Der Drang nach den Spiegeln, die die eigene Unsicherheit verspiegeln

Der Drang nach den Spiegeln, die die eigene Unsicherheit verspiegeln

– ein Update zu meinem „Scham“-Projekt


Foto © Sabrina Lieb
Manchmal hat man so Stimmen im Kopf, die einem über Monate hinweg sagen, dass man was Bestimmtes tun soll. „Vision“, sagen viele gern dazu. Und man weiß gar nicht so recht wieso man das tun soll. Das sagen die Stimmen einem nicht. Bei mir war es mit dem „Scham“-Projekt so. Ich kann mich nicht mal mehr an den Moment erinnern, an dem diese Stimme zum ersten mal anklopfte. Nur noch verschwommen kommen mir diverse Szenen in den Sinn, wo diese Vision durch mein Köpfchen schwirrt, beispielsweise auf dem Fahrrad sitzend – und immer wieder dieses Bild: „Tauche ein, in die Scham, gehe raus, mit der Kamera und entdecke die Scham fotografisch.“. Nun haben wir uns immer wieder heimlich getroffen, an versteckten Orten, ich und die Scham. Mal hier, mal da, hab ich mich gezeigt mit ihr. Mit einer befreundeten Fotografin mal im Studio getroffen, mal erste Fotos gemacht. Doch Klarheit, wie dieses Projekt nun konkret aussehen soll, die wollte irgendwie nicht so richtig kommen.

Und dennoch drückte es weiter in mir, diesem Projekt nachzugehen.

Also fahre ich ins Elsaß, zu der Person, die mir eigentlich zu aller erst in den Sinn kam, für eine Zusammenarbeit. Ganz zufällig – und eben doch in heimlicher monatelanger Vorbereitung, ergibt sich diese Reise. Vieles heimlich zu machen, das ist ein Symptom meiner Scham. Auch als ich schon da bin, ist es ein sehr vorsichtiges Begegnen mit Sabrina. Auch ein vorsichtiges Begegnen zwischen mir und meiner Unsicherheit. Es drückt immer mehr in mir, diese Heimlichtuerei, sie soll aufhören. Heimlich Schokolade essen, heimlich weinen, mich heimlich hässlich fühlen, heimlich Ideen spinnen. Und auch heimlich diese Crowdfunding-Campagne starten.

Und dann, von jetzt auf gleich, nicht einmal von heute auf morgen, ist dieses Projekt so präsent im Internet. Klar, nur weil es sich für mich nun so präsent anfühlt, schwappt diese Präsenz noch lange nicht zu anderen Menschen über. Das dachte ich eigentlich. Im Übereifer teilte ich also die Seite der Crowdfunding-Campagne in mühevoller Kleinstarbeit mit einer Reihe von Menschen. Die Reaktionen sind gewohnt wertschätzend, manche möchten mich unterstützen, möchten daran teilhaben. Doch wenige spenden Geld. Als ich das immer mehr merke, schleicht sich eine Mauer zwischen mir und das Projekt ein. Ich verliere den Mut und auch die Lust, weiterzumachen. Und ich frage mich, wieso denn auf einmal diese großartige, nährende, tatendrängerische Lust weg ist, nur weil mir nicht gleich hunderte Menschen ihr Geld in die Tasche schieben, für etwas, das noch nicht mal existiert. „Aber ihr müsst doch diesen unsagbaren Wert dieses Projektes sehen!“. „Und ihr müsst mir durch euer Geld Wertschätzung entgegenbringen, dass ich mich vor aller Welt so nackt mache und mich diesem großen Thema Scham widme!“.

Diese Gedanken erkannt, durchfühlt, durchdacht, merke ich, puh, da kommt jetzt irgendwie auch Scham darüber auf. Und vor allem kommt auch Wut mir selbst gegenüber auf, dass ich mir meine Lust so schnell verderbe. Und so darf ich in den unverhofftesten Alltagsmomenten die Scham erforschen.

Gebe ich mir durch den Erhalt von Geld die Erlaubnis, etwas tun zu dürfen?

Und auch wenn der Impuls, es einfach wieder sein zu lassen (weil jetzt halt die Lust nicht mehr da ist) immer noch da ist, so ist die Neugier stärker, dem Ursprung dieses Lustbruchs nachzugehen.

Also mache ich weiter. Schreibe Notizen, lese Texte, antworte auf die Reaktionen der Menschen, denen ich den Crowdfunding-Link geschickt habe. Es fühlt sich nun alles sehr hastig an, sehr gezwungen, alle mit ins Boot holen zu wollen, mit dem heimlichen Bedürfnis, dass dann irgendwie Geld bei rausspringt. Meine Antworten verpacke ich in Worte, die Engagement, Tatendrang und Vernetzertum symbolisieren. Und zwischen den Zeilen huscht immer wieder diese Unlust übers Papier. Wortgewandt wie ich bin, lasse ich mir das nicht anlesen. Schließlich möchte ich gesehen werden und dann bitteschön auch bezahlt werden dafür!

Dann ist da der Tag, ein Sonntag, wo es einfach dann endlich passiert: Sabrina und ich machen Fotos.

Im elsäßischen Wald. Sie in ihrer fotografischen Klarheit und Direktheit, der Wald in seiner gewohnten Kraft und Mütterlichkeit – und ich….ich fühlte mich irgendwie leer und gleichzeitig ganz klar da. Einfach da. Hier, in diesem wunderschönen Wald, nackt, mal auf dem Boden liegend, mal zwischen Bäumen stehend, mal zusammengekrümmt wie ein Embryo.

In keinem Moment verspüre ich Scham – und doch ist sie da. Irgendwie ganz zart, ganz unterstützend. Mich innerlich tragend.

Wir, die zwei Frauen, die sonst so uferlos umherschwimmen, mal halb ertrinkend, mal sich einfach treiben lassend, nach Identität suchend und dann wieder alles wie eine heiße Kartoffel fallen lassen wollend, sind auf einmal so sehr in unserer Klarheit. Es ist ein Erlebnis großer Zufriedenheit, Schönheit und Zeitlosigkeit. Und diese Zufriedenheit setzt sich seitdem fort. Was sich verändern muss, ist mein Umgang mit meiner Rolle in der Gesellschaft. Wie ich mich zeige und vor allem, WIESO ich mich zeige. Der Drang, Bestätigung zu erhalten, indem ich Texte poste, Bilder teile, Gechichten erzähle, er wird kleiner. Fast schmerzlich und doch großartig befreiend schwindet er dahin. Also, wie – und ob überhaupt – soll ich diese Kanäle der sozialen Medien hier nutzen?