Alles in (der) Ordnung?

Alles in (der) Ordnung?

Die drei systemischen Grunddynamiken Ordnung | Bindung | Ausgleich von Geben und Nehmen

Du wünschst dir einen anderen Job, mehr Geld, einen Partner, vielleicht sind es auch nur „kleine“ Dinge im Leben, die du dir wortwörtlich in einer anderen Ordnung vorstellst.


Da die oben benannten Themen für viele ziemlich groß sind, möchte ich dir den systemischen Blick darauf anhand eines anderen Beispiels erklären: Du spürst, dass dieses eine Projekt eigentlich zu viel ist, eigentlich nicht passt, aber aus Angst, dann weniger Geld/Aufmerksamkeit/Kontakte etc zu haben, wurschtelst du dich irgendwie durch. Was würde anstelle dieses Projektes stehen? Wie würde dieser Platz gefüllt werden? Mit mehr Zeit für Self-care, Kreativität, Tanz, Musik, Lust, Sex, Träumen, mehr Geld? Oder mit Grübelei, Armut, Versagensangst? So genau weiß man’s vorher nicht.

Oder doch?

Jedes System baut sich aus 3 Grunddynamiken auf: Ordnung | Bindung | Ausgleich von Geben und Nehmen. Wenn wir uns selbst Vertrauen, dann wissen wir, wir haben ein millimetergenaues Gefühl dafür, ob etwas in unserem Leben am richtigen Platz ist oder nicht. Egal ob es nun der Partner ist, ein berufliches Projekt, oder ein innerer Anteil. Wieso also haben wir Angst davor, alles an seinen richtigen Platz zu bringen? Hier kommt die Dynamik der Bindung ins Spiel. Aus frühkindlichen Verlustängsten – Bindungstraumata wird an manchen Stellen im Leben die Angst vor Verlust so übermächtig, dass das Gefühl darunter fast dem Sterben gleicht. Dieses Gefühl kann auch aufkommen, wenn wir uns voll und ganz auf jemanden oder etwas einlassen wollen. Je mehr wir uns dem nähern, desto größer wird die Verlustangst.

Wie schwingts?

Das dritte Gesetz, Ausgleich zwischen Geben und Nehmen, ist ebenso von elementarer Bedeutung. Es kann jedoch nicht einsetzen, wenn die zwei ersten Grunddynamiken nicht stimmig sind. Wenn etwas eh nicht in seiner Ordnung ist, kann da auch kein Austausch stattfinden. Wenn du ständig Angst hast, verlassen zu werden (= Bindungsdynamik), wirst du aus dieser Angst heraus in Beziehungen womöglich ständig zum Retter. Du gibst und gibst und gibst, um den anderen an dich zu binden. Auch das Gegenteil kann der Fall sein: Du lässt dich auf nix ein, bist aus Prinzip erstmal skeptisch, wenn dir jemand was gibt, weil da doch eh immer was Egoistisches dahintersteckt.
Wenn etwas ausgeglichen „schwingt“, dann spürst du das. Dann gibt es da kein Grübeln, ob du nun deinem Partner was zurückschenken musst, weil er dir einen Strauß Blumen mitgebracht hast oder ständig das Bad putzt. Du spürst, ob es im Ausgleich ist.

Das Konzept des Systemischen Aufstellens zeigt in vielen Fällen sehr leicht und deutlich auf, welche Grunddynamik bei deinem Problem nicht gegeben ist.

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Genau diese Basis der drei Grunddynamiken ist der Ursprung für dein/deine _____________


Wenn du magst, schreib die Antwort in die Kommentare.

„Boah, Leben!“

Fotografin: Anne Hornemann

Interview mit Katharina Guhlmann zur Projektreihe „Was wäre, wenn wir dieses Corona-Ding als Chance ergreifen?“

Katharina ist freischaffende Musikerin, Violinpädagogin, Leserin im Morphischen Feld und Shiatsu Praktikerin. Zusammen sprechen wir darüber, wie sie die Pandemie persönlich wahrnimmt, als auch als Teil der Kulturbranche, die von der Krise sehr stark betroffen ist. Sie erzählt, dass sie Krisen immer wieder als sehr bereichernd erfährt und durch sie immer wieder an diese ganz speziellen Gnadenmomente in Kontakt kommt, in denen das Leben am stärksten zu spüren ist.

