dem materialistischen Weltbild, das auf der Ausbeutung von Menschen, Tieren und Natur sowie dem Dogma eines ständigen äußeren Wirtschaftswachstums beruht, entgegenwirkt und eine Alternative aufzeigt. Dann kommen da Themen aufs Tablett, die wir in unserer normalen Bildung nicht finden. Um uns der Vision einer friedlichen, gesunden Erde anzunähern, auf der alles Leben geachtet wird, sollten wir uns z.B. von klein auf damit befassen, was ein – im ganzheitlichen Sinne – gesunder Lebensstil ist, ein Lebensstil, der gesund für jeden einzelnen Menschen, aber auch gesund für die Erde und alle Mitlebewesen ist. Dann werden wir uns fragen: Wie ernähre ich mich und wie konsumiere ich, so dass es nicht nur für mich selbst gesund ist, sondern auch zur Heilung der Erde beiträgt? Dann sehe ich die Dinge in einem größeren Maßstab. Das bedeutet auch, sich mit der Natur wieder mehr zu verbinden.
Stattdessen wird im derzeitigen Weltbild die Verbindung zur Natur gekappt und Kinder werden darauf trainiert, ihren Bewegungsdrang zu unterdrücken. Wenn wir wieder zu unserer ursprünglichen, kindlichen Lebendigkeit zurückfinden würden, könnten wir unser Leben viel spontaner und freudiger gestalten. Auch die Beweglichkeit im Gehirn gehört dazu. Die Kinder alle paar Stunden für ein paar Minuten auf den Schulhof rennen zu lassen, ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch die Bewegung im Sportunterricht dient in unserem System nicht in erster Linie der Gesundheit im ganzheitlichen Sinne sowie der Kreativität, sondern ist eher leistungsorientiert. Bewegung wird dort bewertet. Bewegung kann aber auch wortlose Kommunikation, ein spielerisches Aufeinander eingehen sein. Kinder erfinden oft solche Spiele intuitiv, zum Beispiel, indem sie sich beim Trampolinspringen gegenseitig Tiernamen zurufen, wozu die anderen dann spezielle Sprünge erfinden sollen. In einem solchen Spiel werden, ähnlich wie beim Improvisationstanz, innere Bilder und Ideen entwickelt und die Kreativität wird angeregt.

Doris: Wie könnten wir Lösungen für die derzeitige Lage etablieren?

Thomas: Besonders in solchen Krisen ist eigentlich die Schwarmintelligenz gefragt. Wäre unsere Gesellschaft ein Naturvolk, dann würde wir uns im Kreis zusammensetzen und zusammen eine Lösung finden. Unser System entspricht aber eher einer Pyramide im top-down.
Wenn ein Mensch versucht, alleine Ideen zu entwickeln, ist er bei weitem nicht so kreativ. Also können wir uns im guten Sinne gegenseitig anstecken.
Das alte Konzept beruht auf der Hoffnung, äußere Ereignisse, Krisen und Probleme dadurch unter Kontrolle bringen zu können, dass Lösungskonzepte von Oben erarbeitet und für die Menschen vorgegeben werden. Diese Vorgehensweise ist jedoch problematisch, weil sie weder zur Selbstreflexion, zur Selbstverantwortung, noch zum gemeinsamen, kreativen Erfinden von Lösungen beiträgt. Wir sollten stattdessen möglichst viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Lösungsideen einbeziehen, sodass Menschen sich gegenseitig inspirieren und Teil einer gemeinschaftlich erarbeiteten Lösungsstrategie werden können. Das meine ich mit Schwarmintelligenz. Das könnte dann allerdings auch dazu führen, dass Vieles, möglicherweise unser ganzes System, hinterfragt wird, ob es wirklich unsere Gesundheit fördert. Denn je gesünder du im ganzheitlichen Sinne wirst und BIST, umso glücklicher wirst du aus deinem Inneren. Dann wirst du auch immer unabhängiger von äußeren Glücksversprechen der Werbung, dem Konsumrausch, denn du fühlst dich innerlich erfüllt.