Mehr zu Katharina erfahrt ihr auf ihrer Website www.katharina-guhlmann.de.
Den Kurzfilm zum ihrem Projekt „Wie ist das mit der Improvisation?“ könnt ihr euch hier anschauen.

Corona hat mir den nötigen Tritt in den Hintern gegeben!

Interview mit Thomas Müller-Schöll zur Projektreihe „Was wäre, wenn wir dieses Corona-Ding als Chance ergreifen?“

Thomas Müller-Schöll ist Diplompädagoge, Autor und Coach. Seit rund 18 Jahren setzt er sich als freiberuflicher, künstlerischer Natur- und Mitweltpädagoge aktiv für einen Bildungswandel ein. Seine Projekte wurden vielfach ausgezeichnet, u.a. von der UNESCO als „Lernort für herausragende Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Der Verein „Schützer der Erde“, den Thomas mit seinen Mitstreitern 2003 gegründet hat, ist inzwischen zu einem exemplarischen Modellprojekt für die Bildung der Zukunft geworden, nämlich: Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, zu lebensfrohen, kritischen und selbstbewussten Menschen heranzuwachsen, die in der Lage sind, eine gerechte, friedliche und gesunde Zukunft unseres Planeten mitzugestalten und ihr Potential voll auszuschöpfen.

Die Pandemie hat Thomas und sein Team nicht daran gehindert, an dieser Vision weiterzuarbeiten. Ganz im Gegenteil. Corona war „der nötige Tritt in den Hintern“.


Doris: Lieber Thomas, wie erging es dir persönlich im ersten Lockdown?

Thomas: Für mich begann diese besondere Zeit schon ein halbes Jahr zuvor, also im Herbst 2019. In mir breitete sich das Gefühl aus, dass ich irgendwie neue Weichen stellen muss. Das, was ich 18 Jahre lang erarbeitet habe, war so wichtig, aber wir konnten mit unseren Kursen immer nur 50 bis 100 Menschen pro Jahr erreichen. Das ging mir zu langsam.
Dieses Gefühl, dass eine Veränderung her muss, eröffnete also für mich den Paukenschlag. Ich meditierte viel und bat um innere Führung. Dann habe ich vor meinem inneren Auge viele depressive Menschen gesehen. Damals habe ich es mit der Klimabewegung in Zusammenhang gebracht.
Für 2020 hatte ich mir dann vorgenommen, ein Buch zu schreiben und das Haus, in dem ich wohne und immer meine eigenen Seminare abgehalten hatte, als Seminarort weiter aus- und aufzubauen. Deshalb hatten wir für dieses Jahr sowieso nur ein einziges, neues Wochenendseminar geplant, das wir selbst leiten wollten. Ansonsten wollten wir externen Seminarleitenden die Möglichkeit geben, in diesem bioveganen Seminarzentrum Seminare abzuhalten.

Doris: Wie ging es dann im Frühjahr weiter?

Thomas: Im März sollte eigentlich das fünftägige Abschlussseminar einer Weiterbildung, die insgesamt 1,5 Jahre dauerte, stattfinden. Noch kurz vor Seminarbeginn dachten wir, dass wir es im Präsenzunterricht durchziehen können. Aber es ging nicht. Also haben wir ganz schnell umgeplant, das war schon mal die erste Herausforderung. Denn normalerweise beruhen unsere Seminare darauf, dass wir eine ganz besondere Atmosphäre gestalten. „Wandlungsraumatmosphäre“ nennen wir das. Wir wollen dabei einen Wohlfühlraum gestalten, wozu neben dem Achten auf die eigenen Bedürfnisse, die Sensibilisierung für die Natur sowie eine Mischung aus körperlicher Bewegung und Reflektion mit dem Inneren und Äußeren dazugehören. Wir waren überrascht, wie gut das auch digital funktionierte. Vielleicht lag es auch daran, dass die Teilnehmenden schon einen langen Weg gemeinsam zurückgelegt hatten und sich gut kannten. Jedenfalls waren wir sehr zufrieden mit dem Abschlussseminar und es war ein super Testlauf für weitere digitale Projekte.
Ich bin ja genau mit dieser Frage, wie ich mit meiner Bildungsarbeit mehr Menschen erreichen kann, in 2020 gestartet. Und Corona hat mir dann den nötigen Tritt in den Hintern gegeben! Plötzlich lief alles ganz schnell. Wir besprachen uns im Team und erarbeiteten die Idee, ein Bildungsangebot auf die Beine zu stellen, welches als begleiteter Online-Selbstlernkurs mit Offline-Aufgaben funktioniert. Außerdem regelmäßige Livestreams, aber anders gestaltet, als man es bisher kennt. Denn Streams im Frontalunterricht, wo einfach einer spricht und die anderen hören halbwegs zu, das entsprach nicht unserer Vision.
Dieses letzte Modul der Seminargruppe war dafür ein super Auftakt. So konnten wir das direkt ausprobieren. Ein wichtiger Teil unserer Vision ist, wieder mehr Nähe und Beziehung zur Natur herzustellen. Deshalb haben wir die Leute auch zwischendurch immer wieder in die Natur geschickt. Das war nicht für alle so einfach zu bewerkstelligen. Genau diese Herausforderungen haben den Teilnehmern total Spaß gemacht und waren wichtige Entwicklungsschritte.

Auch wir als Team freuten uns über diese Veränderungen und neuen Möglichkeiten. Denn durch das Online-Konzept hatten wir während der Pausen sowie der Offline-Aufgaben der Teilnehmenden mehr Zeit und Ruhe für uns als Team, sodass wir immer sofort reflektieren, auswerten und auf unvorhergesehene Situationen reagieren konnten.

Das Team Wandelfreude hat ein Konzept entwickelt, um Wandlungsräume zu gestalten, in denen die gemeinsame Schwarmintelligenz aller Beteiligten dazu genutzt wird, um Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu entwickeln.

Doris: Erkläre mir deine Vision noch etwas genauer.

Thomas: Ich arbeite seit 18 Jahren daran, einen grundlegenden Bildungswandel voranzubringen. Ich hatte mir das Ziel gesetzt, eine möglichst erfolgreiche pädagogische Antwort auf die zunehmende Gefährdung der Erde zu entwickeln und zu etablieren. Ich wollte damit erreichen, dass Menschen verstehen, dass die eigene Gesundheit mit der Gesundheit der Welt zusammenhängt. Wenn ich all meine Beziehungen – zu mir selbst, meinen Mitmenschen, zu Tieren, zur Natur, zur Erde, zu meinem Inneren – überprüfe, dann kann ich erkennen, in welchem Grad ich mich denn nun wirklich vollkommener Gesundheit annähere – und wo ich mir was vormache.

Doris: Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Pandemie für dich?

Thomas: Die Corona-Krise sehe ich als einen deutlichen Warnhinweis, dass eine neue Herangehensweise mehr als nötig ist. Die Konzepte von Medizin und Politik stoßen an vielen Stellen einfach auf Grenzen – auf planetare Grenzen! Impfungen und Mundschutz sind keine ursächliche Lösung – sondern wieder mal nur kurzfristige Symptombekämpfung.

Solange wir uns nicht ändern, werden wir geändert. Wenn wir nicht verstehen, inwiefern wir selbst die Krise mit verursacht haben, wie deshalb auch jeder von uns Teil der Lösung ist, dann wird sich nichts Grundlegendes ändern.

Doris: An welcher Stelle siehst du dich als Teil der Lösung?

Thomas: Meine Aufgabe sehe ich darin, ein pädagogisches Konzept zu entwickeln, welches dem materialistischen Weltbild, das auf der Ausbeutung von Menschen, Tieren und Natur sowie dem Dogma eines ständigen äußeren Wirtschaftswachstums beruht, entgegenwirkt und eine Alternative aufzeigt. Dann kommen da Themen aufs Tablett, die wir in unserer normalen Bildung nicht finden. Um uns der Vision einer friedlichen, gesunden Erde anzunähern, auf der alles Leben geachtet wird, sollten wir uns z.B. von klein auf damit befassen, was ein – im ganzheitlichen Sinne – gesunder Lebensstil ist, ein Lebensstil, der gesund für jeden einzelnen Menschen, aber auch gesund für die Erde und alle Mitlebewesen ist. Dann werden wir uns fragen: Wie ernähre ich mich und wie konsumiere ich, so dass es nicht nur für mich selbst gesund ist, sondern auch zur Heilung der Erde beiträgt? Dann sehe ich die Dinge in einem größeren Maßstab. Das bedeutet auch, sich mit der Natur wieder mehr zu verbinden.
Stattdessen wird im derzeitigen Weltbild die Verbindung zur Natur gekappt und Kinder werden darauf trainiert, ihren Bewegungsdrang zu unterdrücken. Wenn wir wieder zu unserer ursprünglichen, kindlichen Lebendigkeit zurückfinden würden, könnten wir unser Leben viel spontaner und freudiger gestalten. Auch die Beweglichkeit im Gehirn gehört dazu. Die Kinder alle paar Stunden für ein paar Minuten auf den Schulhof rennen zu lassen, ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch die Bewegung im Sportunterricht dient in unserem System nicht in erster Linie der Gesundheit im ganzheitlichen Sinne sowie der Kreativität, sondern ist eher leistungsorientiert. Bewegung wird dort bewertet. Bewegung kann aber auch wortlose Kommunikation, ein spielerisches Aufeinander eingehen sein. Kinder erfinden oft solche Spiele intuitiv, zum Beispiel, indem sie sich beim Trampolinspringen gegenseitig Tiernamen zurufen, wozu die anderen dann spezielle Sprünge erfinden sollen. In einem solchen Spiel werden, ähnlich wie beim Improvisationstanz, innere Bilder und Ideen entwickelt und die Kreativität wird angeregt.