Wenn wir uns auf den Weg zu wahrer Gesundheit machen, wird unser Leben spannend. Schon das Wort „Influenza“ finde ich spannend. Aus dem Lateinischen entlehnt, bedeutet es „Einfluss“. Jedes Krankheitsbild hat auch seine psychosomatische Bedeutung. Wenn wir eine Grippe haben, könnten wir sie somit auch als Symbol, als Botschaft unseres Körpers an uns, ansehen. Wir könnten uns also selbst erforschen und fragen, wo, wann und von wem wir uns unverantwortlich „beeinflussen“ – also „anstecken“ lassen und wo wir selbst andere mit unseren eigenen „kranken“, also negativen, abwertenden, gehässigen Gedanken oder Gefühlen beeinflussen bzw manipulieren. Um mir in diesem Sinne selbst auf die Schliche zu kommen, die Ursachen von Krankheiten zu ergründen und die Signale meines Körpers zu verstehen, schaffe und suche ich mir selbst immer wieder bewusst Räume, in denen ich möglichst wenig Einfluss ausgesetzt bin. Z.B. in Räumen der Stille, der Meditation. Oder in der Natur.

„Verbindung zur Natur, Lebensfreude, kreative, spielerische Bewegung und Improvisation sollten mehr Raum in schulischer Bildung erhalten, da sie für einen ganzheitlich gesunden Lebensstil essentiell sind“

Doris: Wie wird euer aktuelles digitales Projekt angenommen?

Thomas: Ich hatte 2020 zwei Anfragen bekommen. Einmal für ein Seminar zum Thema Ernährungsbildung und einmal für ein fünftägiges Natur- und Mitweltbildungsprojekt mit einer Schule. Als dann spätestens Mitte Mai klar war, dass diese Seminare nicht im Präsenzmodus stattfinden können, bot ich den Institutionen an, es digital zu machen. Auch hier sah ich wieder den Gewinn statt den Verlust: z.B. dass die Erzieher gleich ihre eigenen Kinder und restlichen Familienmitglieder mit einbeziehen können, weil sie eben von zu Hause aus teilnehmen. Oder, dass ich die Schulklasse nur aus der Ferne begleite, sie mich mit einem Beamer auf einer Leinwand sehen, um dann gemeinsam mit ihren Begleitern in die Natur zu gehen und die Methoden zu erproben, sodass ich die Begleiter gleich mitschulen kann.
Es entstand in unserem Team nach und nach das Bild, dass sich viele kleine, lokale Präsenzgruppen bilden, selbst wenn eine Gruppe nur aus zwei Menschen besteht. So bilden sich viele kleine Inseln, die insgesamt ein größeres Netzwerk ergeben und so noch eine viel größere Wirkung erzielen.

Die Schule war gegenüber der digitalen Option allerdings noch skeptisch, da die Idee noch nicht erprobt war. So erkannten wir, dass wir erst mal einen Testballon brauchen. Wir haben Filme geschnitten, worin wir unser Konzept vorstellen, als auch Filme für unsere Methoden erarbeitet. Außerdem haben wir unser Konzept für eine Präsenz auf den sozialen Netzwerken weiter ausgebaut. Im Oktober haben wir dann die erste Testveranstaltung gemacht und uns Schritt für Schritt immer weiter rangetastet.

Wir möchten den Menschen Anregungen geben, wie sie Medien sinnvoll benutzen und vor allem: wie sie ein besseres Miteinander aufbauen.
Es erfüllt mich und macht mich glücklich, dass ich durch Corona eine noch größere Vision gewonnen habe und diese immer mehr lebe.


Vielen Dank lieber Thomas für dieses inspirierende und sinnstiftende Interview!

Mehr Informationen zu Thomas‘ Bildungsprojekt Wandelfreude erhältst du hier .
Zum Verein „Schützer der Erde“ geht’s hier entlang.