Doris: Wie könnten wir Lösungen für die derzeitige Lage etablieren?

Thomas: Besonders in solchen Krisen ist eigentlich die Schwarmintelligenz gefragt. Wäre unsere Gesellschaft ein Naturvolk, dann würde wir uns im Kreis zusammensetzen und zusammen eine Lösung finden. Unser System entspricht aber eher einer Pyramide im top-down.
Wenn ein Mensch versucht, alleine Ideen zu entwickeln, ist er bei weitem nicht so kreativ. Also können wir uns im guten Sinne gegenseitig anstecken.
Das alte Konzept beruht auf der Hoffnung, äußere Ereignisse, Krisen und Probleme dadurch unter Kontrolle bringen zu können, dass Lösungskonzepte von Oben erarbeitet und für die Menschen vorgegeben werden. Diese Vorgehensweise ist jedoch problematisch, weil sie weder zur Selbstreflexion, zur Selbstverantwortung, noch zum gemeinsamen, kreativen Erfinden von Lösungen beiträgt. Wir sollten stattdessen möglichst viele Menschen mit ihren unterschiedlichen Lösungsideen einbeziehen, sodass Menschen sich gegenseitig inspirieren und Teil einer gemeinschaftlich erarbeiteten Lösungsstrategie werden können. Das meine ich mit Schwarmintelligenz. Das könnte dann allerdings auch dazu führen, dass Vieles, möglicherweise unser ganzes System, hinterfragt wird, ob es wirklich unsere Gesundheit fördert. Denn je gesünder du im ganzheitlichen Sinne wirst und BIST, umso glücklicher wirst du aus deinem Inneren. Dann wirst du auch immer unabhängiger von äußeren Glücksversprechen der Werbung, dem Konsumrausch, denn du fühlst dich innerlich erfüllt.


Wenn wir uns auf den Weg zu wahrer Gesundheit machen, wird unser Leben spannend. Schon das Wort „Influenza“ finde ich spannend. Aus dem Lateinischen entlehnt, bedeutet es „Einfluss“. Jedes Krankheitsbild hat auch seine psychosomatische Bedeutung. Wenn wir eine Grippe haben, könnten wir sie somit auch als Symbol, als Botschaft unseres Körpers an uns, ansehen. Wir könnten uns also selbst erforschen und fragen, wo, wann und von wem wir uns unverantwortlich „beeinflussen“ – also „anstecken“ lassen und wo wir selbst andere mit unseren eigenen „kranken“, also negativen, abwertenden, gehässigen Gedanken oder Gefühlen beeinflussen bzw manipulieren. Um mir in diesem Sinne selbst auf die Schliche zu kommen, die Ursachen von Krankheiten zu ergründen und die Signale meines Körpers zu verstehen, schaffe und suche ich mir selbst immer wieder bewusst Räume, in denen ich möglichst wenig Einfluss ausgesetzt bin. Z.B. in Räumen der Stille, der Meditation. Oder in der Natur.

„Verbindung zur Natur, Lebensfreude, kreative, spielerische Bewegung und Improvisation sollten mehr Raum in schulischer Bildung erhalten, da sie für einen ganzheitlich gesunden Lebensstil essentiell sind“

Doris: Wie wird euer aktuelles digitales Projekt angenommen?

Thomas: Ich hatte 2020 zwei Anfragen bekommen. Einmal für ein Seminar zum Thema Ernährungsbildung und einmal für ein fünftägiges Natur- und Mitweltbildungsprojekt mit einer Schule. Als dann spätestens Mitte Mai klar war, dass diese Seminare nicht im Präsenzmodus stattfinden können, bot ich den Institutionen an, es digital zu machen. Auch hier sah ich wieder den Gewinn statt den Verlust: z.B. dass die Erzieher gleich ihre eigenen Kinder und restlichen Familienmitglieder mit einbeziehen können, weil sie eben von zu Hause aus teilnehmen. Oder, dass ich die Schulklasse nur aus der Ferne begleite, sie mich mit einem Beamer auf einer Leinwand sehen, um dann gemeinsam mit ihren Begleitern in die Natur zu gehen und die Methoden zu erproben, sodass ich die Begleiter gleich mitschulen kann.
Es entstand in unserem Team nach und nach das Bild, dass sich viele kleine, lokale Präsenzgruppen bilden, selbst wenn eine Gruppe nur aus zwei Menschen besteht. So bilden sich viele kleine Inseln, die insgesamt ein größeres Netzwerk ergeben und so noch eine viel größere Wirkung erzielen.

Die Schule war gegenüber der digitalen Option allerdings noch skeptisch, da die Idee noch nicht erprobt war. So erkannten wir, dass wir erst mal einen Testballon brauchen. Wir haben Filme geschnitten, worin wir unser Konzept vorstellen, als auch Filme für unsere Methoden erarbeitet. Außerdem haben wir unser Konzept für eine Präsenz auf den sozialen Netzwerken weiter ausgebaut. Im Oktober haben wir dann die erste Testveranstaltung gemacht und uns Schritt für Schritt immer weiter rangetastet.

Wir möchten den Menschen Anregungen geben, wie sie Medien sinnvoll benutzen und vor allem: wie sie ein besseres Miteinander aufbauen.
Es erfüllt mich und macht mich glücklich, dass ich durch Corona eine noch größere Vision gewonnen habe und diese immer mehr lebe.


Vielen Dank lieber Thomas für dieses inspirierende und sinnstiftende Interview!

Mehr Informationen zu Thomas‘ Bildungsprojekt Wandelfreude erhältst du hier .
Zum Verein „Schützer der Erde“ geht’s hier entlang.

„Es öffneten sich neue Welten. Erst in mir und dann auch um mich herum.“

Interview mit Silvia zur Projekt-Reihe
„Was wäre, wenn wir dieses Corona-Ding als Chance ergreifen?“

Ganz spontan rief ich auf Facebook dazu auf, ob Menschen Lust haben, darüber zu erzählen, welch positive Erfahrungen und Erkenntnisse sie durch den Lockdown gemacht haben. Und da hatte ich einen Tag später eine Nachricht von Silvia in meinem Postfach. Ich bin mit Silvia schon lange auf Facebook befreundet, aber wir kennen uns nicht persönlich. Wir beide wissen nicht mal genau, wieso wir überhaupt dort befreundet sind. Vielleicht sind wir es genau für DIESE Begegnung, für DIESEN Austausch. Ich bin sehr berührt, dass mir eine fremde Person so viel von sich erzählt. Als Therapeutin bin ich das zwar gewohnt – auch wenn es mich hier noch jedes mal aufs Neue berührt. Doch dass jemand bereit ist, seine Geschichte öffentlich zu teilen und dies in meine Hände zu geben, ist etwas Neues.

Doris: Silvia, wie hast du den ersten Lockdown im Frühjahr erfahren?

Silvia: Als Corona im Frühjahr auftauchte, war ich wegen etwas anderem recht krank. 2019/2020 hatte ich 3 Operationen und hatte sowieso nicht viel Außenkontakt, da ich dadurch sehr auf mich zurückgeworfen war. Deshalb bekam ich von dieser Pandemie nicht wirklich viel mit.

Im Mai war ich wieder gesund und bin zum ersten mal zum Arbeiten auf die Alm. Für 4 Monate. Das war ein sehr besonderes Erlebnis für mich. Dort oben hatte ich auch nicht viele Berührungspunkte mit Corona. Obwohl wir dort auch einen Gastronomiebetrieb führten, gab es wenig Einschränkungen.
Ich hab Corona auch nicht als großes Ding wahrgenommen. Für mich war es nicht wichtig.

Doris: Wie ging es dann im Herbst weiter?

Silvia: Im September hab ich dann eine Ausbildung in einer Berufsfachschule für Musik in Dinkelsbühl angefangen.

Erst dort habe ich langsam realisiert, was sich alles verändert hat, während ich hoch oben auf der Alm war: Maske tragen im Unterricht, Abstand halten. Ich fing an stutzig zu werden. Gleichzeitig wollte ich es nicht wahrhaben. Doch ich merkte immer mehr, dass ich es nicht von mir fernhalten kann. Ich musste mich damit auseinandersetzen.
Am schlimmsten war dann die Ausgangssperre ab 21 Uhr. Eigentlich bin ich am Wochenende immer rausgefahren, zu meinem Bauwagen. Mein Rückzugsort.
Auf einmal hab ich mich dort unwohl gefühlt, weil ich ja nach 21 Uhr eigentlich nur dort sein darf, wo ich auch gemeldet bin, also nicht im Bauwagen, sondern in Dinkelsbühl.
Auch wenn ich den Nachbarsbauernhof besuchen ging, war da diese Angst, kontrolliert zu werden. Ich hab versucht mich selbst zu regulieren, der Angst nicht so viel Raum zu geben.

Doris: Wie genau gehst du da mit deinen Ängsten um?
Silvia: Ich muss mir erst darüber bewusst werden, dass ich überhaupt Angst habe. Mir hilft es, der Angst Raum zu geben, bewusst zu atmen und die Angst anzuerkennen. Und mich dann zu fragen, woher die Angst kommt, also wo ihr Ursprung liegt. Ist es eine Angst, die durch ein individuelles Trauma bedingt ist oder ist es eine Urangst, mit der jeder Mensch konfrontiert ist. Dann frage ich mich, was ich mit der Angst mache: Soll sie mich beherrschen, oder finde ich eine andere Lösung? Wie kann ich die Situation verändern? Für mich hieß dann die Lösung: Ich gehe wo anders hin, wo ich mich sicherer fühle.

Doris: An welchem Punkt hast du entschieden, an einen anderen Ort zu gehen?

Silvia: Als dann Mitte Dezember der Online-Unterricht einsetzte, beschloss ich, erstmal wegzugehen. Schließlich kann ich den von überall aus machen. Ich ging also auf einen Hof in Kärnten/Österreich. Dort habe ich von 2015 bis 2018 schon mal gewohnt. Damals verließ ich diesen Hof, da ich dort nicht mehr so viel Verantwortung tragen wollte in Zeiten, wo immer mehr Helfer auf den Hof kamen und es immer enger wurde. Damals waren wir als Hauptverantwortliche lediglich zu zweit. Heute ist es ganz anders, es gibt Arbeitskreise mit unterschiedlichen Verantwortlichkeiten.

Ich bin mit dem Hof stets gut im Kontakt geblieben und so fiel die Entscheidung nicht schwer, für eine Weile dort zurückzukehren. Ich fühle mich hier zu Hause, da ich mich hier sicher fühle. Ich weiß, dass dieser Hof relativ autark bestehen kann, egal was passiert. Er ist ein Sinnbild für mich, dass etwas Bestand hat, wenn man es gut aufbaut.
Letzte Woche war eine Frau zu Gast, die am Ende ihres Aufenthalts sagte: „Wow, ich hab bei meinem Aufenthalt hier bei euch komplett vergessen, dass es Corona gibt.“

Doris: Was hat die Zeit dort für dich bisher gebracht?

Silvia: Nun bin ich also seit Januar wieder hier und hab mich bald darauf verliebt. Ich erfahre hier sehr viel Unterstützung. Auch als es darum ging, zu reflektieren wieso ich diese Schule in Dinkelsbühl denn überhaupt noch mache. Ich habe da erst realisiert, dass wir auf der Schule total wenig aktiv musiziert haben. Nur Theorie gebüffelt. Das war nicht erst seit dem Online-Unterricht so, aber dadurch wurde es mir nochmal bewusster. Meine Kreativität hat extrem gelitten.

Um mir besser vorstellen zu können, wie es ist, nicht mehr dort zu sein, hab ich mich erstmal krank gemeldet. Und die Kreativität kam sofort wieder zurück. Es öffneten sich neue Welten. Erst in mir und dann auch um mich herum. Ich traf eine andere Musikerin, die ich schon von früher kannte, mit der ich sehr viel zusammen musizierte. Sie lud mich dann auch auf einen anderen Hof ein, wo noch mehr Musiker waren.

Doris: Inwiefern hatte Corona Einfluss auf deine Entscheidungen?

Silvia: Diese Entscheidungen so klar zu treffen, das hätte ich glaube ich ohne Corona nicht gemacht. Durch diese Maßnahmen wurde ich quasi dazu gezwungen, mir mein aktuelles Leben genauer anzusehen und inwiefern es wirklich meinen Vorstellungen entspricht.
Corona schließt Türen. Aber öffnet auch Neue.

Vor zwei Wochen hörte ich mir einen Vortrag an, wo es darum geht, wie wir von der Natur lernen, uns zu transformieren (Das Video findet ihr hier). Dort sprach die Frau über eine Göttin, die zwei Vögel auf ihren Schultern sitzen hat, die sie z.B. in Form von Krankheit zu den Menschen sendet, aber nicht um zu zerstören, sondern um auf etwas wichtiges hinzuweisen.

Doris: Wirst du nun länger auf dem Hof in Kärnten bleiben?

Silvia: Ich werde dort nicht längerfristig wohnen, obwohl ich weiß, dass ich willkommen bin.
Ich möchte noch mehr der Musik folgen und auf Höfen wohnen, wo ich mehr Musik machen kann.

Doris: Wie finanzierst du dich?

Silvia: Ich hab‘ auf der Alm das Geld für ein ganzes Jahr verdient und lebe komplett davon. Natürlich lebe ich auf den Höfen sehr kostengünstig, da ich dort mithelfe und Kost und Logis erhalte.

Doris: Wie ist die Arbeit auf der Alm?

Silvia: Es ist sehr, sehr schön und so richtig anstrengend gleichzeitig. Für mich war es eine  grandiose Zeit, weshalb ich diesen Sommer wieder dort arbeite.

Doris: Wie wichtig ist Gemeinschaft in deinen Augen für die neue Zeit?

Silvia: Super, super wichtig!
Ich selbst habe in der Corona-Zeit körperliche Nähe nur sehr wenig gehabt. Ich merke jetzt erst, durch meine neue Liebesbeziehung, wie ausgehungert ich war und wie mein Körper wieder richtig auftankt durch die körperliche Nähe. Wenn sogar das Umarmen wegfällt, entsteht da einerseits ein großer Verlust. Gleichzeitig habe ich auch hiervon gelernt, nämlich meine Grenzen besser zu spüren, wen ich denn überhaupt umarmen will und wen nicht.

Ich bin so froh über diese Hofgemeinschaft, wo mehrere Leute sind, wo Besuch kommt, Austausch da ist. Wo einfach immer Bewegung da ist. Das empfinde ich als ganz wichtig und heilsam.
Ich sehe uns Menschen als Herdentiere. Es gibt dort die Alphamenschen genau so wie die „Mitläufer“, das meine ich keinesfalls abwertend. Jede Rolle ist wichtig und seine eigene Rolle zu finden und zu akzeptieren. Eine Frau, die sich viel damit beschäftigt, sagte zu mir, ich wäre die „Graue Eminenz“. Eher still, eher zurückhaltend, eher im Hintergrund die Fäden ziehend. Wenn ich etwas teile und dann die Aufmerksamkeit spüre, war das für mich früher sehr unangenehm und ich wollte noch weniger sagen.
Nun spüre ich: in mir ist eine stille Autorität, die viel Wissen in sich hat, aber es niemandem überstülpt. Wenn ich etwas gefragt werde, kriegt man nicht immer eine Antwort, sondern eher „schau doch erstmal selbst.“
Dadurch, dass meine Rolle jetzt so klar ist, fühle ich mich darin wohler und verorteter in der Gemeinschaft.
Wie schön und wichtig es ist, wenn jeder seine Rolle findet und annimmt. Egal ob es der Stille oder der Laute ist. Diese Rollen können ja auch wechseln. Viel wichtiger ist das Bewusstsein darüber, wer du in der Gruppe bist und wie du das gestaltest.

Doris: Wie stehst du zu den sozialen Medien als Gemeinschaftsersatz?

Silvia: Ich finde die Vernetzung super und dass man sich über solch große Entfernungen unterhalten kann. In den sozialen Medien zeige ich allerdings nur das, was ich zeigen möchte. In der Gemeinschaft, im direkten sozialen Kontakt werde ich einfach gesehen, mit allem was da ist. Ich kann da nichts vorfiltern oder mir aussuchen, was ich gerade zeigen möchte.

Doris: Wo geht es für dich als nächstes hin?

Silvia: Anfang März werde ich nach Mittelfranken in meine alte Heimat. Danach, im April auf einen Hof in Mecklenburg-Vorpommern und dann nach Zürich. Im Sommer geht’s dann wieder auf die Alm.

Doris: Wieso ist die Entscheidung, auf Höfen zu leben, für dich die Richtige?

Silvia: Das praktische Musizieren steht bei mir sehr im Vordergrund. Auf Höfen und alternativen Wohnprojekten kann ich leichter Menschen finden, mit denen ich gemeinsam musizieren kann. Ich erhoffe mir, dass dort die Möglichkeiten trotz Corona erleichtert werden.

Liebe Silvia, ich danke dir ganz herzlich für dieses schöne Interview. Es hat mich inspiriert, wie klar du deinem Weg folgst.

Du erfährst die Pandemie auch als großartigen Wegweiser und Toröffner? Du möchtest mehr Menschen mit deinen Erfahrungen inspirieren? Dann schreib mir gern eine Nachricht und lass dich von mir interviewen!

Vom Erschaffen und Erschlaffen

Ein Update zu meinem Scham-Projekt

Foto: Sabrina Lieb

Nachdem ich ein dutzend Menschen in ihrem Scham-Dasein fotografiert habe – und dies wahnsinnig genoss, ist nun der Teil des Schreibens dran. Und es ist verdammt herausfordernd. Nur ich und das Papier. Erwartungen, die Angst haben nicht erfüllt zu werden, Erkenntnisse, die sich wieder und wieder über neue Erkenntnisse überschlagen. Ein fortwährender Salto im Erschaffen und Erschlaffen. Auf diese Zirkusnummer war ich nicht vorbereitet.

Ich wollte doch nur wissen, was Scham ist. Um besser auf sie vorbereitet zu sein.
Und dann das: Du kannst nicht darauf vorbereitet sein! Sie erwischt dich immer dann, wenn du es nicht erwartest.

Und doch gibt es da diese Erfahrung, ja eine für mich wirklich sehr wertvolle Erfahrung, nämlich dass ich Scham lieben lerne. Scham, du bist wunderbar! Doris, du bist wunderbar! Denn sind es nicht die größten Wachstumsmomente, wenn wir inmitten unserer puren Scham stehen, einfach nur weg wollen, im Boden versinken wollen – und gleichzeitig verdammt nochmal wissen wollen, was passiert, wenn wir stehen bleiben?
Und nichts anderes ist dieses Projekt.
In fortwährender Erschöpfung und Ekstase um meine eigenen Erkenntnisse, die mich dann wieder tiefer in mir ankommen lassen, befinde ich mich also in diesem Schaffensprozess.

Im Jungle der Prokrastination


Es läuft meistens ähnlich ab: Wenn ich meinen Jungle der Prokrastination mit meiner messerscharfen Machete durchforstet habe, am Strand ankomme, d.h. an meinem Schreibtisch sitze und endlich das erste Wort in mein Dokument tippe, ganz vorsichtig aufs Surfbrett steige, ein kleiner Angsthase auf einem rießigen Surfbrett, der bei jeder kleinen Welle, die mein Brett zum wackeln bringt, ganz panisch wird. Um mich dann doch wieder kräftig mit dem Paddel anzustoßen.

Kräftig und doch nicht greifbar


Mutig streife ich durchs Wasser, das solch eine Kraft hat und doch nie greifbar ist. Irgendwann fühle ich mich wie eine mehrfache Gewinnerin von Surf-Wettbewerben und reite ganz cool und geschmeidig auf den Wellen, meine Finger gleiten nur so über die Tastatur und wollen gar nicht mehr aufhören, die sich immer wieder neu gebärenden Wortkonstrukte aufs Papier zu bringen. Mir ist egal, wie viel oder wenig davon später im Buch landet, ob es gerade in irgendeiner Weise nachvollziehbar ist für andere Menschen, ich hab einfach Bock zu surfen!
Also, wenn du nun immer noch wartest, auf den einen Ratschlag, wie du mit deiner Scham umgehen sollst, damit dieses komische Ding irgendwann mal erträglicher wird, dann ist es das: sie erfahren!

Wenn du Bock hast bei meinem Scham-Projekt mitzumachen: Hier gibts mehr Infos